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"Age Man"-Anzug für Medizinstudenten : Plötzlich 80

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Wie empfindet ein alter Mensch die Welt? Das Evangelische Geriatriezentrum Berlin nutzen seit einigen Wochen einen speziellen Anzug für die medizinische Lehre. Der "Age Man"-Anzug hilft bei der Simulation.

svz.de von
erstellt am 22.Dez.2011 | 10:00 Uhr

Berlin | Die Geräusche sind dumpf wie unter Wasser, das Sichtfeld ist eingeschränkt wie mit Scheuklappen. In die Hocke gehen, um etwas aufzuheben? Gar nicht dran zu denken! Im Altersanzug "Age Man" erlebt man, wie es sich anfühlt, alt zu sein. Dafür sorgen Gewichte an den Gelenken und eine ebenfalls bleischwere Latzhose sowie eine Jacke. Außerdem gehören ein Helm mit einem gelblichen Sichtfenster, spezielle Kopfhörer und Handschuhe zur Ausrüstung des "Age Man", der an einen sehr behäbigen Roboter erinnert.

Das Evangelische Geriatriezentrum Berlin, an dem Medizinstudenten der Charité ausgebildet werden, nutzt den speziellen Anzug seit einigen Wochen für die medizinische Lehre. "Die Studierenden sollen so ein besseres Verständnis für die Lebenswelt eines älteren Menschen erlangen. Praktische Selbsterfahrung kann hier mehr bewirken als theoretische Vermittlung", sagt Rahel Eckardt, Oberärztin für Geriatrie (Alterskunde).

Mehr Geduld, mehr Verständnis, mehr Einfühlungsvermögen. Wer einmal versucht hat, mit den Alters-Handschuhen das passende Kleingeld aus dem Portemonnaie zu fischen, wird nie wieder an der Supermarktkasse schimpfen, wenn eine alte Dame beim Bezahlen etwas länger braucht.

Das in Saarbrücken ansässige Unternehmen, das den "Age Man" herstellt, hat bereits 1995 den ersten Altersanzug entwickelt. Ab 2008 wurde das jetzige Modell ausgeliefert. "Unser Schwerpunkt liegt in der Medizinerausbildung, in Altenpflegeschulen und Verkehrsbetrieben", erklärt Hersteller Gundolf Meyer-Hentschel. Die Berliner Verkehrsbetriebe schulen ihre Busfahrer und ihr Servicepersonal mit Hilfe der Alters-Simulation.

Auch die Forschung soll vom "Age Man" profitieren - zum Beispiel die Automobilbranche: "Wissenschaftler und Ingenieure können sich so besser in den Zustand von älteren Menschen hineinversetzen und zum Beispiel den Fahrraum und Bedienelemente auf die speziellen Bedürfnisse Älterer anpassen", sagt Medizinerin Eckardt.

Volker Schmidt vom Deutschen Senioren Ring betont, dass eine Alters-Simulation keine Tatsachen vermittele, sondern eher das Gefühl: "Aha, so könnte sich Alter anfühlen." Man sollte nicht vergessen, dass das Alter facettenreich sei. "Der eine sieht schon mit 55 schlecht, der andere hat mit 90 noch Adleraugen." Man sieht aber natürlich, dass Motorik und Wahrnehmung mit der Zeit immer schlechter werden.

Ein konkretes Alter soll der Anzug nicht vermitteln, wohl aber die nachlassenden Kräfte. "Der Verlust an Muskelkraft und Muskelmasse ist für viele ein besonders schwerwiegendes Problem", sagt Ärztin Eckardt.

Durch Stürze gerät die Selbststständigkeit der älteren Menschen in Gefahr. Viele schränken sich in ihren Bewegungen aus Angst vor weiteren Unfällen zunehmend ein.

Diese Angst wird im Anzug nachvollziehbar. Das Schlimmste ist die Wahrnehmung. Blau und Grün lassen sich kaum unterscheiden. An Gesprächen teilzunehmen, ist nur dann möglich, wenn man direkt von vorne angesprochen wird. Geräusche von der Seite oder von hinten sind kaum zu verstehen und lassen sich nicht zuordnen.

Als der "Age Man" nach etwa einer Stunde wieder zusammengefaltet in seiner Kiste liegt, fühlt sich alles federleicht an.

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