Widersinn im Verkaufsregal : Pflanzenkäse – so ein Käse!

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Vegan, vegetarisch: Pflanzenkäse darf nicht Käse heißen, so Europas Richter. Klare Regeln an der Fleischtheke fehlen aber weiter

svz.de von
14. Juni 2017, 21:00 Uhr

Die Aufregung kann Roman Enke nicht verstehen: Vegane Produkte wie Pflanzenkäse oder Tofubutter – da wüsste doch jeder, dass die Produkte nicht auf Milchbasis, sondern mit Ersatzprodukten produziert worden seien, sagt der Händler aus dem Bio-Laden Bio-Insel in Stralsund. Tofu-Butter, in seinem Geschäft gebe es das zwar nicht – stattdessen Tofu-Streich. Enke winkt ab: Eine überzogene Debatte, meint er, nachdem der Europäische Gerichtshof gestern klargestellt hat, dass vegane Produkte nicht unter Namen wie Pflanzenkäse oder Tofu-Butter verkauft werden dürfen.

Kopfschütteln beim Bio-Händler, Zustimmung bei Verbraucherschützern und Landwirten: Es ist eben doch nicht alles Käse. Die höchsten Richter der EU verwiesen auf Regelungen im Europa-Recht, wonach die Bezeichnung „Milch“ Produkten vorbehalten ist, die aus der „normalen Eutersekretion“ von Tieren gewonnen werden. Das Gleiche gilt für weiterverarbeitete Produkte wie „Rahm“, „Sahne“, „Butter“, „Käse“ oder „Joghurt“.

Die Europa-Richter sahen sich mit einer Klage des Verbandes Sozialer Wettbewerb in Berlin konfrontiert, der sich an der Namensgebung der Firma TofuTown stieß. Dieser Hersteller veganer Lebensmittel bietet seine Waren unter Bezeichnungen wie „Tofubutter“, „Pflanzenkäse“ oder „Veggie-Cheese“ an. Und das, so meinte der Kläger, sei eine Irreführung der Verbraucher.

Das geht gar nicht: Wo Milch draufsteht, muss auch Milch drin sein, begrüßt Silvia Ey, Tierproduktionsexpertin des Bauernverbandes MV gestern das Urteil: „Wenn Kunden Butter oder Käse kaufen wollen, müssen sie auch davon ausgehen können, dass die Zutaten aus dem Euter kommen.“ Verbraucher müssten eindeutig erkennen können, ob sie Erzeugnisse mit pflanzlichem oder tierischem Eiweiß zu sich nehmen. Die Verwechslungsgefahr ist groß: Besucher der Landwirtschaftsausstellung Mela in Mühlengeez nahe Güstrow haben das zu spüren bekommen. So seien sich im Vorfeld einer Verkostung von veganem und herkömmlichem Käse nahezu alle Verbraucher sicher gewesen, den Unterschied zu erkennen, erklärt Ey. Von wegen: Am Ende lag ein Großteil bei der Produktauswahl falsch.

Kein Einzelfall: Verbraucher hätten es schwer, tatsächliche und angebliche Milchprodukte zu unterscheiden, weiß auch Uta Nehls von der Verbraucherzentrale MV in Rostock. Sie müssten auf den ersten Blick erkennen können, um was für ein Lebensmittel es sich handelt. Der Produktname auf der Vorderseite und die Aufmachung der Packung dürften nicht über die Art des Lebensmittels täuschen, fordern Verbraucherschützer klare Kennzeichnungen. Da gibt es auch für Europas Richter nichts zu deuteln: Wo Milch draufsteht, muss auch Milch drin sein. Und nicht zum Beispiel Reisbrei. Ansonsten, so die Richter, sei eine „Verwechslungsgefahr in der Vorstellung des Verbrauchers nicht mit Sicherheit auszuschließen“. Und doch stören sie sich nicht an Ausnahmen, wenn manche Pflanzenprodukte eben doch Milchbegriffe im Namen führen. Es gehe um Erzeugnisse, deren Art aufgrund ihrer traditionellen Verwendung genau bekannt sei, so die Richter. Ein Beispiel: Kokosmilch. Klarheit fehlt: Die EU-Regeln lassen Ausnahmen für 21 Produkte zu, die nach Milch klingen, aber keine enthalten – aus Tradition. So darf zum Beispiel die „Latte di mandorla“ in Italien verkauft werden, in Deutschland aber nicht unter der Bezeichnung „Mandelmilch“.

Verwirrung auch an der Fleischtheke. Veganem Pflanzenkäse oder Tofu-Butter gaben die Richter keine Chance. Herstellern von Wurst- und Fleischersatzprodukten wird weiter freien Lauf gelassen. Die Tatsache , dass es für Hersteller veganer oder vegetarischer Fleisch- und Fischalternativ-Produkte keine vergleichbaren Auflagen gebe wie bei veganer Milch werteten die Europa-Richter nicht als Problem. Es handele sich nun einmal um ungleiche Erzeugnisse, die unterschiedlichen Vorschriften unterlägen. Verbrauchern hilft der Hinweis kaum, die Verwechslungsgefahr bleibt: So habe beispielsweise ein Test der Verbraucherzentralen ergeben, dass 25 von 51 untersuchten Fleischersatzprodukten die eindeutige vegane oder vegetarische Kennzeichnung fehlte, erklärte Verbraucherschützerin Nehls.

Deutschlands Bauern können das kaum tolerieren: Es müsse auch für vegane und vegetarische Fleischersatzprodukte eine Klarstellung geben, forderte der Bauernverband. Der Gesetzgeber müsse ein eindeutiges Bekenntnis zum Original abgeben. Das wird vorerst nichts.

Und so bleibt der Widersinn am Verkaufsstand: Mit vegetarischen Schnitzeln und Nuggets wirbt beispielsweise ein großer deutscher Wursthersteller aus Niedersachsen – ohne Fleisch, stattdessen Hühnerei-Eiweiß, Rapsöl und Soja. Oder mit vegetarischem Schinken, Schinkenwürfeln oder Salami – natürlich frei von Fleisch, stattdessen aus Weizen, Soja und Eiern, Rapsöl. Kein Problem für Stralsunds Bio-Händler Roman Enke: Er wartet sogar mit einem Fleischsalat vom Tofu-Tier auf – absurder geht es kaum.  
 

Nur ein Nischenprodukt

Ein Schnitzel aus Weizeneiweiß, eine Wurst aus Soja und „Milch“ aus Mandeln: Ersatzprodukte für Vegetarier und Veganer boomen. Seit Jahren freuen sich die Hersteller über Umsatzsprünge von mitunter mehr als 20 Prozent pro Jahr. Doch seit Ende 2016 stockt der Trend. Laut den Marktforschern der GfK war der Umsatz zum Jahresende hin sogar rückläufig. Daran mögen vielleicht auch Öko-Test und die Stiftung Warentest ihren Anteil haben: Sie ließen  mehrere Fleisch-Alternativen durchfallen.

Boom hin oder her: Veggieschnitzel und pflanzliche Brotaufstriche bleiben ohnehin ein Nischenprodukt. 2015 gaben die Deutschen laut GfK durchschnittlich knapp 3,80 Euro dafür aus – und zwar im gesamten Jahr.

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