Das gab es noch nie in Lübtheen : Pflegedienste proben den Aufstand

Gruppenbild der Protestler nach der Lübtheener Konferenz, weitere Aktionen sollen sehr bald folgen, bis es neue Verhandlungen gibt. Foto: Pohle
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Gruppenbild der Protestler nach der Lübtheener Konferenz, weitere Aktionen sollen sehr bald folgen, bis es neue Verhandlungen gibt. Foto: Pohle

Weil die drei großen Kassen AOK, BKK und BKK-Nord ab 1. August im Land die Vergütungssätze für ambulante Pflegedienste teils dramatisch kürzen wollen, formiert sich eine Protestwelle bei den ambulanten Pflegediensten.

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13. Juli 2012, 10:05 Uhr

Lübtheen | Das gab es noch nie: Weil die drei großen Kassen AOK, BKK und BKK-Nord ab 1. August im Land die Vergütungssätze für ambulante Pflegedienste teils dramatisch kürzen wollen, formiert sich an der Basis eine bisher beispiellose Protestwelle bei den ambulanten Pflegediensten. Und das über alle Träger und alles bisherige Konkurrenzdenken hinweg. Denn das, was nach dem denkwürdigen Schiedsspruch und den vorherigen mehrjährigen Verhandlungen kommen soll, könnte die Pflege Tausender alter Menschen im Landkreis in Frage stellen. Gekürzt werden soll um bis zu 18 Prozent, dabei hatten die Dienste eigentlich eine moderate Anhebung erwartet. In der Folge werden die meisten nicht mehr kostendeckend arbeiten, mittelfristig müssen entweder Mitarbeiter entlassen oder Löhne gekürzt werden.

Die Stimmung bei den Diensten schwankt zwischen Wut und Fassungslosigkeit über das Spardiktat der Kassen. Und, man rückt zusammen, denn von den Kürzungen, die auch fachlich niemand versteht, sind alle betroffen. Die Not ist so groß, dass man an der Basis jetzt zusammen Protestmaßnahmen plant. Und es geht noch weiter, viele Mitarbeiter der Pflegedienste denken laut über einen Wechsel zu anderen Kassen nach und reden auch mit anderen Kollegen darüber. Für die großen Kassen könnten bei Gruppenaustritten so erhebliche finanzielle Schäden entstehen, abgesehen vom Ansehensverlust in der Region. Denn die drei Kassen vereinen ca. 80 Prozent der Patienten auf sich, die ambulante Pflegedienste in Anspruch nehmen müssen.

Das Sparkonzept scheint eine Mecklenburger Spezialität zu sein, in Bayern werden die Sätze aktuell um 12,5 Prozent angehoben und waren schon vorher auf einem höheren Niveau.

Auf einer spontan einberufenen Konferenz, die bei Lobetal in Lübtheen stattfand, gab es bittere Zwischenrufe. Einstieg in die Billigpflege, Vergütung unter dem Mindestlohn, ambulante Pflegedienste haben keine Lobby, obwohl sie täglich bei Tausenden Bedürftigen wichtige Arbeit leisten. Bitter stieß auf, dass andere, wie die Ärzte, mehr Geld bekommen, die Pflegedienste jedoch mit deutlich weniger Geld auskommen sollen. Auch die Rechenbeispiele der Kassen versteht niemand, mit der Wirklichkeit haben sie auch wenig zu tun. So sind ausgerechnet im Flächenland MV die Vergütungen für die Fahrtkosten um 20 Prozent gekürzt worden. "Schon wegen der gestiegenen Spritkosten und der enormen Entfernung ist das nicht zu begreifen", erklärte Lobetal-Geschäftsführer Norbert Zobel auf der Konferenz. Und er kündigte weitere und vor allem zahlreiche Protestmaßnahmen an, der Phantasie der erbosten Mitarbeiter, aber auch der betroffenen Patienten seien dabei keine Grenzen gesetzt. Klare Forderung aus dem Altkreis Ludwigslust: "Wir brauchen sofort neue Verhandlungen über vernünftige Sätze". Ein Gesprächsangebot der AOK soll es immerhin schon geben. Landesweit gibt es 430 medizinische Pflegedienste mit 6500 Mitarbeitern. Tausende kranke Menschen würden täglich darauf vertrauen, dass sie qualifizierte Hilfe bekämen. Mit diesen Sätzen seien aber Fachkräfte nicht mehr zu bezahlen. Die würden dann abwandern, dorthin wo normale und kostendeckende Sätze und nicht ein Hungerlohn bezahlt werden.

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