Flüchtlingstagebuch : Plötzlich machten sie „peng, peng“

Lisa Kleinpeter und Mohabeim ersten Treffen.
Lisa Kleinpeter und Mohabeim ersten Treffen.

Unsere Redaktion begleitet den Syrer Moha in den nächsten Wochen und Monaten (Teil 2)

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22. September 2015, 08:00 Uhr

Moha ist aus Syrien geflohen, als er in den Bürgerkrieg ziehen sollte. Seit über einem Jahr ist er auf der Flucht. Vor einer Woche erreichte er Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern ist er in einer Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht. Er hofft auf einen Neuanfang. Unsere Redakteurin Lisa Kleinpeter wird ihn auf seinem Weg in den nächsten Wochen begleiten und in einem Flüchtlingstagebuch immer wieder über Moha berichten.

Mit einem inzwischen vertrauten Summen ploppt eine Facebook-Nachricht auf meinem Handy auf. Moha hat Bilder von Freunden und sich in Schwerin geschickt. Im Hintergrund sieht man das Schloss. „Schön. Wie hat es dir gefallen?“, tippe ich zurück. „Es ist eine schöne Stadt, aber...“, schreibt Moha. „Aber was?“ Doch Moha antwortet nicht sofort.

Seit knapp einer Woche halten er und ich per Handy Kontakt. Moha kommt aus Syrien. Seit etwa zwei Wochen ist er in Deutschland. Hier hofft er auf eine bessere Zukunft, nachdem er vor einem Jahr Syrien, seine Heimat und seine Familie verließ. Die Armee wollte ihn einziehen. Moha hätte in den Krieg gemusst und auch gegen seine eigenen Landsleute kämpfen sollen. „Hast du gesehen, wie Menschen erschossen wurden?“, fragte ich ihn. „Nein. Und das will ich auch nicht“, antwortete er.

Das erste Mal traf ich Moha in einer Notunterkunft der Erstaufnahmeeinrichtung Horst. Dort ist er noch immer untergebracht. Sein Alltag ist seitdem sehr monoton. Es gebe nicht viel zu tun, beklagt er sich häufiger. „Es ist langweilig.“ Viel Zeit bedeutet auch, viel Zeit zum Nachdenken zu haben.

Nur manchmal gibt es etwas Ablenkung. Zum Beispiel, wenn die Armee da ist, um Kleiderspenden aus dem Lager für andere Flüchtlinge zu holen. Oder als eine Familie aus Tschetschenien das Camp verlassen musste. „Nachts gab es plötzlich eine Schlägerei zwischen zwei Kindern, und dann haben sich die Eltern eingemischt“, hatte Moha erzählt. Die Stimmung wäre gespannt. Das ewige Warten würde alles nur noch schlimmer machen. „Worum ging es bei dem Streit?“, fragte ich. „Das weiß ich nicht. Das weiß wohl niemand. Die sprechen nicht einmal die- selbe Sprache.“

Plötzlich brummt mein Handy wieder: „Ich habe in Schwerin viele Neonazis gesehen. Plötzlich hielten sie meinem Kumpel zwei Finger an den Kopf und machten: ‚Peng, peng‘.“ Ich schlucke. „Ist euch was passiert“, frage ich vorsichtig. „Nein“ – „Was hast du gemacht?“ – „Gar nichts. Ich weiß nicht, was ich hätte tun können.“

Was muss in den Köpfen mancher Menschen vorgehen, jemanden symbolisch zu töten. „Hattest du Angst?“ – „Nein. Natürlich hatte ich keine Angst. Denk daran: Ich komme aus Syrien. Ich habe so etwas 100 Mal gesehen. Ich habe keine Angst vor einem Finger.“

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wie ich das Verhalten erklären soll. Ich habe das Gefühl, mich entschuldigen zu müssen. Doch Moha ist nicht sauer. Was er dann schreibt, überrascht mich sehr. „Es ist okay. Ich denke, überall gibt es dumme Menschen. Es gibt ein paar dumme Menschen in diesem Land und es gibt viele dumme Menschen in unserem Land.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier

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