Manuela Schwesig : Plötzlich Landesmutter

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD)
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Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD)

In 14 Jahren vom Parteieintritt bis zur Landesspitze. Manuela Schwesigs Blitzkarriere und jähen Wendungen

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30. Mai 2017, 17:45 Uhr

Dieser Wechsel galt schon seit langem als abgemacht. Aber der Zeitpunkt kommt überraschend. Er ist nicht der richtige. Aber das ist er ja bei Krankheit nie. Noch vor Jahresfrist sagte Erwin Sellering im Interview mit unserer Zeitung: „Ich trete für fünf Jahre an. Ich habe vier Minister gefördert, die so um die 40 Jahre alt sind. Da ist es naheliegend, dass es Spekulationen gibt. Aber diese Spekulationen sind grundlos.“ Das Wahljahr 2021 hatten Sellering und Manuela Schwesig bis gestern für die Staffelstabübergabe im Blick.

Nun macht ihnen das Leben einen Strich durch die Rechnung. Erst vor zwei Wochen war Schwesig von ihrer Partei zur Spitzenkandidatin der Landes-SPD für die Bundestagswahl gewählt worden. Sellerings schweres Schicksal trifft sie im beginnenden Wahlkampf. Das ist wie eine Vollbremsung auf der Autobahn. Aber den Zeitpunkt konnte sich keiner von beiden aussuchen. „Für mich war immer klar, dass ich irgendwann nach Schwerin zurückkomme“, sagt Schwesig, deren kleine Tochter erst im März ein Jahr alt wurde, unserer Zeitung, „aber nicht unter diesen schlimmen Umständen.“

Noch weiß in der SPD niemand, wie der Wechsel an der Spitze der Landesliste zur Bundestagswahl genau vonstatten gehen kann. Gestern tagte die Landtagsfraktion, die in emotionaler Stimmung Sellering für seine Arbeit dankte und Schwesig nominierte. Diese sagte hinterher:„Die Bürgerinnen und Bürger können sich in dieser Situation auf mich verlassen.“ Dem Westfalen Sellering folgt wieder ein Ostgewächs an der Landesspitze.

Im Wahlkampf ist es allerdings ein herber Verlust für die SPD. Und für Manuela Schwesig ist es zum wiederholten Male ein Perspektivwechsel in ihrer politischen Karriere, die sie vom Eintritt in die SPD im Jahr 2003 zur Stellvertretenden Bundesvorsitzenden 2009, zur Bundesministerin 2013 und jetzt voraussichtlich zur Ministerpräsidentin führt. Zur aktuell jüngsten Regierungschefin in Deutschland – Schwesig wurde erst am 23. Mai 43 Jahre alt.

„Ich habe das so nicht geplant“, sagt sie einmal am Beginn ihrer Blitzkarriere unserer Zeitung. „Die Dinge entwickeln sich manchmal schneller, als man selbst denkt.“ Das klingt ehrlich. Schwesig ist glaubhaft. Das ist ihr Pfund. Sellering war es, der die Schweriner Kommunalpolitikerin im Herbst 2008 in sein Kabinett holte. Ihm ist sie persönlich und politisch verbunden. Eigentlich war sie dem Regierungschef damals zu jung. „Vielleicht 2016“, sinnierte er einmal in interner Runde. Da war sie noch Amtsrätin im Finanzministerium. Im Steuerrecht kannte sie sich aus. Trockene Materie.

Schwesig hat keine langen Jahre der Flügelkämpfe bei den Jusos hinter sich. Bei den Kommunalwahlen 2004 trat sie für das Stadtparlament in Schwerin an. 2007 wurde sie dort Vorsitzende der SPD-Fraktion. Da lag die neunköpfige Truppe quasi am Boden. Die SPD setzte auf unverbrauchte Gesichter. „Jung, attraktiv, ostdeutsch“ – das war ihr Markenzeichen. 2009 wurde sie damit Mitglied in Frank-Walter Steinmeiers Wahlkampfteam und gilt seither als dessen Schützling. Oft genug sind sie und ihr Mann Stefan mit Steinmeier und dessen Frau, Elke Büdenbender, in ihrer Heimatstadt Schwerin zu sehen. Zu ihrem 40. Geburtstag war Steinmeier Gast.

Aber die Diplom-Finanzwirtin agierte als Jungpolitikerin zunächst oft hölzern. Stanzen in Interviews wurden ihr nachgesagt. Dennoch war sie gern gesehener Gast in nahezu jeder Fernsehshow von Anne Will am Sonntag bis zur Samstagabend „Ein Herz für Kinder“. Inzwischen beherrscht sie die Klaviatur der Medien, ist Liebling von „Bild“, schreibt mit Maria Furtwängler Gastbeiträge zum Frauentag.

Im Kabinett Sellering drückte die Sozialministerin 2008 aufs Tempo: „Familienpolitik fängt für mich bei der Geburt an und geht bis zur Palliativ- und Hospizarbeit. Für alle Lebenslagen muss eine Antwort gefunden werden.“ Sie hat immer Antworten. Sie ist immer fleißig. Sie gilt als strenge Chefin. 2013 wird sie Bundesministerin. Auf ihrer ersten Auslandsreise mit dem Bundeskabinett hatte die junge Familienministerin mit ihrer Flugangst zu kämpfen. Kabinettssenior Wolfgang Schäuble (CDU) war es, der ihr gut zu sprach.

Andererseits hat für sie die Familie stets Vorrang. „Der Sonntag gehört der Familie“, sagt sie und füllt das auch aus. Manchmal zur Verzweiflung ihrer Mitarbeiter im Ministerium. Den Kontakt zur SPD im Land verlor Schwesig nie. Sie war zur Stelle, wenn es um Wahlkreisarbeit und um Koalitionsgespräche ging. Politische Gegner fanden sie zu präsent. Der CDU-Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns, Lorenz Caffier, bezeichnete sie einmal als Küstenbarbie. „Da habe ich mir überlegt, ob ich ihn einen Ken ins Ministerium schicke“, Humor hat sie also auch. Und sie kann garstig werden. Als gestern die Landes-Linke einen „wirklichen politischen Neuanfang“ von Schwesig forderte, reagierte diese: „Es stände allen gut zu Gesicht, wenn sie heute Erwin Sellering Respekt zollten und nicht gleich mit dem politischen Klein-Klein anfangen.“ Schwesig gilt nicht als Freundin von Linkskoalitionen.

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