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Flüchtlinge in MV : Perspektivwechsel inklusive

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Rostocker Studenten vermitteln an Schulen Sprach- und Sozialkompetenz. Zahl der Flüchtlingskinder in den Kursen wächst stetig

svz.de von
erstellt am 20.Okt.2015 | 08:00 Uhr

„Dieses Buch ist weiß.“ Susanne Müller hält ein Buch in der Hand, das offenkundig einen grünen Einband hat. Trotzdem beharrt sie darauf: „Dieses Buch ist weiß.“ Kopfschütteln, fragende Blicke – und schließlich präsentiert Susanne Müller die Auflösung, indem sie das Buch einfach umdreht. Auf der bisher ihr zugewandten Seite ist es weiß.

„Auf die Perspektive kommt es an“, erklärt die Kursleiterin vom Rostocker Jugendsprach- und Begegnungszentrum (JSB), die gleich noch ein weiteres Beispiel anfügt: „Für uns liegt Russland im Osten. Für einen Chinesen aber liegt es, von seiner Heimat aus gesehen, im Westen. Steht er hier vor einer Landkarte, kann ihn das ganz schön irritieren.“

Ihre Zuhörer werden schon bald immer wieder gedanklich die Perspektive wechseln müssen: Nach den Herbstferien werden die jungen Frauen und Männer vor Kindergruppen stehen, die nicht nur unterschiedliche Herkunftsländer, sondern auch unterschiedliche Vorkenntnisse haben. Für die insgesamt rund 40 Studierenden, die sich dafür freiwillig beim JSB gemeldet haben, ist das einerseits eine Möglichkeit, theoretisch erworbenes Wissen in die Praxis umzusetzen. Für viele ist es aber zugleich auch eine gute Gelegenheit, Willkommenskultur ganz praktisch zu leben.

Sowohl an Grund- als auch an weiterführenden Schulen werden die künftigen Lehrer, Erziehungs-, Bildungs- oder Sozialwissenschaftler in Kleingruppen spielerisch und altersgerecht an der Erweiterung der Sprachkenntnisse und Ausdrucksfähigkeit, dem Teamverhalten und den interkulturellen Kompetenzen der Kinder arbeiten. Das theoretische Rüstzeug dafür haben Susanne Müller und ihre Kollegin Andrea Pecnik ihnen zuvor in vier Grundlagen-Seminaren mitgegeben.

Vor allem für die „Neuen“ sind diese Einführungen wichtig. Jakob Willich zum Beispiel hat zwar schon im Freiwilligendienst in Nicaragua Gitarrenunterricht gegeben und auch bereits Erfahrungen als Übungsleiter im Sport – die methodischen Hinweise findet der Lehramtsstudent für Sport und Spanisch aber sehr wichtig.

Auch „alte Hasen“ wie Rica Langmark holen sich im Vorbereitungskurs noch einmal neue Anregungen. Sie sei schon im Frühjahr beim JSB eingestiegen, erzählt die gebürtige Eckernförderin, die Lehrerin für Biologie und Sozialkunde werden möchte. „Anfangs war das Ganze vor allem eine gute Möglichkeit für mich, semesterbegleitend mein Praktikum abzuleisten“, erzählt sie. Doch jetzt würde sie weitermachen, weil die regelmäßige Arbeit mit den Kindern ihr Spaß mache und ein guter Test wäre, wie sich das in den Lehrveranstaltungen Vermittelte in der Praxis umsetzen lässt. Außerdem sei es eine spannende Erfahrung, mit Kindern aus unterschiedlichsten Herkunftsländern zu arbeiten. „Ich habe gerade von diesen Kindern auch schon einiges lernen können“, erzählt sie.

In diesem Herbst erwartet Projektleiterin Susanne Müller in den Gruppen noch einmal verstärkt Flüchtlingskinder oder Kinder mit Migrationshintergrund. Mit neun Grund- und sieben weiterführenden Schulen, an denen es teilweise mehrere Gruppen gibt, arbeitet das JSB mittlerweile zusammen. Von der Ehrenamststiftung und der Aktion Mensch wird es dabei finanziell unterstützt. Jeder Kurs wird von jeweils zwei Studenten geleitet, „dabei streben wir an, dass es über das ganze Schuljahr dieselben sind“, so Andrea Pecnik. Das klappe zwar nicht immer, aber zum Glück gebe es auch im Laufe eines (Schul-)Jahres immer wieder neue Interessenten, die dann noch nachträglich einsteigen könnten.

Informationen rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier

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