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German Pellets Wismar : Pleitenkarussell dreht sich weiter

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Zahl der in den Insolvenzstrudel des Stammhauses German Pellets GmbH geratenen Tochterunternehmen steigt auf acht Firmen

svz.de von
erstellt am 13.Apr.2016 | 06:30 Uhr

Das Desaster um die insolvente German Pellets GmbH in Wismar hat innerhalb der Unternehmensgruppe weitere Tochterfirmen in das wirtschaftliche Aus gerissen. Nachdem das Stammhaus am 10. Februar dieses Jahres die Insolvenz beantragt und kurz darauf vier Tochterfirmen ebenfalls die Zahlungsunfähigkeit annonciert hatten, ereilte dieses Schicksal im März drei weitere Unternehmen.

Die German Horse Pellets GmbH und die German Pellets Trading GmbH meldeten am 11. März die Insolvenz an, vier Tage später folgte die Südpell GmbH. Alle drei Gesellschaften sind in Wismar ansässig. Damit sind von der Pleite des nach eigenen Angaben weltgrößten Herstellers für Holzpellets bis dato acht German-Pellets-Firmen direkt betroffen. Das vom geschäftsführenden Gesellschafter Peter Leibold 2005 gegründete German-Pellets-Konglomerat umfasste zuletzt 27 Firmen im In- und Ausland, an denen das Stammhaus zumeist zu 100 Prozent beteiligt ist.

Interesse von mehr als hundert Investoren

Insolvenzverwalterin Bettina Schmudde, die in sechs der bisher acht Pleitefällen ihres Amtes waltet, ist intensiv damit beschäftigt, im Leiboldschen Firmengeflecht die Chancen für einen Fortbestand der Unternehmensgruppe auszuloten. Primäres Ziel sei es, German Pellets möglichst im Paket an einen Investor zu veräußern, heißt es aus der beauftragten Hamburger Insolvenzkanzlei White & Case. An Interessenten mangelt es offenbar nicht. Bis zu 130 potenzielle Investoren sollen kurzfristig ihre Übernahmebereitschaft signalisiert haben. Auf rund 30 mögliche Käufer hat die Insolvenzverwaltung den Interessentenkreis mittlerweile eingedampft. Diese erfüllten die grundlegenden Kriterien für ernsthafte Gespräche und realistische Kaufofferten.

Im vorläufigen Insolvenzverfahren zeichnet sich aktuell ab, dass es zum Ende dieses Monats bzw. Anfang Mai zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens kommen wird. Eine entsprechende Empfehlung werde für das zuständige Amtsgericht vorbereitet, war bei White & Case zu erfahren.

Um die Chancen für eine Paketlösung bestmöglich zu wahren, hatte Bettina Schmudde bereits Anfang März die Wiederaufnahme der Pellets-Herstellung im Wismarer Stammwerk bewirkt. Ein produzierendes Unternehmen ist ein attraktiveres Investitionsobjekt als ein stillgelegtes, weil auf diese Weise auch die bestehenden Marktanteile von German Pellets weitgehend gehalten werden können. Am 29. März wurde auch im Pellets-Werk Ettenheim (Baden-Württemberg) die Produktion wieder hochgefahren.

Mit dem Segen des Gläubigerausschusses und dem Geld aus einem Massekredit garantiert die Insolvenzverwalterin den Rohstofflieferanten, dass deren Rechnungen beglichen werden. Wochen vor der Insolvenz war die Pellets-Produktion zum Erliegen gekommen, weil gefoppte Lieferanten den Rohstoffzufluss stoppten.

Indes ist für das German-Pellets-Werk in Torgau nach Angaben von White & Case das Insolvenzverfahren bereits eröffnet worden. Zudem wurde Ende März aus dem Portfolio der insolventen Südpell GmbH, Wismar, die österreichische Glechner-Gruppe an die Firmengründer Gerhard und Bernhard Glechner zurück verkauft. German Pellets hatte 2012 den Pellets-Hersteller Glechner, der seine Produkte unter der Marke „Hot’ts“ vertreibt und über zwei Produktionswerke in Österreich und eines in Pfarrkirchen (Bayern) verfügt, erworben.

Um Zeit zu gewinnen, den nachhaltigen Bestand von German Pellets zu sichern und damit möglichst viele der zuletzt ca. 600 Arbeitsplätze in der Gruppe, hat die Insolvenzverwaltung nach eigenen Angaben das Mitarbeiter-Insolvenzgeld für den Monat Januar 2016 abgelöst. So ist die Lohnzahlung nun bis Ende April gewährleistet. Bereits im Januar dieses Jahres waren bei German Pellets keine Löhne und Gehälter mehr gezahlt worden.

Unternehmen mit Perspektive?

Bettina Schmudde geht von einer Perspektive für German Pellets aus. Der Holzpellets-Markt zeigt sich im Umfeld eines niedrigen Ölpreises relativ konstant, was unter anderem daran liegt, dass die installierte Pellets-Heizbasis ein gewisses Absatzvolumen bedingt. In Deutschland wurden 2014 und 2015 jeweils rund 1,8 Millionen Tonnen Holzpellets verbraucht. Zurzeit läuft die Einlagerungssaison für den nächsten Winter.

Neben den unternehmensinternen „Aufräumarbeiten“ entwickelt sich auf der finanziellen Ebene die German-Pellets-Pleite zu einem TV-reifen Wirtschaftskrimi. Beispielsweise war zum 1. April 2016 die erste Unternehmensanleihe fällig geworden. Vor fünf Jahren hatte German Pellets diese mit 7,25 Prozent verzinste Anleihe mit einem Emissionserlös von rund 80 Millionen Euro am Kapitalmarkt platziert. Die Anleger werden ihr Kapital vermutlich nicht wiedersehen. Wie auch die anderen späteren Käufer von Anleihen und Genussrechten.

Alle Verbindlichkeiten aus derartigen Finanzgeschäften der Firmengruppe addieren sich auf gewaltige 760 Millionen Euro. Davon entfielen im äußersten Fall des Totalverlustes 270 Millionen Euro auf die drei Unternehmensanleihen von German Pellets aus den Jahren zwischen 2011 und 2014 und auf zusätzlich ausgegebene Genussrechte. In den USA müssen German-Pellets-Anleger befürchten, dass sich 546 Millionen US-Dollar (ca. 490 Mio. Euro) in Luft auflösen, die sie in Anleihen für zwei Produktionswerke in Texas und Louisiana gesteckt haben.

Geldtransfers werden überprüft

Auf welchem dünnen Eis Firmeneigner Leibold die rasante Expansion des Konzerns vorangetrieben hat, offenbaren jüngste Erkenntnisse von Insolvenzverwalterin Bettina Schmudde. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters bestätigte sie den früheren Verdacht, dass innerhalb des Firmengeflechts „unechte“ Umsätze generiert wurden. So sollen zwischen der German Pellets GmbH und der ebenfalls insolventen German Pellets Supply GmbH & Co. KG mit Sitz in Wismar, die nicht zum German-Pellets-Imperium gehört, aber von Peter Leibold geführt wurde, Rohstoffe – die Firma beschäftigt sich mit der Beschaffung von Holz und Sägerestholz -- hin- und her verkauft worden sein.

„Die genannten 600 Millionen Euro Umsatz sind zweifelhaft. Der tatsächliche Außenumsatz dürfte in Wahrheit deutlich geringer sein“, sagte Insolvenzverwalterin Schmudde. Von Leibold sei die Lage von German Pellets beschönigt worden. „Die Produktion ruhte – anders als behauptet – bereits seit dem 15. Dezember vorigen Jahres“.

Alle von Leibold ausgelösten Geldtransfers werden gegenwärtig unter die Lupe genommen, um etwaige Rückforderungsansprüche im Interesse der Gläubiger geltend machen zu können. Im Fokus steht dabei auch der Kauf des Kohlekraftwerks Langerlo im belgischen Genk. Leibold hatte noch im Januar 2015 einen entsprechenden Deal mit dem Kraftwerkseigner E.ON auf den Weg gebracht und soll umgehend das Objekt für nur einen Euro an eine familieneigene Holding in Österreich übereignet haben. Es besteht der Verdacht, dass wenige Tage vor der Zahlungsunfähigkeit von German Pellets Vermögen aus der Insolvenzmasse abgezweigt worden ist.

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