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Beratungsstelle musste nach Auslaufen des Modellprojektes schließen : Patienten bleiben ratlos zurück

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Patienten sehen sich mit neuen Austauschkriterien für Medikamente konfrontiert. Noch bis zum Jahresende wären die Mitarbeiter der UPD kompetente Ratgeber in solchen Situationen gewesen. Doch ihr Betrieb ist eingestellt.

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erstellt am 09.Jan.2011 | 06:19 Uhr

Rostock | Der Beratungsbedarf könnte kaum größer sein dieser Tage: Patienten sehen sich wieder einmal mit neuen Austauschkriterien für vom Arzt verordnete Medikamente konfrontiert. Das Arzneimittelmarktneuordungsgesetz gibt ihnen zwar die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob sie anstelle des von ihrer Krankenkasse vorgeschriebenen Rabattarzneimittels lieber ihr gewohntes behalten beziehungsweise ein anderes bekommen wollen. Über die finanziellen Folgen solch einer Entscheidung klärt die Betroffenen allerdings niemand auf: In den Apotheken, an deren Tresen derzeit viele hitzige Diskussionen geführt werden, weiß man ganz einfach nicht, wie hoch die Erstattung der einzelnen - immer noch weit über 100 - Kassen ausfallen würde, wenn der Patient für sein Wunschmedikament in Vorkasse tritt. Bei den Kassen rät man - obwohl der Gesetzgeber Patienten dieses Recht ausdrücklich einräumt - generell von Medikamenten gegen Vorkasse ab.

Noch bis zum Jahresende wären die Mitarbeiter der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) kompetente Ratgeber in solchen verzwickten Situationen gewesen. Doch "ihr Betrieb ist eingestellt", bestätigt Dr. Jürgen Fischer, der Geschäftsführer der Neuen Verbraucherzentrale in Mecklenburg-Vorpommern (NVZMV), die seit 2006 im Land als Träger der UVD fungierte. Die bundesweite kostenlose telefonische Beratung sei eingestellt, die Rostocker Mitarbeiterinnen wie ihre Kolleginnen und Kollegen aus den regionalen Beratungsstellen in den anderen Bundesländern seit Jahresbeginn arbeitslos. "Wir halten aber einen Notbetrieb mit eigenen Mitteln aufrecht", so Fischer. Die drei Kolleginnen würden derzeit einmal wöchentlich ehrenamtlich ihre Arbeit verrichten. Auf längere Sicht aber sei dieser Zustand nicht haltbar.

Aus Fischers Sicht wäre er vermeidbar gewesen. Schließlich war das Modellprojekt Unabhängige Patientenberatung Deutschland von vornherein nur bis zum Ende 2010 angelegt. Danach sollte daraus ein reguläres Beratungsangebot werden - rechtlich verankert ist auch das im Arzneimittelmarktneuordungsgesetz. Doch die Ausschreibungen, an denen sich auch die NVZMV beteiligt hatte, verzögerte sich. Ausschreibungskriterien wurden kurzfristig verändert, Entscheidungen über die künftige Trägerschaft so bis heute offen gehalten, bedauert Fischer.

Beim Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen in Berlin (GKV-Spitzenverband), bei dem die Entscheidung über die künftige Trägerschaft liegt, weist Sprecher Florian Lanz den Vorwurf absichtlicher Verzögerung zurück. "Schon Anfang 2010 haben wir uns klar dafür ausgesprochen, dieses Beratungsangebot deutschlandweit weiterführen zu wollen", erläutert er. Deshalb habe man auch schon frühzeitig mit der Ausschreibung begonnen. "Weil das Finanzvolumen aber über 5 Millionen Euro liegt, musste europaweit ausgeschrieben werden." Auch das habe der Verband schon in die Wege geleitet, als das entsprechende Gesetz noch gar nicht endgültig beschlossen war. "Schon im Januar wird deshalb wahrscheinlich eine Entscheidung fallen", so der Sprecher des GKV-Spitzenverbandes. Die Situation vor Ort sei aber natürlich ein Riesenproblem. "Wir hätten uns gewünscht, dass der Gesetzgeber von vornherein eine Übergangsfrist von einem halben Jahr festschreibt", so Lanz.

Hintergrund: Unabhängige Patientenberatung Deutschland

Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD), die am 30. Januar 2007 ihre Arbeit aufgenommen hat, wurde vom GKV-Spitzenverband im Rahmen eines Modellvorhabens zur Förderung von Einrichtungen zur Verbraucher- und Patientenberatung finanziert. Auch künftig trägt der GKV-Spitzenverband mit 93 Prozent den größten Anteil an der Finanzierung der UPD. Sieben Prozent des Gesamtfinanzvolumens von jährlich 5,2 Millionen Euro bringt die Private Krankenversicherung auf. Bislang gab es bundesweit 22 Beratungsstellen, mindestens eine pro Bundesland. Die Nutzerzahl stieg kontinuierlich, 2009 nach Einführung einer gebührenfreien Telefonberatung auf 78 849 gegenüber 51 492 im Jahr zuvor.

Beratungsschwerpunkte waren Leistungen der Kostenträger (45 Prozent), medizinische Aspekte wie (Krankheitsbilder, Therapien, Nebenwirkungen, Behandlungsalternativen (39 Prozent) und rechtliche Fragestellungen, u. a. zu Patientenrechten, Vorsorgedokumenten, Patientenverfügung (33 Prozent).

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