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"Wir spüren Wut"

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erstellt am 24.Jul.2011 | 07:52 Uhr

Duisburg | Sie hießen Marina, Dennis, Clancie und Giulia. Sie waren Anfang 20, einige etwas jünger, andere etwas älter. Sie kamen aus Deutschland, Italien, Australien und China nach Duisburg, um fröhlich mit Tausenden anderen Techno-Fans die Loveparade zu feiern. Doch in der Ruhrgebietsstadt fanden sie den Tod. Vor einem Jahr, am 24. Juli 2010, starben 21 junge Menschen qualvoll in dem tödlichen Massengedränge. Am Jahrestag haben sich Eltern, Angehörige, Retter und Freunde im Duisburger MSV-Stadion zu einer bewegenden Gedenkfeier versammelt.

Hunderte sind trotz Regen und Kälte zusammengekommen. In einer Feier voller Tränen kommt die Erinnerung an jenen heißen Sommertag hoch, der unfassbares Leid brachte. "Ihr fehlt uns", das ist die Botschaft, die an diesem wolkenverhangenen Tag durch das Stadion zieht. "Jede Frage nach dem Warum verhallt", sagt der katholische Weihbischof Franz Grave.

Wut bricht sich die Bahn bei Nadia Zanacchi, der Mutter der getöteten Giulia aus Italien. Schwere Vorwürfe erhebt sie in ihrer Ansprache gegen die Loveparade-Verantwortlichen. "Wir spüren Wut", ruft sie. "Es ist eine Tragödie, die mit Sicherheit vermeidbar gewesen wäre."

Der heftig kritisierte Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) kann diese Worte nicht hören. Die Angehörigen wollten ihn nicht bei ihrer Trauerfeier dabei haben - ebenso wenig wie den Veranstalter Rainer Schaller. "Wir warten auf eine Geste des Respekts vor unseren Kindern", sagt Zanacchi. "Wir brauchen Gerechtigkeit." Diese herzustellen, sei nun die Aufgabe der Richter.

Die Angehörigen auf der Tribüne fassen sich an den Händen, als die Namen der 21 Opfer zwischen 18 und 39 Jahren verlesen werden. Nur der Regen rauscht, als sich rund 7000 Menschen zu einer Schweigeminute erheben. Als "Der Graf", Sänger der Gruppe Unheilig, das Lied "Geboren, um zu leben" singt, ringen die Hinterbliebenen mit Fassung, umarmen sich, geben sich Halt.

Die junge Ella Seifer, die in einer Ansprache erzählt, wie sie das Todesgedränge überlebte, bricht in Tränen aus. "Jeder musste um sein Leben ringen. Ich sah, dass Menschen starben, Menschen, mit denen wir feiern und Spaß haben wollten." Dann spricht der Rettungssanitäter Daniel Otto unter Tränen von den chaotischen Szenen an der Rampe des Tunnels.

Die Katastrophe von Duisburg hat das Leben der Menschen, die die Massenpanik hautnah erlebten, verändert. Der Schreiner Wolfgang Locke (53) hat das Gedränge überlebt. Er ist am Abend vor der Gedenkfeier wie viele andere auch zum Unglücksort im Karl-Lehr-Tunnel gekommen. Seit der Loveparade kann er nicht mehr arbeiten. "Nicht nur körperlich und seelisch kam der Abstieg", sagt er. "Auch finanziell bin ich kaputt."

21 Kreuze säumen die schmale steile Treppe, an der sich die Menschen in Todesangst hochhangelten, um dem stickigen Tunnel zu entkommen. Blumenkränze, Grablichter und Fotos der Opfer sind unterhalb der Treppe abgelegt. Das wohl Schwerste an diesem Tag ist für die Angehörigen und Verletzten nach der Gedenkfeier der Gang durch den engen, dunklen Tunnel zum Unglücksort. Dort wollen sie still trauern. Begleitet werden sie von Regierungschefin Hannelore Kraft (SPD).

Ein städtischer Mitarbeiter sagt: "Es gibt keinen Schlussstrich." Die ungeklärte Schuldfrage verlängere das Leid der Hinterbliebenen immer weiter. Kraft kritisiert - indirekt - in ihrer Fürbitte, dass niemand der Verantwortlichen bisher die Kraft gefunden habe, Fehler einzugestehen. Wahrheit, Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit seien nötig, "damit Trost und Versöhnung eine Chance haben".


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