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Orientierungslos im Simulationsanzug : Plötzlich 70: In Minuten gealtert

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Noch ist alles beim Alten, noch fühle ich mich jung, beweglich und vor allem eines: gesund. Denn noch bin ich 28 Jahre alt. Das wird sich aber in den nächsten Minuten ändern, denn gleich werde ich um 42 Jahre altern.

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erstellt am 09.Mär.2012 | 12:22 Uhr

Seehof | Noch ist alles beim Alten, noch fühle ich mich jung, beweglich und vor allem eines: gesund. Denn noch bin ich 28 Jahre alt. Das wird sich aber in den nächsten Minuten Stück für Stück ändern, denn gleich werde ich um 42 Jahre altern. Es ist 11.20 Uhr: Im Wohn- und Pflegezentrum Seehof schlüpfe ich in einen Alterssimulationsanzug. Einrichtungsleiter Martin Franz hat diesen Anzug für rund 3500 Euro gekauft, um vor allem seinen Mitarbeitern und sich selbst zu verdeutlichen, wie schwer der Alltag zu bewältigen ist, wenn die Altersgrenze weit über 70 Jahre liegt. "Unsere Mitarbeiter dürfen selbst entscheiden, ob sie diesen Anzug einmal anziehen und ein paar Aufgaben erledigen wollen", erklärt Martin Franz. Zusammen mit seiner Pflegedienstleiterin Ina Baartz hilft er mir in den Anzug.

Zunächst bekomme ich eine Weste über den Kopf gezogen. Sie erinnert mich an eine schusssichere Weste, wie sie Polizisten eines Sondereinsatzkommandos tragen. Hinzu kommt, dass dieses neue Kleidungsstück ziemlich schwer ist. Doch noch schmerzt der Rücken nicht, ich kann mich nur nicht mehr so gut bewegen wie vorher. Stück für Stück nehmen mir der Einrichtungsleiter und die Pflegedienstleiterin meine Bewegungsfreiheit. Ich fühle mich zusehends eingeschränkt, vor allem als die Halskrause, die Handschuhe, die schweren Handgelenks- und Fußmanschetten hinzu kommen. Um meine Knie und Ellenbogen bekomme ich weitere Manschetten - ohne Gewichte - doch auch hier merke ich, wie eingeschränkt ich jetzt in meinen Bewegungen bin. Nach ungefähr zehn Minuten sitzt der so genannte Alterssimulationsanzug perfekt. Nur noch den Hörschutz aufsetzen, der mir verdeutlichen soll, wie wenig ich später im Alter vielleicht noch höre. Danach suche ich mir eine Brille aus - jede steht für eine andere Erkrankung: Grauer Star, Grüner Star, einseitige Netzhautablösung oder Diabetische Retinopathie, eine Erkrankung der Netzhaut durch jahrelange Diabetes hervor gerufen. Ich entscheide mich für die Brille, die die Diabetische Netzhauterkrankung bei mir simulieren soll. Aufgesetzt bemerke ich sofort, wie ich ein wenig die Orientierung verliere. Scharfes Sehen ist jetzt nicht mehr möglich. "Sie tragen jetzt zwischen 30 und 40 Kilo gramm mehr am Körper", verdeutlicht mir Martin Franz. Er steht mir gegenüber und spricht zu mir, doch seine Lippenbewegungen kann ich nicht mehr erkennen. Auch das Hören fällt mir immer schwerer. Ich muss mich genau konzentrieren, um Martin Franz richtig zu verstehen.

Die nächste Herausforderung steht mir kurz bevor. Ziemlich schwerfällig bewege ich mich auf die Tür des Zimmers zu. Die Türklinke runterdrücken, das geht noch, doch ich merke, wie wenig ich nur noch meine Hände auf und zu machen kann. Die ersten Schritte auf dem Flur des Pflegeheimes in Seehof sind alles andere als angenehm. Ich fühle mich, als laufe ich auf Eiern. Meine Arme habe ich vorgestreckt, damit ich nirgends gegen laufe. Denn sehen kann ich so gut wie überhaupt nicht mehr. Ich erahne nur noch, dass vor mir auf dem Flur irgendwo drei Stühle stehen. Alltägliche Situationen, wie spazieren gehen, werden mit jedem Schritt in diesem Anzug schwerer. Nach einer kleinen Runde an der frischen Luft geht es wieder rein ins Gebäude. Er passt auf, damit mir nichts passiert. Mein Gefühl für Orientierung hat mittlerweile völlig versagt. Viel Zeit ist noch nicht vergangen, seitdem ich in meinen zirka 70-jährigen Körper geschlüpft bin. Doch vom Gefühl her kommt es mir viel länger vor. Mein Selbsttest aber ist noch lange nicht vorbei. Denn jetzt kommen weitere Alltagssituationen auf mich zu. "Setzen Sie sich", bittet mich Martin Franz. Selbst das fällt mir nicht mehr leicht, denn mittlerweile spüre ich jeden einzelnen Knochen meines Körpers. Die Gewichte in der Weste und in den Manschetten haben ihre Aufgabe erfüllt: Ich fühle mich nicht mehr wie 28 Jahre, sondern alt. Auf dem Tisch vor mir liegt eine Zeitung. Jetzt trage ich die Brille mit dem Grauen Star. Zeitung lesen - eine Leichtigkeit, denke ich mir. Aber ich werde eines Besseren belehrt. Teilweise muss ich die Zeitung nah an meine Augen führen, damit ich überhaupt noch etwas erkennen kann. Wirklich angenehm ist das nicht. Auch Radio hören, ein Brötchen schmieren, Kaffee in eine Tasse gießen oder sich einfach im Bett umdrehen und allein wieder aufstehen, fordern mich heraus. All das sind Dinge, über die sich kaum einer im Alltag Gedanken macht, wenn das Gehör, die Augen, die Hände noch voll funktions tüchtig sind. Doch mit fortschreitendem Alter wird das immer weniger so sein. "Das Älterwerden ist ein schleichender Prozess", sagt Martin Franz. "Hinzu kommt, dass nicht alle Beschwerden, die der Anzug verdeutlicht, plötzlich da sind. Wir wollen unsere Mitarbeiter und auch andere einfach ein bisschen dafür sensibilisieren, mit welchen Handicaps ältere Leute im Alltag zu kämpfen haben."

Es ist 12.10 Uhr, wie ich auf meiner Armbanduhr wieder deutlich erkennen kann, denn eine Brille trage ich nicht mehr. Mehr als eine halbe Stunde lang fühlte ich mich wie eine über 70-Jährige. "Sie haben länger im Anzug gesteckt als ich", so Martin Franz. Nach all den kleinen Aufgaben habe ich aber genug. Martin Franz und Ina Baartz befreien mich vom Alterssimu lationsanzug. Das Gefühl ohne Bein- und Handgelenksmanschetten, ohne Gewichtsweste, Handschuhe und Halskrause ist befreiend. Angst vorm Älterwerden habe ich durch diesen Selbsttest aber nicht bekommen - doch mehr Verständnis für ältere Menschen.

HINTERGRUND

Lehrbeispiel Alter

Der so genannte Alterssimulationsanzug soll gerade für Jüngere das Alter erlebbar machen. Der Anzug verdeutlicht altersbedingte Einschränkungen wie Eintrübung der Augenlinse, Einengung des Gesichtsfeldes, Hochtonschwerhörigkeit, Einschränkung der Kopfbeweglichkeit, Gelenkversteifung, Kraftverlust, Einschränkung des Greif- und des Koordinationsvermögens. Medizinstudenten der Julius-Maximilian-Universität Würzburg haben die Wirksamkeit der Alterssimulation in der Praxis getestet. Die Mehrheit der Studenten konnte sich nach dem Test
besser in die Situation eines älteren Menschen hineinversetzen.


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