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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 08:48 Uhr

Picasso zwischen Fertigknödeln

vom

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erstellt am 05.Nov.2013 | 10:18 Uhr

München | Picasso, Matisse, Nolde - große Namen der Kunstgeschichte. Kaum vorstellbar, dass Werke dieser weltberühmten Meister in einer vermüllten Wohnung in München lagerten. Bis sie im Frühjahr 2011 zufällig von Zollfahndern entdeckt wurden. Der Fund ist eine Sensation. Umso erstaunlicher, dass die Staatsanwaltschaft ihn gut zweieinhalb Jahre strikt geheimhalten konnte. Auch die Bundesregierung wusste erst seit einigen Monaten, was für Schätze der 79 Jahre alte Cornelius Gurlitt in seiner Wohnung gehortet hatte.

Nicht im Traum wäre jemand auf die Idee gekommen, dass in dem unscheinbaren Mehrfamilienhaus im Münchner Stadtteil Schwabing weltberühmte, als verschollen geltende Kunstwerke lagern könnten. Das Nachrichtenmagazin "Focus" sorgte am Sonntag mit der Meldung dieses Fundes für eine Sensation.

Am Tag danach gab es nicht viel zu sehen. Die Rollläden der Wohnung waren heruntergelassen. Reporter klingelten immer wieder an der Tür, niemand öffnete. Ob er dort noch wohnt? Keiner weiß es. Stattdessen dröhnte ein Hausmeister mit einem Laubsauger und vertrieb neugierige Fotografen.

Auch die Staatsanwaltschaft Augsburg blockte ab. Keine Auskunft, hieß es zunächst. Der Grund: das Steuergeheimnis. Denn Gurlitt wird laut "Focus" Steuerhinterziehung vorgeworfen. Immer wieder soll er im Laufe der Jahre Gemälde verkauft haben. Sie stammten wohl aus den Beständen seines Vaters Hildebrand, einer zentralen Figur des NS-Kunsthandels.

Nach dem Krieg wurde Hildebrand Gurlitt nicht als Täter, sondern als Opfer eingeschätzt, da er seinen Posten an einem Museum in Zwickau aufgrund seiner nicht "arischen" Herkunft verloren hatte. Dass er später für die Nazis arbeitete, wurde offenbar übersehen.

Die Werke aus den Beständen sollte es nach Aussagen des Kunsthändlers eigentlich gar nicht mehr geben. Alle seine Bilder seien bei der Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945 im Feuersturm verbrannt, hatte der 1956 verstorbene Hildebrand Gurlitt nach dem Zweiten Weltkrieg beklagt.

Umso erfreuter war man beim Kölner Auktionshaus Lempertz, als im Spätsommer 2011 Cornelius Gurlitt mit einem verschollen geglaubten Bild auftauchte, das ursprünglich dem jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim gehört hatte: der "Löwenbändiger" von Max Beckmann. "Wir waren begeistert, das war großartig", erinnerte sich der Justiziar des Auktionshauses, Karl-Sax Feddersen. Anlass für Misstrauen sah man bei Lempertz nicht. Schließlich wusste keiner, dass wenige Monate zuvor bereits eine kostbare Sammlung bei Gurlitt beschlagnahmt worden war. Deshalb fragte auch niemand, wo er das Beckmann-Werk aufbewahrt hatte. Feddersen erinnerte sich vielmehr an einen äußerst reizenden und umgänglichen Herren.

Cornelius Gurlitt, Ur-Enkelsohn des bekannten Malers Louis Gurlitt, führte ein merkwürdiges Leben. Er war nicht gemeldet, zahlte in keine Krankenkasse und bezog keine Rente. Offiziell existierte er nicht. Sein Leben finanzierte er offenbar durch die Verkäufe der Kunstwerke.

Bevor Fahnder eine Razzia bei dem alten Herren durchführten, beschatteten sie ihn über mehrere Monate. Selten verließ Gurlitt das Münchner Apartmenthaus. Manchmal stieg er in ein Taxi, ließ sich in die Altstadt fahren, um dort spazieren zu gehen, und fuhr wieder zurück zu seiner Wohnung. Ab und zu suchte er ein naheliegendes Kaufhaus auf, um dort gleich mehrere Hemden und Schlafanzüge zu kaufen. Bei der Razzia fanden die Ermittler dann den Kunstschatz zwischen Konserven mit Gemüse und Paketen mit Fertigknödeln.

Wenn die Herkunft der 1500 Bilder geklärt ist, dürfte ein Streit ausbrechen, wem sie gehören. Doch noch ist gar nicht klar, ob Cornelius Gurlitt die Bilder illegal hortete, auf die Fahnder bereits 2011 stießen. Die Suche nach Raubkunst landet mit dem Finden fast immer in einem Dilemma. "So moralisch unhaltbar die Verfolgung ,entarteter Kunst auch gewesen ist, aus juristischer Sicht kann keine Restitution verlangt werden", schreibt der Rechtsexperte Carl-Heinz Heuer. Beschlagnahmungen aus Museen und der Verkauf der Werke waren demnach trotz aller Verwerflichkeit "Rechtsakte". Denn das "Dritte Reich" war Eigentümer der Kunstschätze deutscher Museen und konnte laut Heuer frei darüber entscheiden, was damit geschehen sollte.

Während die Bundesregierung informiert war, war man in Kreisen der Provenienzforscher weitgehend ahnungslos. Offenbar aber wusste der diskrete Kunsthandel mehr. Der Fall zeige deutlich, dass "mehr als ein Händler" gewusst habe, dass Cornelius Gurlitt Bilder habe, heißt es in Wissenschaftler-Kreisen.

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