DDR-Architektur in MV : Platte unter Denkmalschutz?

Diskussion über Erhalt der „Ostmoderne“: Welche Bauten sollen erhalten werden, um DDR-Geschichte zu dokumentieren

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12. Februar 2018, 05:00 Uhr

Die Spur der Steine ist kaum verblasst. Tausendfach prägen die Plattenbauten aus DDR-Zeit die Städte in Mecklenburg-Vorpommern. Sie gehören zur Nachkriegsgeschichte, zeugen von der Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg und vom Versuch des ostdeutschen Staates, die Menschen mit Gleichheit glücklich zu machen. Rund 1,5 Millionen Plattenbau-Wohnungen sind in der DDR errichtet worden. Unter Bauexperten und Denkmalschützern wird diskutiert, was davon erhalten werden soll, um die Geschichte künftigen Generationen deutlich machen zu können.

Dieser DDR-Plattenbau im Stadtteil Rostock Evershagen ist einer von vier mit riesigen Klinkerreliefs des Künstlers Reinhard Dietrich.
Foto: Bernd Wüstneck
Dieser DDR-Plattenbau im Stadtteil Rostock Evershagen ist einer von vier mit riesigen Klinkerreliefs des Künstlers Reinhard Dietrich.

Bisher sind nur wenige Bauten aus DDR-Zeit in den Denkmallisten der Städte und Landkreise im Nordosten zu finden. Nach Angaben des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege stammen von den rund 30 000 Denkmälern und Denkmalbereichen in MV rund 650 aus der Zeit nach 1949. Das sind etwas mehr als zwei Prozent.

In Stralsund beinhaltet die Denkmalliste 866 Positionen, davon 17 aus DDR-Zeit. Im weitgehend kriegsverschonten Schwerin ist die Lage ähnlich: Von den 747 eingetragenen Denkmälern sind 14 Objekte, die während der DDR errichtet wurden. Von diesen seien elf in einem guten baulichen Zustand, zwei stünden leer, sagt die Chefin der Denkmalschutzbehörde der Landeshauptstadt, Steffi Rogin. Neben einem Industriebau sei die ehemalige Gaststätte „Panorama“ des DDR-Betonschalen-Baumeisters Ulrich Müther betroffen. Das 2016 unter Schutz gestellte Gebäude stehe zum Verkauf. „Ich bin optimistisch, dass das Objekt in näherer Zukunft mit einem neuen Eigentümer wieder in Nutzung kommt.“

Anders die Situation in Neubrandenburg: Die Stadt hat nach Worten einer Sprecherin etwas mehr als 350 Baudenkmale. Ungefähr ein Viertel davon stamme aus der Zeit der DDR, darunter der erste WBS-70-Block der DDR aus dem Jahr 1973. Auch in Rostock kam es aufgrund schwerer Kriegszerstörungen nach 1945 zu einem umfangreichen Neubau-Programm. „Gegenwärtig sind in der Stadt 480 Objekte als Baudenkmale eingetragen, davon stammen 77 aus DDR-Zeiten“, sagt Pressesprecherin Kerstin Kanaa. Darüber hinaus seien zahlreiche DDR-Gebäude in ihrem äußeren Erscheinungsbild durch 13 Denkmalbereiche geschützt. Nahezu alle würden genutzt und seien in einem guten Zustand. Zu den bemerkenswertesten Objekten zählt Kanaa die Bauten der Langen Straße aus den 1950er Jahren, die Mehrzweckhalle Lütten-Klein von Ulrich Müther und die Katholische Kirche am Häktweg.

In den Fokus rücken zunehmend auch die Neubaugebiete des industriellen Wohnungsbaus in Plattenbauweise aus den 1970er und 1980er Jahren. Dort gibt es in Rostock bereits vereinzelten Denkmalschutz, etwa für vier bildkünstlerisch gestaltete Giebel im Stadtteil Evershagen. Die riesigen Klinkerreliefs des Künstlers Reinhard Dietrich aus den Jahren 1974 bis 1976 zeigen die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft. Sie wurden schon zwei Jahre nach der Fertigstellung von den DDR-Behörden unter Schutz gestellt, wie Jörg Kirchner vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege in dem Buch „Alles Platte? Architektur im Norden der DDR als kulturelles Erbe“ berichtet.

Bei dem Buch handelt es sich um den Tagungsband eines Expertentreffens unter dem Titel „Alles Platte oder was?“ im Herbst 2016, herausgegeben vom Schweriner Landesamt für Kultur und Denkmalpflege. Kirchenbauten zwischen 1949 und 1989 werden hier ebenso untersucht wie Industriehallen, Grenzanlagen und die sozialistischen Bauaktivitäten auf dem Dorf.

Rostocks Stadtkonservator Peter Writschan wirft in dem Buch die Frage auf, ob im Fall der Platten-Großsiedlungen nur gelungene Einzellösungen unter Denkmalschutz gestellt werden sollten oder aber auch gesamte Wohngebiete mit ihrer städtebaulichen Struktur. „Die Denkmalpflege steht vor der Aufgabe, sich mit Großsiedlungen ... auseinanderzusetzen und Vorschläge für den Umgang mit diesem städtebaulichen Erbe zu unterbreiten“, schreibt er. Dazu sei es erforderlich, in der breiten Öffentlichkeit Interesse an dieser besonderen Architektur zu wecken und Aufgeschlossenheit zu entwickeln.

In Rostock würden die Wohngebiete aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Allgemeinen sehr positiv aufgenommen, sagt Stadtsprecherin Kanaa. Die DDR-Großsiedlungen seien beliebte Wohngebiete und sollen entwickelt werden. „Statt Abbruch steht hier Verdichtung auf der Tagesordnung.“ Dabei sollen bewahrenswerte Strukturen erhalten werden.

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