Pflege-Report 2016 : Pflege-Auszeit nur selten genutzt

Pflegebedürftige auf dem Land lassen sich lieber von Angehörigen pflegen.
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Pflegebedürftige auf dem Land lassen sich lieber von Angehörigen pflegen.

AOK-Report offenbart: Bedürftige wollen nicht in fremde Hände gegeben werden

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08. März 2016, 05:00 Uhr

Die meisten Angehörigen Pflegebedürftiger kennen zwar Unterstützungsangebote, nutzen sie aber nur selten. Zu diesem Ergebnis kommt das Wissenschaftliche Institut der AOK (Wido) in seinem gestern in Berlin vorgestellten Pflege-Report 2016. Mit Ausnahme von Pflegediensten – sie werden immerhin bundesweit durch 64 Prozent der dazu Berechtigten in Anspruch genommen – werden alle anderen Angebote wie Kurzzeit- oder Verhinderungspflege von nicht einmal jedem fünften Angehörigen genutzt. Als Gründe werden Kosten, mangelnde Erreichbarkeit oder schlechte Erfahrungen angegeben. Die am häufigste genannte Ursache ist jedoch: Viele Pflegebedürftige wollen nicht von einer fremden Person gepflegt werden.

Das deckt sich mit Untersuchungen des Gesundheitswissenschaftlichen Instituts der AOK Nordost (Gewino), für die Daten von 1,8 Millionen Pflegebedürftigen der Kasse aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin ausgewertet wurden. Demnach wurde deutlich mehr als die Hälfte aller Pflegebedürftigen (59,6 Prozent) hierzulande bis zum Tod ausschließlich zu Hause gepflegt. 17,7 Prozent wechselten im Verlauf der Pflegebedürftigkeit in eine stationäre Einrichtung.

Pflegebedürftige in Städten nehmen den Zahlen der AOK Nordost zufolge häufiger Sachleistungen in Anspruch, lassen sich also von Fremden pflegen. Pflegebedürftige auf dem Land beantragen dagegen häufiger Geldleistungen, lassen sich also von Angehörigen pflegen.

„95 Prozent der Pflegebedürftigen, die bereits Geldleistungen in Anspruch nehmen, bleiben im eigenen Zuhause, wenn sie sich zuvor haben beraten lassen“, weiß AOK-Nordost-Sprecherin Gabriele Rähse. Gleichzeitig würden entlastende, ambulante Pflegeangebote zu selten genutzt. „Die Verhinderungspflege etwa bei Krankheit der Pflegepersonen wurde 2014 nur in 14 Prozent aller Fälle beantragt“, so Rähse. Die Kurzzeitpflege beanspruchte im Bereich der AOK Nordost nur jeder zehnte Betroffene, in MV sei sogar nur jeder Zwanzigste für maximal vier Wochen im Jahr statt zu Hause im Heim gepflegt worden.

Entlastende Angebote seien nicht nur zu selten bekannt, betonte gestern die Deutsche Stiftung Patientenschutz. Sie seien aufgrund hoher bürokratischer Hürden dazu auch noch unattraktiv.

Hintergründe zum neuen AOK-Pflegereport von Rasmus Buchsteiner:

Ist Pflege zu Hause eher die Regel als die  Ausnahme?

Rund zwei Millionen Pflegebedürftige werden heute zu Hause gepflegt, 65 Prozent davon ausschließlich von Angehörigen – meistens von Frauen. Auch bei den übrigen 35 Prozent sind neben professionellen Pflegediensten die Angehörigen als Pflegende gefordert.

Die jährliche Arbeitsleistung pflegender Angehöriger schätzt die AOK auf rund 37 Milliarden Euro. Etwa zwei Drittel der pflegenden Angehörigen haben neben dieser Aufgabe einen Job. Bei rund 30 Prozent handelt es sich  um eine Vollzeitstelle.

Welche Unterstützung gibt es für pflegende Angehörige?

Wer die Pflege nicht vollständig selbst leisten kann oder will, hat die Möglichkeit, auf einen ambulanten Pflegedienst zurückzugreifen. Außerdem gibt es Angebote für Tagespflege, Betreuung, Kurzzeitpflege oder die sogenannte Verhinderungspflege. Wenn ein pflegender Angehöriger eine Auszeit braucht und Urlaub macht, übernimmt die Pflegeversicherung die Kosten einer Ersatzpflege – bis zu einem Volumen von höchstens 2418 Euro pro Jahr. Die Pflegekasse zahlt, etwa nach einem Klinikaufenthalt, für die Zeit von höchstens vier Wochen eine vollstationäre Kurzzeitpflege – was einem Volumen von bis zu 1612 Euro entspricht. Pflegende Angehörige erhalten während dieser Zeit bis zu vier Wochen weiter Pflegegeld gezahlt.

Warum werden die  Angebote häufig nicht genutzt?

Laut AOK sind die häufigsten Gründe, warum solche Leistungen nicht in Anspruch genommen werden, dass der oder die Pflegebedürftige nicht von Fremden gepflegt werden möchte, die Hilfen als viel zu teuer oder die Zeiten als nicht flexibel genug erachtet werden. 

 
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