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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 18:35 Uhr

Die Parteien im Netz : Passiv auf Facebook

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vornehme Zurückhaltung statt Kampf um Wählerstimmen? Über die SPD, CDU und Linke auf Facebook

svz.de von
erstellt am 30.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Das ist eine Geschichte über Passivität. Über Fotos und Videos, die nur wenig Beachtung finden. Über sterile Pinnwände, übersät mit Texten, deren Aussagekraft gen Null geht. Über eine verschenkte Chance. Und über die Niederlage gegen die Alternative für Deutschland.

Am 25. Februar 2017, um kurz nach 15 Uhr, schreibt die CDU Mecklenburg-Vorpommern ihren letzten Facebook-Eintrag des Tages. Zehn Namen, untereinander notiert: die Landesliste der Partei zur kommenden Bundestagswahl. An Rang eins steht Angela Merkel. Dazu kein Bild, keine Erklärung, nichts. Nur ein Text, der wirkt, als würde sich die CDU einen Spickzettel mit den Namen der Nominierten machen. 65 Leuten gefällt der Beitrag. Einen Tag später zieht die AfD nach. Auch sie bestimmt die Landesliste. An Rang eins steht Leif-Erik Holm. Zum Ergebnis stellt der Landesverband einen Beitrag auf die eigene Facebook-Seite. Ein Glückwunsch an Holm; verpackt in einem Satz, unterlegt mit einem Bild von ihm. Das wiederum gefällt 412 Leuten.

2232 „Gefällt-mir-Angaben“ zählt die Landes-CDU auf Facebook. Ähnlich geht es der SPD MV, 2270, und der Linken des Landes, 2788. Die AfD Mecklenburg-Vorpommern hingegen liegt bei 21 346. Selbst der NPD-Landesverband, seit September 2016 nicht mehr im Landtag, steht bei 9293. Warum der große Unterschied? Den Landesparteien fehle es an einer Strategie, sagt der Hamburger Politikberater und Digitalexperte Martin Fuchs. Die Facebook-Seiten von CDU, SPD und Linke seien „eine selbstbezogene Dokumentation der eigenen Aktivitäten“, quasi eine digitale Selbstbeweihräucherung. Nur, sagt Fuchs: Bis auf ein paar Ausnahmen „interessiert das niemanden“. Gute Kommunikation auf Facebook müsse Emotionen wecken, einen konkreten Mehrwert darstellen, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe aufzeigen. Das aber funktioniert schwer, wenn die SPD ihre eigenen Abgeordneten interviewt oder die CDU steife Bilder postet, versehen mit dem Satz, die junge Union hätte sich getroffen.

„10 000!“, schreibt der SPD-Landesverband am 4. März 2017. Der erste Facebook-Eintrag nach vier Wochen, er braucht nur eine Zahl und ein Ausrufezeichen. Gemeint sind die neuen Mitglieder, die im Zuge der Kanzlerkandidatur von Martin Schulz in die Partei eingetreten sind. 72 Leuten gefällt der Beitrag. Darunter stehen fünf Kommentare, einer von der SPD selbst, ein anderer nutzt nicht einmal Worte, sondern postet ein Video des AfD-Landtagsabgeordneten Christoph Grimm, eine Rede von ihm im Schweriner Landtag. Mit nur einem Klick erhöht er die Reichweite der AfD, unter einem Beitrag der Sozialdemokraten. „Selbstverständlich spielen soziale Medien eine wichtige Rolle“, sagt Antje Butschkau, Landesgeschäftsführerin der SPD. Sie ist für den Facebook-Auftritt zuständig. Über die sozialen Medien wolle die Partei den kurzen Draht zu Mitgliedern und Unterstützern halten, erklärt Butschkau. Für kurzfristigen Erfolg, sprich große Bewegung und viele Klicks, wolle die SPD ihre Kanäle wie Facebook nicht nutzen. Das Gespräch vor Ort bliebe die Kernstrategie der Partei. Und dann sagt sie etwas zum Beitrag, den mit den 10 000 neuen Mitgliedern. 20-Mal mehr wurde er angeklickt als vergleichbare Postings, die „passive Wahrnehmung“ sei größer als es die Interaktionen in den sozialen Medien andeuteten. Sind sie also doch wichtig, die Zahlen?

Fuchs erklärt: Die Zahl der „Gefällt-mir-Angaben“ ist nicht unbedingt ein Ausweis von Erfolg und Beliebtheit. Institutionen hätten es schwer, Facebook-Auftritte lebten vor allem von Persönlichkeit. Die Parteien hingegen halten sich oft eine Maske vor das Gesicht, „keiner weiß, wer hinter den Postings steckt.“ Dennoch, sagt Fuchs in Richtung der Parteien und Politiker: Es gibt im Flächenland Mecklenburg-Vorpommern keine bessere Möglichkeit, auf Augenhöhe in Kontakt und Dialog mit den Wählern zu kommen. Karsten Kolbe weiß das. Soziale Medien würden immer wichtiger, sagt er. Kolbe ist 30 Jahre, das jüngste Mitglied der Linksfraktion im Landtag. Seit Anfang des Jahres will die Linke in MV auf Facebook mehr Präsenz zeigen, mit Blick auf die Bundestagswahl. Die jungen Leute ansprechen, wie Kolbe es formuliert. Sie setzen dabei vor allem auf „Share Pics“. Das sind Bilder, versehen mit kurzen und prägnanten Botschaften. Oder, anders ausgedrückt: digitale Wahlkampfplakate. Wie auf der Straße braucht der Betrachter nur wenige Sekunden, um zu verstehen – und zu entscheiden, ob es gefällt oder nicht. Am 6. Februar postet Kolbe ein solches Bild. Zu sehen sind 60 kleine Zeichnungen von Köpfen, sie tragen einen Doktorhut. Immer im Wechsel sind sie entweder schwarz oder grau. Darunter steht: „Jeder zweite Lehramtstudierende in MV bricht das Studium vorzeitig ab. Wir fordern: eine eigenständige Ausbildung für angehende Lehrer!“

Die Zahlen, die Kolbe nutzt, sind aus dem Jahr 2015. Laut amtlicher Hochschulstatistik beendeten in dem Jahr 448 Studenten ihr Erststudium im Lehramt ohne erstes Staatsexamen. 987 begannen es. Es lässt sich daraus nicht ablesen, wer endgültig kein Pädagoge mehr werden will oder kann. Schon ein Student, der von der Universität Greifswald zur Uni nach Rostock wechselt, taucht in der Statistik auf – selbst wenn er weiter das Lehramt studiert. Auch rutschen Studenten in die Statistik, die von der Hochschule selbst gestrichen worden sind, weil sie zum Beispiel vergessen haben, sich mit dem Überweisen der Semestergebühr zurückzumelden. Man könnte sagen: Das, was die Linke da schreibt, entspricht nicht der ganzen Wahrheit. Kolbe nimmt es gelassen. In der politischen Auseinandersetzung sei „die Zuspitzung gewollt“. Der Beitrag mit dem Bild und den zwei Sätzen: Er wollte in die Debatte kommen, erklärt er. Kolbe bekam dafür übrigens 17 „Gefällt-mir-Angaben.“

Die Frage ist, sagt David Leu, ob man ein politisches Statement auf einen oder zwei Sätze begrenzen könne. Er ist Referent für Politik und Öffentlichkeitsarbeit bei der CDU MV. „Es ist schwierig, den Menschen in der Kürze komplexe Themen zu erklären.“ Deshalb stellt die Landes-CDU längere Pressemitteilungen oder Berichte auf die Facebook-Seite. Also: Passivität auf Facebook als Selbstschutz?

Ganz anders die AfD MV. Am 20. März schrieb sie: „Angela Merkel ist für unsere Welt gefährlicher als Nordkorea mit Atomwaffen.“ 496 Leuten gefällt das.

Reaktion: Sie antwortet nicht

Margret Seeger meldet sich nicht. Seit knapp zwei Monaten ist sie spurlos verschwunden. Einfach so, aus dem Nichts. Dabei hatten wir ihr doch Fragen gestellt: Warum sie mitten in der Nacht, gegen ein oder zwei Uhr, wie von Geisterhand auf den Seiten der AfD MV „Gefällt mir“ drückte oder Beiträge teilte. Immer wieder. Doch etwa nicht, um damit die Reichweite der AfD zu erhöhen? Hat sie automatisiert dafür gesorgt, dass die Alternative bei Facebook mehr Menschen erreicht als die anderen Parteien? Ist sie vielleicht gar kein Mensch, sondern ein Computerprogramm? In ihrer Facebook-Antwort auf den SVZ-Artikel „Dichtung und Wahrheit“ vom 24. Februar schrieb die AfD MV, diese Magret Seeger würde existieren. Dabei vertippte sich die AfD beim Namen, es fehlte ein ’r’: also Margret statt Magret. Und ja, wenn man Margret Seeger eingibt, kommt ein Profil, eine neue Nutzerin, die den ganzen Tag damit zu verbringen scheint, die Standpunkte der AfD zu verbreiten. Sie antwortet übrigens auch nicht auf unsere Anfrage.

afd
 
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