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Personalprobleme : Pflege in Kliniken „auf der letzten Rille“

vom
Aus der Onlineredaktion

Alarmierende Zahlen: Mehr Patienten, mehr Ärzte – aber immer weniger Pfleger

von
erstellt am 06.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Vor wenigen Wochen, auf dem Höhepunkt des Bundestagswahlkampfes, war das Thema plötzlich in den Fokus gerückt. Vor Millionenpublikum in einer „Wahlarena“ sprach ein Pfleger Kanzlerin Angela Merkel auf die Personalprobleme in Krankenhäusern und Heimen an. „Warum führen Sie nicht endlich eine Quote ein, wo man sagen kann, eine Pflegekraft betreut maximal soundsoviele Patienten?“, fragte der junge Mann. „Das muss doch in einem Land wie Deutschland möglich sein.“ Merkel nickte und erklärte, das Standards geplant seien.

Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen nun nach Ansicht von Patientenschützern, dass beim Klinik-Personal akut Handlungsbedarf besteht. Demnach hat sich in den vergangenen 25 Jahren die Zahl der Pflegerinnen und Pfleger in Deutschlands Kliniken um rund 1000 auf 325  100 verringert, in Mecklenburg-Vorpommern um 7,9 Prozent, in Niedersachsen um 4,9 Prozent, in Nordrhein-Westfalen um 1,8 Prozent. Bayern verzeichnet einen Zuwachs von 14,3 Prozent.

Bemerkenswert: Auch wenn immer weniger Pflegepersonal zur Verfügung steht, ist die Zahl der Patienten, die pro Jahr in den deutschen Krankenhäusern behandelt werden, seit Anfang der 90er-Jahre um 34 Prozent auf 19,5 Millionen gestiegen. Und es gibt 158 100 Klinikärzte – gegenüber 1991 ein Anstieg um 66 Prozent.

„Die Pflege fährt auf der letzten Rille“, ist Eugen Brysch, Chef der Deutschen Stiftung Patientenschutz, überzeugt. Er beklagt einen systematischen Abbau von Pflegepersonal. Die Arbeitsbelastung pro Fachkraft sei in den vergangenen 25 Jahren rechnerisch um ein Drittel gestiegen. Für Gesundheitsökonomen wie Jürgen Wasem von der Uni Duisburg-Essen kommt die Entwicklung nicht überraschend. Weil mehr Patienten behandelt und operiert werden müssten, würden die Kliniken deutlich mehr Ärzte einstellen. Die Dauer von Krankenhausaufenthalten sei jedoch stark zurückgegangen. Daher werde beim Pflegepersonal gespart. Die Folge sei zwar eine Verdichtung der Arbeit auf den Stationen. Noch bleibe medizinisch Notwendiges aber nicht auf der Strecke, so das Urteil des Experten.

Die Politik ist bemüht, für Entlastung zu sorgen. „Deshalb unterstützen wir die Kliniken mit 830 Millionen Euro pro Jahr dabei, mehr Pflegepersonal einzustellen“, erklärte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) gestern im Gespräch mit unserer Redaktion und verweist auf eine in diesem Frühjahr erfolgte Neuregelung. Bis zum Sommer 2018 müssten Krankenhäuser und Krankenkassen verbindliche Personaluntergrenzen für die Bereiche festlegen, in denen es für die Patientensicherheit im Krankenhaus besonders wichtig sei.

Dem Vernehmen nach haben die Verhandlungen über Personaluntergrenzen zwischen Krankenhausgesellschaft und Kassen gerade erst begonnen – Ausgang offen. Wenn Kliniken die Vorgaben nicht erfüllen, müssen sie mit Vergütungsabschlägen rechnen. Kurzfristiges Ziel des Bundes: Bis 2018 sollen mindestens 6000 neue Pflegestellen in Kliniken geschaffen werden. Gewerkschaften bezweifeln, dass das ausreicht. Verdi schätzt die Zahl der fehlenden Pflegefachkräfte in Deutschlands Krankenhäusern auf 70 000. 

 

Kommentar von Rasmus Buchsteiner: Pflegen oder bestrafen

Der Arbeitsdruck von Krankenschwestern und Pflegern in Deutschlands Kliniken ist deutlich gestiegen. Die Kliniken kalkulieren streng nach ökonomischem Kalkül. Sie haben vor allem Ärzte eingestellt, um die steigenden Fallzahlen zu bewältigen. Daraus hat sich nun mancherorts ein veritabler Pflegenotstand entwickelt. Deshalb gehört es ganz oben auf die gesundheitspolitische Agenda der neuen Bundesregierung, die Vergütungen der Krankenhäuser zu überprüfen. Ein System, von dem die Kliniken nur dann profitieren, wenn sie mehr Ärzte einstellen und nicht mehr Schwestern und Pfleger, führt sich ad absurdum. Krankenhäuser sollten in Zukunft empfindliche finanzielle Nachteile in Kauf nehmen müssen, wenn sie bei der Pflege sparen.




 

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