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Unfallzahlen steigen : Pedelecs: Ein gefährlicher Trend?

vom
Aus der Onlineredaktion

Immer mehr Menschen fahren auf einem elektronischen Drahtesel

svz.de von
erstellt am 08.Mär.2017 | 11:50 Uhr

Als schwebte man auf einer Wolke durch den Straßenverkehr. Nicht länger angestrengt und außer Atem, vielmehr fliegt das Rad selbst über die giftigsten Hügel wie Jan Ullrich in seinen besten Zeiten. Der Unterschied: Es liegt nicht am Doping. Sondern am Pedelec. Immer mehr Menschen sind auf einem elektronischen Drahtesel unterwegs. Schnell und bequem ans Ziel, dazu umweltfreundlich. Gleichzeitig steigt die Zahl der Unfälle. Ein gefährlicher Trend?
Ausgestattet mit kleinen Motoren unterstützen Pedelecs den Fahrer beim Pedaletreten bis zu einer Geschwindigkeit von 25 Km/h. Und das auf einer Strecke von rund 100 Kilometern. Ende 2016 waren auf deutschen Straßen rund drei Millionen der Räder unterwegs. Über 600 000 wurden im letzten Jahr verkauft. Das berichtet der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV).

„Der Verkauf der Pedelecs geht bei uns durch die Decke“, sagt Jan Schult, Mitarbeiter beim Schweriner Fahrradhändler Rademacher. Alleine in den letzten Wochen, so schätzt Schult, verkauften er und seine Kollegen knapp 20 der Räder. Es gäbe extra einen separaten Raum, in dem nur die Pedelecs ausgestellt sind, weil sich der Markt in den letzten Jahren so enorm entwickelt hätte, berichtet er. Und bei Preisen von 2800 bis 3500 Euro ist es ein gutes Geschäft.

Ursprünglich waren die Pedelecs für Leute gedacht, die nicht mehr in der Lage seien, das normale Fahrrad ohne Probleme zu fahren, sagt Steffen Burkhardt, Vorstandsvorsitzender des „Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Mecklenburg-Vorpommern (AdFC). „Jetzt fahren schon Geschäftsleute damit zur Arbeit.“ Er selbst mache das auch, sogar bei Regen. Neu sei zudem, dass Mountainbikes, Trekkingräder und Kinderfahrräder mit Elektromotoren verkauft werden.

Das Statistische Bundesamt zählte zwischen Januar und September 2016 3214 Unfälle mit den Pedelecs. Dabei starben 46 Menschen. Im selben Zeitraum des Vorjahres waren es 2313 Unfälle mit 26 Toten – ein Anstieg von rund 30 Prozent, während die Zahl der Unfälle mit normalen Fahrrädern um sechs Prozent zunahm. Der ZIV erklärt den Anstieg mit den gestiegenen Verkaufszahlen wie folgt: Mehr Leute fahren mehr Kilometer, somit steigt das Risiko eines Unfalls zwangsläufig. Zudem läge die Durchschnittsgeschwindigkeit mit nur rund zwei Km/h knapp über dem der normalen Räder. Die Schweriner Polizei teilte auf Nachfrage mit, dass im Jahr 2016 vier Pedelec-Räder an Unfällen in Schwerin beteiligt waren – hingegen 76 mit normalen Rädern. Sie könnten deshalb keinen neuen Schwerpunkt oder Trend erkennen. Laut einer Studie der „Unfallforschung der Versicherer“ (UDV) sei das Pedelec an sich nicht das Problem, sondern die Nutzergruppe. Senioren bilden die größter Gruppe der Pedelec-Fahrer.

Sie kaufen sich die Pedelecs, um mobil zu bleiben, unterschätzten dann aber die Schwierigkeiten in der Fahrpraxis: die kräftigen, hydraulisch betriebenen Bremsen oder die größeren Kurvenradien, weil der Motor in der Kurve anschiebt. Experten empfehlen deshalb vor allem Senioren, beim Fahren eines Pedelec einen Helm zu tragen. Sie hätten ein erhöhtes Risiko, sich bei einem Unfall schwer zu verletzen, sagt Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Es ginge in erster Linie darum, schweren Kopfverletzungen vorzubeugen. Auch der AdFC aus MV rät dazu – obwohl der Verband gegen eine gesetzliche Helmpflicht ist. Das gelte für Kinder und Senioren, sagt Burkhardt. „Im Zweifelsfall“, sagt er, „kann der Fahrradhelm helfen.“ Für wichtiger hält Burkhardt das Üben: Probefahrten vor dem Kauf seien sinnvoll, das erste Fahren sollte nicht unbedingt durch den Nachmittagsverkehr führen.

Bei Rademacher wird immer zur Probefahrt geraten. Es ginge nicht an, sagt Jan Schult, „dass Oma Lischen ohne zu Probieren damit losfährt.“ Auch einen Helm würde bei Rademacher immer angeboten. Aber, und das sei laut Schult erfreulich, fragen die Kunden bei Pedelecs selber danach.

E-Bike, Pedelec oder S-Pedelec?
Der Volksmund sagt meistens E-Bike, meint dann aber in der Regel ein Pedelec (Pedal Electric Cycle). Sie haben einen Verkaufsanteil von circa 95 Prozent unter allen elektrischen Fahrrädern. Ein Elektromotor unterstützt hier den Radler nur beim Treten bis 25 km/h. Dafür ist weder ein Versicherungskennzeichen noch ein Helm nötig.Pedelecs dürfen auch auf dem Radweg fahren, denn rechtlich gelten sie als Fahrräder. Das gilt für S-Pedelecs nicht. Sie gelten als Kleinkrafträder (L1e) und können je nach Modell durch einen stärkeren Motor bis zu 45 km/h beim Treten unterstützen. Erforderlich sind ein Führerschein der Klasse AM (M vor 2013), ein Helm sowie ein Versicherungskennzeichen. Wer sie fahren will, muss in der Regel mindestens 16 Jahre alt sein.Ohne zu treten lassen sich schließlich die eigentlichen E-Bikes mit einem Hebel oder Gasgriff fahren, in der Regel bis 20 km/h. Für diese Kleinkrafträder sind ein Versicherungskennzeichen und ein Führerschein der Klasse AM (M vor 2013) nötig. Andere Modelle fahren bis 25 und 45 km/h schnell, für sie gilt dann außerdem eine Helmpflicht. Es handelt sich insgesamt um eine besonders kleine Gruppe, die weniger als ein Prozent der elektrischen Fahrräder ausmacht.
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