Fall Jeremie : Pflegemutter weist Vorwürfe zurück

Ist Jeremie ausgerissen oder wurde er entführt - denkbar ist alles im Falle des elfjährigen Hamburgers, der am vergangenen Dienstag aus Lübtheen verschwand und auch gestern noch nicht wieder aufgetaucht ist.

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23. Januar 2013, 07:59 Uhr

Lübtheen/Hamburg | Ist Jeremie ausgerissen oder wurde er entführt - denkbar ist alles im Falle des elfjährigen Hamburgers, der am vergangenen Dienstag aus Lübtheen verschwand und auch gestern noch nicht wieder aufgetaucht ist.

Einem Jungen, der so wild ist, dass Familie und Schulen ihn nicht bändigen können, dem traut man auch zu, mit einem Kleintransporter 100 Kilometer über Land nach Hamburg zu fahren. Nur seine Pflegemutter Carmen Sperlich, die juristisch gesehen seine Projekt stellenleiterin ist, glaubt nicht, dass er den Uralt-Mercedes allein gesteuert hat: "Den kann er nicht gefahren haben", sagt die 45-jährige Zirkusfrau und siebenfache Mutter. Übernächtigt, still und unglücklich sitzt sie am großen Küchentisch, statt der Kinder umringen sie Journalisten und zwei Mitarbeiter des Neukirchener Erziehungsvereins (Nordrhein-Westfalen). Bei dem ist sie angestellt, ihr Zirkus ist durch Jeremie eine Projektstelle des Vereins geworden. Der Erziehungsverein als Träger der Jugendhilfe und das Jugendamt Hamburg-Mitte haben Jeremie vor zwei Jahren in dem Wanderzirkus untergebracht.

Auch die Pädagogin Silke Sack bezweifelt, dass der Junge ausgerissen ist. Er sei in den zwei Jahren nie weggelaufen. "Ein einziges Mal war er drei Stunden lang nicht auffindbar", berichtet Sack, die von Hamburg aus die Projektstelle "Wanderzirkus" betreut. Der Amtsvormund des Jungen beim Jugendamt habe Strafanzeige wegen Kindesentziehung gegen Unbekannt erstattet, sagt sie.

Auch ihr Chef Dietmar Glöge versichert, mit Jeremie vor Kurzem "einen aufmerksamen, fröhlichen und freundlichen Jungen" kennengelernt zu haben, der stolz war, sich mit Tieren auszukennen und der im Zirkus als Clown mitwirkte. Dennoch ist Jeremie samt Auto verschwunden. Der Verdacht, seine Hamburger Familie könnte damit im Zusammenhang stehen, hängt in der Luft. Ausgesprochen wird er nicht. Wenigstens hat der Großvater sie angerufen, nachdem Jeremie sich bei ihm gemeldet hatte. Ein anderes Lebenszeichen habe sie von ihm nicht bekommen, sagt Carmen Sperlich. Tränen schießen ihr in die Augen. Sie hätten eine emotionale Beziehung gehabt, er habe "Mama" zu ihr gesagt.

Während ihre leiblichen Kinder die regulären Schulen besuchen oder besuchten - sie sind zwischen 13 und 27 Jahre alt - geht Jeremie in keine Schule. Die Art und Weise, auf die er lernt, heißt "Distanzbeschulung". Der Unterricht läuft über Lernportale im Internet - für Kinder mit extrem schwierigem Sozialverhalten. Carmen Sperlich verbringt täglich mit Jeremie etwa eine Stunde vorm PC. Mehrmals im Jahr kommt ein Lehrer vorbei.

Die Vorwürfe, die die Pflegemutter in den vergangenen Tagen gehört hat, machen sie ratlos. Niemand habe Jeremie zum Betteln oder Stehlen angehalten. "Er war gerne hier."

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