Beziehung zum Nachbarland ist geprägt von Unwissen und Vorurteilen : Polen - das unbekannte Nachbarland?

Die Deutschen wissen nach Meinung eines Experten noch immer zu wenig über ihre polnischen Nachbarn - halten sie aber nicht mehr für faul. Es gebe insgesamt immer noch "ein Überlegenheitsgefühl" der Deutschen.

svz.de von
15. Januar 2013, 09:17 Uhr

Waren | Die Deutschen wissen nach Meinung eines Experten noch immer zu wenig über ihre polnischen Nachbarn - halten sie aber nicht mehr für faul. "Das ist ein Erfolg der polnischen Handwerker seit dem EU-Beitritt 2004", sagte der Politikwissenschaftler Niels Gatzke in Waren. Insgesamt gebe es immer noch "ein Überlegenheitsgefühl" der Deutschen. Im Zuge der Bundestagswahl 2013 müsse man mit einer Wiederbelebung von polnischfeindlichen Vorurteilen und Stereotypen durch Rechtsextreme rechnen.

Gatzke leitete zwei Jahre das Projekt "perspektywa" der Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) gegen Polen-Ressentiments in Waren. Es wurde unter anderem vom Bundesinnenministerium gefördert. "Die Vorurteile sind enorm langlebig, es wird immer wieder daran angeknüpft", sagte Gatzke. Sein Team hat jetzt das Buch "Probleme mit Polen?" vorgelegt und eine Bildungsanleitung entwickelt. Dazu wurden unter anderem Menschen in Vorpommern befragt und Erhebungen mehrerer polnischer und deutscher Institute ausgewertet. Die Ressentiments: Polen seien unordentlich und stehlen, aber sie bringen keinen um. Außerdem sei es grau und schmutzig beim östlichen Nachbarn.

"Diese Feindbilder gab es schon 1890, als Mecklenburger und Pommern wegen wirtschaftlichen Problemen nach Westen und Süden gingen, daran wurde nach 1990 angeknüpft." Vor allem die rechtsextreme NPD mache sich im strukturschwachen Vorpommern so etwas immer wieder zunutze. "Die Rechtsextremen nehmen regionale Probleme - wie Lkw-Verkehr in Löcknitz - und laden sie national auf", verdeutlichte Gatzke, der inzwischen im Regionalzentrum für demokratische Kultur in Anklam arbeitet. Es heiße dann, das sind alles polnische Lkw, obwohl es viele deutsche Firmen gibt, die in Polen produzieren, dorthin liefern oder mit polnischen Speditionen kooperieren. Auch historisch sei belegt, dass Vorurteile schnell wiederbelebt werden könnten. "In der DDR gab es eigentlich positive Bilder vom Nachbarn, aber als in Polen die Solidarnosc entstand, mussten Stasi-Mitarbeiter in Kneipen erzählen, wie schlampig das doch alles in Polen sei." Selbst im Westen Deutschlands, wo es in den 1980er Jahren ein positives Bild von den Polen gab, hat sich das nach 1990 - vor allem mit der Zunahme der Kriminalität - gewandelt.

"Wir brauchen viel mehr Bildungsarbeit, vor allem an Schulen und das mindestens entlang der Grenze", forderte Gatzke. Lehrer müssten lernen, wie sie mehr polnische Themen im Unterricht verankern können. "Muss es immer ein Shakespeare-Gedicht sein, kann es nicht auch mal eines von einem polnischen Autor sein?" Es sollten nicht alle zu "Polenbegeisterten" erzogen werden, aber man müsse mehr über Polen wissen. Bei der Bundestagswahl 2009 hatten Rechtsextreme für Schlagzeilen gesorgt, als Plakate mit der Aufschrift "Polen-Invasion stoppen" aufgehängt wurden. Bürgermeister und Landrat ließen die Plakate abhängen. Dann begann ein juristisches Tauziehen, bis das Bundesverfassungsgericht das Verbot bestätigte.

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