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Mecklenburg-Vorpommern

17. August 2017 | 01:50 Uhr

Pflege mit Scanner

vom

Schwerin | Um 6 Uhr beginnt Julitta Karsten mit der Morgenrunde. 17 Stationen stehen bis 10.30 Uhr auf dem Dienstplan der Altenpflegerin, fast alle in den Schweriner Stadtteilen Gartenstadt und Großer Dreesch, eine auch in der Nachbargemeinde Raben Steinfeld. Jeder Kunde weiß genau, wann die Pflegerin bei ihm eintreffen wird. Maximal zehn Minuten Toleranz sind zulässig, falls ein Müllauto die Zufahrt blockiert oder die Parkplatzsuche länger dauert. Alles, was an Verspätung darüber hinausginge, müsste Julitta Karsten ihrer Pflegedienstleiterin Carola Wegwerth melden, die dann die nachfolgenden Kunden informieren, umdisponieren oder notfalls selbst einspringen würde.

Einmal verschluckt, Minuten verloren

Doch heute gibt es keine Verzögerungen. Um 8.10 Uhr schließt Julitta Karsten die Tür zu Hildegard Schmietows Wohnung auf. Schnell streift sie sich Schoner über die Schuhe, dann begrüßt sie die Rentnerin, die in ihrem Krankenbett schon wartet. Dann greift die Altenpflegerin zum Scanner. Mit einem Gerät, das so groß wie eine Fernbedienung ist, fährt sie über einen Strichcode auf der ersten Seite der Pflegeakte, die neben Hildegard Schmietows Bett liegt. Jetzt erst beginnt die Arbeitszeit, die der Krankenkasse für die Behandlungspflege der Diabetikerin in Rechnung gestellt werden kann. Sie bekommt mehrmals täglich eine Insulinspritze und Medikamente. Alles liegt schon auf dem Büfett bereit, auch Desinfektionsspray und Handschuhe sind sofort greifbar - doch der Trinkbecher der Seniorin ist fast leer. Damit sie die Tabletten hinunterspülen kann, muss Julitta Karsten also erst einmal in der Küche Nachschub besorgen. Nebenbei beantwortet sie die Fragen der alten Dame nach den Wetteraussichten.

Die erste Tablette schluckt Frau Schmietow problemlos, bei der zweiten verschluckt sie sich. Sie hustet, schnaubt, ringt nach Luft. Erst als sie sich wieder beruhigt hat, kann sie auch die restlichen Pillen einnehmen. Julitta Karsten stellt ihr das vom Sohn vorbereitete Frühstück ans Bett, streicht der Bettlägerigen noch einmal über den Arm. "Lassen Sie es sich schmecken. Wir sehen uns später..." Dann berührt sie noch einmal mit dem Scanner mehrere Strichcodes - Nachweise für die Leistungen, die sie soeben erbracht hat. Elf Minuten liegen schließlich zwischen dem Ein- und dem Ausscannen.

"Im Moment bekommen wir für diesen Einsatz 6,09 Euro", weiß Silvia Szimtenings, die Inhaberin des Pflegedienstes, für den Julitta Karsten arbeitet. "Wobei genau genommen nur die Hälfte der Arbeit vergütet wird - die Kasse zahlt für Insulinspritze oder Medikamentengabe, aber nicht für zwei Leistungen aus einem Vergütungskomplex." 15 Minuten werden dem Pflegedienst dafür zugestanden - einschließlich der Wegezeit. Doch das soll sich bald ändern. AOK, IKK, BKK und weitere Krankenkassen wollen die Vergütungen für ambulante Pflegedienste in Mecklenburg-Vorpommern kürzen, teilweise um bis zu 23 Prozent. Seit fast drei Jahren wird erbittert um die Vergütungen gerungen, heute gehen die Verhandlungen in die nächste Runde.

Vergütungen seit zehn Jahren unverändert

Die 430 ambulanten Pflegedienste mit ihren rund 6500 Mitarbeitern verlangen, endlich leistungsgerecht bezahlt zu werden. Denn die aktuellen Vergütungssätze sind zehn Jahre alt - Personal- und insbesondere auch Betriebskosten sind seitdem aber enorm gestiegen. "Noch kommen wir irgendwie zurecht, indem wir Zugeständnisse machen", erzählt Pflegedienst-Inhaberin Szimtenings. So würden ihre Mitarbeiterinnen auch schon mal außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit ihren Schreibkram erledigen - und der wird immer umfangreicher. "Auf 180 Minuten Pflege kommen 120 Minuten Verwaltung", bedauert Pflegedienstleiterin Wegwerth. "Früher konnte ich selbst noch mit rausfahren, aber seit einigen Jahren muss ich mich nur noch um die Abrechnungen kümmern", ergänzt ihre Chefin. Die Kolleginnen draußen müssten also quasi den Erlös für sie beide miterwirtschaften.

Zeitvorgaben sind nicht immer einzuhalten

Das wird, wenn die Kassen sich mit ihren Vorstellungen durchsetzen, jedoch bald nicht mehr möglich sein, befürchtet Silvia Szimtenings. Denn nicht nur die Zeitkorridore sollen deutlich abgesenkt werden - für eine Insulinspritze oder Medikamentengabe beispielsweise auf 5,5 Minuten, dazu kämen 8 Minuten Wegezeit. Bezahlt werden sollen dafür nach dem letzten Verhandlungsangebot der Kassen auch nur noch 5,68 Euro - statt jetzt 6,09 Euro. Aus Sicht der Leistungserbringer wären dagegen 7,38 Euro angemessen.

Zumal längst nicht alle Einsätze so reibungslos verlaufen wie der bei Hildegard Schmietow, erläutert Carola Wegwerth. Weil beim Pflegedienst Szimtenings und Partner wie fast überall in der Branche Fachkräfte fehlen, übernimmt sie an diesem Tag selbst einige Hausbesuche. Beim ersten sollen einer Frau Kompressionsstrümpfe angezogen werden - was einfach klingt, nimmt laut Scanner doch sieben Minuten in Anspruch. Der nächste Kunde wohnt zwar nur einige hundert Meter entfernt - doch allein bei der Parkplatzsuche vergehen mehrere Minuten. Dann kommt der Fahrstuhl ewig nicht. Und schließlich gestaltet sich die Medikamentengabe für den Krebskranken, der über eine Magensonde ernährt wird, überaus kompliziert. "Eigentlich müsste man diese Tabletten im Mörser zerkleinern und dann in Flüssigkeit auflösen können…" Doch Carola Wegwerth braucht mehr als eine Viertelstunde, um das Schmerzmittel-Gemisch zuzubereiten und in Spritzen aufzuziehen. Noch einmal fast zehn Minuten vergehen, bis sie dem Patienten die Lösung verabreicht hat. Es müsse unbedingt mit dem Arzt geredet werden, ob das Schmerzmittel auch in einer anderen Darreichungsform erhältlich ist, notiert Carola Wegwerth im Pflegeprotokoll, bevor sie ausscannt.

Fachkräfte sind Goldstaub

Folgerezepte und Medikamente besorgen, Verordnungen von der Krankenkasse genehmigen lassen, Medikamentenpläne erstellen und von den behandelnden Ärzten unterzeichnen lassen - all das gehört ganz selbstverständlich zu den Aufgaben eines Pflegedienstes, ohne dass es dafür von den Kassen eine Vergütung gibt. "Wir machen das, weil wir mit Herzblut bei der Sache sind- deshalb haben wir uns ja mal für einen Gesundheitsberuf entschieden", sagen die Schwestern und Pflegerinnen unisono. Doch Nachwuchs ist mittlerweile dünn gesäht. Und kann sich deshalb aussuchen, wo und zu welchen Konditionen er arbeitet. "Mecklenburg-Vorpommern liegt bei den Einkommen im Pflegebereich bundesweit am unteren Ende", bedauert Dieter Eichler, Landesbeauftragter des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste. "Kein Wunder also, dass Fachkräfte nach Bayern, Baden-Württemberg oder Schleswig-Holstein abwandern, wo sie mehr verdienen können."

Auch Silvia Szimtenings, die mit ihrem Zehn-Frauen-Betrieb aktuell etwa 60 Kunden betreut, würde ihre Mit-arbeiterinnen gerne besser entlohnen - "denn sie leisten qualitativ hochwertige Arbeit". Doch eine Gehaltserhöhung ist derzeit einfach nicht drin.

Immerhin hat sich ein großer Wunsch der Chefin und ihres Teams erfüllt: Sie bekommen Verstärkung. Eine examinierte Altenpflegerin hat sich beworben - aus heiterem Himmel. Im Januar fängt sie im Pflegedienst zu arbeiten an. "Das ist mein schönstes Weihnachtsgeschenk", sagt Silvia Szimtenings.

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erstellt am 20.Dez.2011 | 12:18 Uhr

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