Pelziges Vorbild vom Planeten Yaya

Ihre Eltern stammen vom Lande, doch die Kinder müssen sich in der Großstadt zurechtfinden.  Theaterspiele zeigen, worauf es dabei ankommt. Foto: Bütt
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Ihre Eltern stammen vom Lande, doch die Kinder müssen sich in der Großstadt zurechtfinden. Theaterspiele zeigen, worauf es dabei ankommt. Foto: Bütt

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12. Juni 2012, 09:48 Uhr

Peking | Unser wichtigstes Unterfangen, das "Bohnensprossen-Projekt", beschäftigt uns dieser Tage bei Hua Dan immer mehr. Dreimal die Woche sind wir den ganzen Tag in einer zweiten Schule am Stadtrand, ganz in der Nähe des Pekinger Flughafens. Direkt neben der Glitzerwelt des internationalen Flughafens zeigt die Stadt wieder einmal ein anderes Gesicht: Geschäftiges Treiben herrscht im Dorf Picun, während wir beladen mit allerhand Papier, Stiften, Tüchern und Requisiten nach der Schule suchen, wo wir die nächsten Wochen arbeiten werden. Verkäufer preisen Waren aller Art an, von rohem Fleisch, das ungekühlt in der Frühlingssonne brät, bis zu Kosmetik und Markenklamotten - alles gefälscht und zu Bruchteilen des Preises der Originale.

Während meine Kollegin Zhong Na die 60 Kinder aus ihrem Klassenraum abholt, bereiten wir den Theater-Raum im oberen Geschoss vor. Teppiche werden ausgerollt, Plakate geklebt und der Flur gefegt. Die Kinder begrüßen uns übermütig mit den Namen der Rollen aus dem Theaterstück, welches wir in der Vorwoche gezeigt haben: "König Cha Cha, du bist zurück in unserer Schule!" - "Kleiner Maulwurf, hast du deinen Planeten schon aufgeräumt?"

Ich, für die acht-bis zehnjährigen Kinder der kleine Maulwurf, erzähle, dass mein kleiner Planet Yaya, der besonders dreckig und vermüllt war, weil niemand so viel Vernunft besaß, aufzuräumen, zwar schon besser aussähe, aber dass noch viel zu tun sei. Was folgt, sind drei Stunden mit Rollenspielen und Geschichtenschreiben. Am Ende haben alle Kinder Geschichten verfasst, die von den vier Planeten aus dem Theaterstück und ihren Bewohnern handeln. Geschichten über Ehrlichkeit, Höflichkeit, Glück und Verantwortung, über Eigenschaften, die wir den Kindern im Auftrag gemeinnütziger Stiftungen näherbringen sollen.

Es ist oftmals nicht leicht, diesen Stiftungen, unseren Auftraggebern, zu vermitteln, was wir in den Gemeinden der Wanderarbeiter, was wir für ihre Kinder tun. Warum sollen diese Mädchen und Jungen Theater spielen? Wer braucht diese Art von Bildung, die meist mehr Herz, Wünsche, Verhalten und Gedanken der Kinder beeinflusst? Mathe, Chinesisch, Englisch - das sollte doch ausreichen für einigermaßen gebildete Kinder der "Unterschicht", heißt es.

China ist ein Land mit vielen arbeitslosen und arbeitssuchenden Bauern und Binnenmigranten. Dabei flaut die große industrielle Entwicklung bereits wieder ab, denn die Fabriken, die viel Arbeit für billige, ungebildete Bewohner vom Land bereithalten, haben sich neue, noch billigere Standorte in Kambodscha, den Philippinen und anderen südostasiatischen Ländern gesucht. Die Zeiten von China, der Werkbank der Welt, neigen sich dem Ende zu, gerade im Norden, der traditionell nicht so stark industrialisiert ist wie der Süden. Peking als ehemalige Olympiastadt nimmt dazu in den "post-olympischen Jahren" noch die Sonderrolle als nahezu industriefreie Zone ein. Fast alle Fabriken waren aus Angst vor Verschmutzung geschlossen worden.

Dennoch strömen Tausende von arbeitssuchenden Menschen in die Stadt, denen nur die Wahl zwischen Bau und Abriss, Müllsammeln und Reinigen bleibt. Daher ist es wichtig, für eine junge Generation Bildungsmöglichkeiten zu schaffen, damit sie auf das modernisierte Leben der zweiten Generation von Wanderarbeitern vorbereitet wird. Diese Generation ist überwiegend in den Vororten der Stadt geboren, sie kennt das Leben auf dem Land höchstens durch gelegentliche Besuche. Sie weiß nicht mehr, wie man Reis anbaut und "vom Himmel lebt", wie die Chinesen traditionell das bäuerliche Leben beschreiben. Gleichzeitig erhalten sie aber auch nicht die Bildung der Stadtkinder, welche auf das Leben im "modernen" China, im Dienstleistungsbereich oder auf akademische Arbeit vorbereitet werden.

Deshalb antworten wir den zweifelnden Stimmen von Stiftungen und anderen Organisationen meistens mit der simplen Frage, warum Kindern vom Stadtrand nicht dieselbe Bildung wie den Kindern aus dem Zentrum zusteht, denn schließlich müssen ja auch sie hier eine Arbeit finden. Wir bieten eine kindgerechte Orientierung, die den Dorfkindern, die keine Dorfkinder mehr sind, Chancen und Perspektiven im Leben zeigt, ihnen einfache Kenntnisse in Sachen schreiben, erzählen, frei sprechen und sich ausdrücken beibringt und sie selbstbewusst für die moderne Welt der Stadt macht. Also genau das, was die Kinder in Picun und den anderen Migrantensiedlungen um Peking brauchen. Vielleicht ist diese Art von Bildung, die wir hier versuchen, ein hilfreiches Mittel, um die "Schandflecken", wie sie nicht selten genannt werden, in echte Gemeinschaften umzuformen. In Gemeinschaften mit Jugendclub, Theaterunterricht, Filmvorführungen, Berufsorientierung und anderen Kulturangeboten.

Von solchen Gemeinschaften "hier draußen" träumt mein Kollege Luo Jinqiang. "Dahin ist es noch ein weiter Weg", sagt er. "Aber dafür ist Hua Dan ja da, um unsere Träume Wirklichkeit werden zu lassen." Dann fügt er zweifelnd hinzu: "Vielleicht ist es aber auch nicht der richtige Weg, den wir gehen." Das eben sei der schwierige Teil an gemeinnütziger Arbeit, sie kommt nicht ohne ein gewisses Maß an Zweifel und Unsicherheit aus. "So auch hier bei Hua Dan."

Jedes Mal, wenn wir die Schule verlassen, uns die Kinder nachrufen und wir durch das triste, dreckige Dorf voller Abfall und Plastiktüten gehen, denke ich daran, wie mich die Kinder nach dem schmutzigen Planeten Yaya und dem verantwortungsbewussten Maulwurf, der alles aufräumt, fragen. "Vielleicht merken sie sich ja tatsächlich etwas und das Dorf hier sieht in ein paar Jahren nicht mehr so schmutzig aus", entgegne ich Zhong Na und Xiao Qiang, die den Unterricht an dieser Schule planen. "Mal sehen", murmelt Xiao Qiang, "Erziehung dauert doch viel länger, als wir uns wünschen." Da hat er sicher Recht. Ein Grund, wieder hierher zurückzukommen, denke ich.

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