Untreue-Vorwurf gegen AWO : Pikante Doppelrolle

Ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter erhielt von der AWO 700 000 Euro – aber wofür eigentlich?

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04. August 2016, 06:25 Uhr

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Mecklenburg-Vorpommern wirbt auf ihrer Internetseite mit einem Versprechen: „Wir gewähren Transparenz und Kontrolle unserer Arbeit.“ Zwei Männer im AWO-Kreisverband in Waren an der Müritz fühlten sich an diese Maxime offenbar weniger gebunden. Dort ermitteln Kriminalbeamte aus dem Fachkommissariat für Wirtschaftskriminalität und die Staatsanwaltschaft gegen den ehemaligen Geschäftsführer sowie den mittlerweile zurückgetretenen Kreisvorsitzenden wegen des Verdachts der Untreue.

Mit Details zu den Vorwürfen hält sich Oberstaatsanwalt Gerd Zeisler aktuell zurück. „Wir befinden uns noch im ersten Stadium der Ermittlungen. Derzeit werden die Unterlagen geprüft“, sagt der Oberstaatsanwalt.

Ein Verfahren richtet sich gegen den ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten und am Anfang der Woche zurückgetretenen Kreisverbands-Vorsitzenden Götz-Peter Lohmann. Der Kreisvorstand wirft ihm vor, über eine Tochtergesellschaft der Müritz-AWO in neun Jahren rund 700 000 Euro erhalten zu haben, ohne dass dafür abrechenbare Leistungen erbracht worden seien.

Der Geschäftsführer der AWO in der Müritzregion soll damals am Vorstand vorbei einen Vertrag mit Lohmann geschlossen haben. Der 74-jährige Diplompsychologe hatte damit eine pikante Doppelrolle inne: Für seine Dienste kassierte er eine nicht unerhebliche Summe von der AWO-Tochtergesellschaft – auf der anderen Seite sollte er im Kreisvorstand des Wohlfahrtsverbandes eine Kontrollfunktion ausüben.

Anfang dieser Woche legte Lohmann seine Ämter als Vorstandschef im Kreisverband Müritz und als stellvertretender Landesvorsitzender nieder. Der langjährige Geschäftsführer der AWO in Waren wurde bereits im Juni überraschend von seinem Posten abberufen. Eine Nachfolgerin ist schon gefunden und im Amt.

Untersucht werden sollen die dubiosen Vorgänge an der Müritz in den kommenden Tagen von einer Neustrelitzer Anwaltskanzlei. Nach Angaben des AWO-Landesverbandes soll der Bericht der Juristen Mitte August vorliegen. Ansonsten hüllen sich die Beteiligten in Schweigen. Weder die neue Geschäftsführerin des Kreisverbandes noch der Vorsitzende des Landesverbandes, der SPD-Landtagsabgeordnete Rudolf Borchert, antworteten auf eine Anfrage unserer Zeitung.

Bei den Mitarbeitern herrscht nach Bekanntwerden der Vorwürfe dagegen „Betroffenheit und Erleichterung zugleich“, weiß der Verdi-Gewerkschafter Mario Klepp aus Gesprächen mit Angestellten.

Man hoffe nun auf einen Neuanfang. In den beiden gemeinnützigen Gesellschaften der Arbeiterwohlfahrt Müritz habe es beispielsweise bislang keinen Betriebsrat gegeben. „Das ist aber eigentlich Standard bei der AWO“, sagt Verdi-Mann Mario Klepp.
 

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