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Leiharbeiter verdrängen Stammpersonal : Personaltausch im Schlachthaus

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Personalgerangel an der Schlachtbank: In den fleischverarbeitenden Betrieben Mecklenburg-Vorpommern bringen immer mehr Leiharbeiter und Beschäftigte von Werkvertragsfirmen die Stammbelegschaften in Bedrängnis.

svz.de von
erstellt am 04.Jun.2013 | 07:41 Uhr

Schwerin | Gerangel im Fleischwerk: Zerlege- und Schlachtbetriebe in MV holen immer öfter Leiharbeiter und Werkvertragsarbeitnehmer ans Band und bringen die eigene Belegschaft in Bedrängnis. Mit dabei: namhafte Unternehmen im Großgewerbepark in Valluhn-Gallin. So sollen nach Informationen dieser Zeitung in dem mit millionenschwerer Förderung der Steuerzahler errichteten Edeka-Fleischwerk in den letzten Monaten Stammkräfte gegen Leiharbeiter ausgetauscht worden sein - vornehmlich aus Osteuropa. Inzwischen sei zwar in der Zerlegung, Verpackung und Kommissionierung etwa jede vierte Stelle mit Werkvertrags arbeitnehmern oder Leiharbeitern besetzt, teilte Edeka-Personalreferentin Katharina Weste auf Anfrage mit. So seien neben den 369 Mitarbeitern der Stammbelegschaft 51 Werkvertragsarbeitnehmer und in der Saison bis zu 80 Leiharbeiter angestellt - aus Deutschland, aber auch aus osteuropäischen Ländern. In der so genannten Füllerei arbeiteten zudem vietnamesische Mitarbeiter. Allerdings sei "niemand von der Stammbelegschaft ersetzt worden", wies Weste Kritik zurück. Vielmehr gebe es einen "stetigen Anstieg der Stammbelegschaft", aber auch des Bedarfs an Leiharbeitern. Damit könne man der "sprunghaften Entwicklung" der Produktion und des wenig "kontinuierlichen Saisongeschäftes" gerecht werden. Bezahlt werde nach "geltenden tariflichen Bestimmungen". Das müssten die Werkvertrags- und Leiharbeitsfirmen regelmäßig dem Unternehmen bestätigen. Weste: "Stabilisieren sich die Geschäfte, kommt es zur Umwandlung zur Stammbelegschaft." Erst kürzlich sei die Belegschaft um elf Mitarbeiter aufgestockt worden.

Auch beim Edeka-Nachbarn, dem Fleischspezialisten Berschneider, gehen Leiharbeiter durchs Werktor. Neben 165 festangestellten Beschäftigten würden 30 Leiharbeiter eingesetzt, erklärte Geschäftsführer Michael Dieterle. Damit solle allerdings nicht die Stammbelegschaft ausgetauscht werden. Vielmehr gleiche man die Personalnot im Unternehmen aus. Berschneider könnte sofort 30 neue Mitarbeiter einstellen, finde aber kein geeignetes Personal, sagte Dieterle.

In der Region gehören die neuen Gastarbeiter inzwischen zum Stadtbild. Immer häufiger meldeten sich ausländische Arbeitnehmer an, heißt es in der Stadtverwaltung Zarrentin. Der Personalwechsel in deutschen Fleischwerken hat nach Ansicht der Gewerkschaften System: Etliche Unternehmen entledigten sich der sozialen Verantwortung für ihre Beschäftigten und schieben sie Sub- oder Subsubunternehmen zu, kritisierte Matthias Brümmer, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG). Derzeit würden Werkvertragsfirmen wie Pilze aus dem Boden schießen und zu Preisen auf den Markt drängen, die an Ausbeutung grenzten: "Es geht um Lohndumping." Da würden auch Tariferklärungen, wie sie das Edeka-Fleischwerk einfordere, nicht helfen. "Die sind nicht kontrollierbar", meinte Brümmer. Der Gewerkschafter lässt die von der Branche als Gründe für den hohen Leiharbeiter- und Werkvertragsarbeiteranteil angeführte Saisongeschäft und die fehlenden Arbeitskräfte nicht gelten. In der Saison sei ein Leiharbeiteranteil von zehn Prozent gerechtfertigt, erklärte Brümmer: "Mehr nicht." Es sei nicht verwunderlich, dass die Branche angesichts der gebotenen oft niedrigen Löhne kein Personal finde.

Dabei sieht es in Valluhn noch gut aus: Einer Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung zufolge arbeiten in deutschen Schlachthäusern nur noch 20 Prozent der Beschäftigten in einem Normalarbeitsverhältnis. Dagegen seien 75 Prozent Beschäftigte von Werkvertragsunternehmen und etwa fünf Prozent Leiharbeiter, ergab eine nicht repräsentative Umfrage unter Betriebsräten. Nachdem Leiharbeit über Tarifverträge, Gesetzesänderungen und die Rechtsprechung schärfer reguliert worden sei, missbrauchten manche Unternehmen nun die Werkverträge. Mitarbeiter externer Firmen arbeiteten dann dort, wo vorher die Stammbeschäftigten des Auftraggebers gearbeitet haben und nutzten die gleichen Maschinen. "Zielsetzung dieser Konstruktion scheint es zu sein, tarifvertragliche, arbeits- und mitbestimmungsrechtliche Ansprüche der (Stamm-)Beschäftigten" zu umgehen, vermuten Hartmut Klein-Schneider und Kai Beutler von der Böckler-Stiftung und Betriebsräteberater Kai Beutler.

Massiv in der Kritik: der Vion-Konzern. Das Unternehmen mit Standorten im vorpommerschen Anklam und brandenburgischen Perleberg lässt mittlerweile 43 Prozent der Arbeitsplätze von Werkvertragsunternehmen besetzen - je zur Hälfte aus Deutschland und dem Ausland. In der Regel seien die Werkvertragsarbeitnehmer drei bis vier Monate bei Vion beschäftigt, erklärte Vion-Sprecher Karl-Heinz Steinkühler. Angaben zu den einzelnen Standorten machte Vion nicht. In Perleberg, so heißt es aus der Belegschaft, arbeiteten neben etwa 200 eigenen Mitarbeitern schätzungsweise 120 ausländische Beschäftigte - vor allem aus Polen und Rumänien.

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