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Abschied vom großen Bruder

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erstellt am 29.Apr.2013 | 09:44 Uhr

Schwerin | April 1993. Für die russische Offiziersfrau Katerina Lepina war die Zeit des Abschieds von Schwerin gekommen. Drei Jahre lebten sie, ihr Mann und die damals zehnjährige Tochter in einer Neubauwohnung auf dem Großen Dreesch. In einem rostigen Container vor dem Hauseingang standen bereits die Möbel. "Zu Hause ist zu Hause", sagte die 31-jährige Russin damals im Gespräch mit unserer Redaktion. Doch wie es in der Heimat aussah, wusste sie nur aus den Briefen von Verwandten und aus den Medien. Die Sowjetunion war im Umbruch.

Ihr Mann verließ als einer der letzten Offiziere der russischen Streitkräfte Schwerin. Neuer Stationierungsort war Omsk. Zum Abschied marschierten er und seine Kameraden am 28. April 1993 auf einer feierlichen Parade an Ministerpräsident Berndt Seite (CDU), Oberbürgermeister Johannes Kwaschik (SPD) und den Oberkommandierenden Madwej Burlakow vorbei. "Die Nachkriegszeit ist endgültig vorbei", freute sich danach Regierungschef Seite.

Mit 20 000 stationierten Soldaten war die Landeshauptstadt neben Neustrelitz der größte Truppenstandort der Westgruppe der Streitkräfte in Mecklenburg-Vorpommern. Im ganzen Land waren 65 000 russische Armeeangehörige in 127 Militärobjekten auf einer Fläche stationiert, die mit 21 755 Hektar doppelt so groß wie die Müritz ist.

Das Leben in den Kasernen war härter als das beim deutschen Waffenbruder Nationale Volksarmee (NVA). Schlafsäle mit bis zu 120 Betten waren die Regel und ließen keinerlei Privatsphäre zu. Die "Dedowschtschina", die "Herrschaft der Großväter", entsprach der EK-Bewegung in der NVA und stand für die Unterdrückung der Rekruten durch dienstältere Soldaten. Hinzu kam eine nationale Rangordnung - Russen oben, Ukrainer, Balten und Kaukasier darunter. Ausgang gab es nur ausnahmsweise und dann streng organisiert in Gruppen, und ein Urlaub in der Heimat war als Auszeichnung nur wenigen vorbehalten. Immer wieder kam es zu Zwischenfällen. In Schwerin explodierte im Juni 1984 an der Ludwigsluster Chaussee mehrere Stunden lang ein Munitionsdepot. Opfer gab es auf deutscher Seite glücklicherweise nicht. Der fahrlässige Umgang der sowjetischen Truppen mit scharfer Munition war schon sprichwörtlich geworden. Ebenfalls in Schwerin fand ein Spaziergänger im Januar 1987 in einem Waldstück 20 scharfe Handgranaten. Die waren in Stern Buchholz von Sowjetsoldaten schlicht vergessen worden.

Mit dem Jahr 1989 änderte sich die Situation für die Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland grundegend. Die friedliche Revolution in der DDR stellte die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten auf die Tagesordnung. Im Zwei-plus-Vier-Vertrag stimmte die Sowjetunion im September 1990 zu und erklärte sich zum Abzug ihrer Truppen bis 1994 bereit.

Eine der größten Truppenbewegungen in Friedenszeiten wurde zur logistischen Meisterleistung. Bereits 1988 hatt Moskau seine atomaren Mittelstreckenraketen abgezogen - darunter auch aus dem mecklenburgischen Warenhof, wo rund 20 mobile Raketen des Typs SS 12 stationiert waren.

Doch jetzt mussten 546 200 Soldaten, Zivilangestellte und Familienangehörige, 4100 Kampfpanzer, 8000 gepanzerte Fahrzeuge, 3600 Artilleriesysteme, 95 000 Kraftfahrzeuge und 677 000 Tonnen Munition über tausende Kilometer Richtung Heimat verlegt werden.

Da Polen die Transitgebühren enorm anhob, wurde das meiste Material mit Fähren und Frachtschiffen über die Häfen Mukran auf Rügen, Rostock und zeitweise auch Wismar in die GUS-Staaten verlegt.

Zurück blieben in Mecklenburg-Vorpommern etwa 200 Soldatenfriedhöfe für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Sowjetsoldaten, die bis heute von Kommunen und Vereinen gepflegt werden.

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