Gesundheit : Willkommen im virtuellen Sprechzimmer

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Eine junge Schweriner Internetfirma hat mit arztkonsultation.de ein Angebot entwickelt, das in vielen Praxen helfen kann, Patientenströme neu zu ordnen.

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18. Juli 2015, 08:00 Uhr

Kann die Lösung für Ärztemangel, lange Wartezeiten und Schlangen am Praxisthresen so einfach sein? Man schaltet den Computer und die Webcam ein, gibt den Zugangscode auf einer Internetseite ein – und schon nach kurzer Zeit erscheint auf dem Bildschirm das Gesicht des vertrauten Haus- oder Facharztes. Er kann sich nun mit wenigen Fragen davon überzeugen, dass ein neues Medikament tatsächlich anschlägt und es keine Nebenwirkungen gibt. Der Patient braucht dazu weder den oft dutzende Kilometer weiten Weg in die Praxis auf sich zu nehmen, noch muss er wertvolle Zeit im Wartezimmer verbringen.

Das in Schwerin ansässige Telemedizin Start-up Dr. Roßbach, Mausch & Dr. Dangers GmbH bietet seit wenigen Monaten das technische Know-how für eine Online-Seh- und -Sprechstunde an. „artzkonsultation.de ist keineswegs als Arztersatz gedacht“, erklärt Dr. Marc Dangers, einer der drei Geschäftsführer. Die Arztkonsultation über eine sichere Datenverbindung im Netz könne aber gerade in strukturschwachen Regionen dabei helfen, Versorgungsengpässe zu verringern, ist der Schweriner überzeugt.

Seit Jahren werde der Ausbau telemedizinischer Strukturen politisch gefordert, so Dangers. Onlinesprechstunden seien aber lange Zeit von ärztlichen Organisationen kritisch bewertet und als nicht mit der ärztlichen Berufsordnung vereinbar abgelehnt worden. Das hätte auch an den jeweiligen Konzepten gelegen. Arztkonsultation.de sei nicht, wie in anderen Ländern üblich, zur Erhebung von Befunden oder zur Ausstellung von Rezepten gedacht, sondern zur Unterstützung der Mediziner. „Dass sich Arzt und Patient bereits kennen, ist uns – und auch Ärzteverbänden und Datenschützern – ganz wichtig“, betont Dangers. Nur Bestandspatienten hätten Zutritt in die virtuelle Praxis – allein der Arzt entscheide, wem er den entsprechenden Zugangscode aushändigt.

Mehr als ein Jahr lang haben die Jungunternehmer, die Erfahrungen aus der Medizintechnik- und der Beratungsbranche mitbringen, an dem Konzept gefeilt. „Wir haben in der Entwicklungsphase mit Leuten aus ganz Europa zusammengearbeitet, weil die technischen Anforderungen doch höher waren, als wir anfangs erwartet hatten“, erinnert sich Dangers. „Skypen, also normale Videotelefonie, wäre zu wenig gewesen, denn Datenschutz und Organisation mussten eine ganz wichtige Rolle spielen.“

Herausgekommen ist eine Lösung, für die man „nichts installieren oder herunterladen muss“ und die, wie Dangers betont und wie in Regionen fernab der schnellen Datenautobahnen nicht unwichtig ist, „bei jedem DSL und jedem Kabel funktioniert, selbst 3G vom Handy genügt“. Einzige Einschränkung: Nur Firefox und Chrome werden als Browser akzeptiert.

Das Land Mecklenburg-Vorpommern und seine Mittelständische Beteiligungsgesellschaft (MBMV) fördern arztkonsultation.de mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung – „das hat uns enorm geholfen und uns viele weitere Türen geöffnet“, gesteht Dangers. Wichtig sei auch, dass Ärztevereinigungen sich hinter die Idee stellten. „Telekonsultationen könen zur Ergänzung einer laufenden Behandlung sinnvoll sein“, erklärt zum Beispiel Dr. Fridjof Matuszewski, der stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommerns (KVMV). Der vorhergehende persönliche Patientenkontakt und die laufende persönliche Betreuung seien die notwendigen Voraussetzungen. „Insbesondere in einem Flächenland wie unserem können derartige Innovationen zu mehr Effizienz führen, wenn sie unter Einhaltung des Berufsrechts der Ärzte und unter Beachtung datenschutzrechtlicher Vorschriften eingesetzt werden“, so der KVMV-Vize.

Auf Ärztekongressen, Messen und in Qualitätszirkeln werben die Macher von arztkonsultation.de derzeit für ihr Produkt. „Mit unserem Erfolg sind wir bereits sehr zufrieden, wir kommen sehr gut voran“, lässt sich Marc Dangers allerdings nicht allzu sehr in die Karten schauen. Dass es Skeptiker gibt, verhehlt aber auch er nicht. Sie sagen, dass sie Patienten auch am Telefon ausreichend beraten könnten – ohne eine zusätzliche monatliche Gebühr an die Betreiber von arztkonsultation.de zu zahlen. Und sie verweisen darauf, dass ihr Arbeitstag jetzt schon länger als zwölf Stunden ist, für eine zusätzliche Sprechstunde im Netz fehlten Zeit und Kraft.

Befürworter dagegen meinen, dass sie gerade durch die Online-Sprechstunde Zeit gewinnen würden, vor allem, wenn sie von vornherein einen Zeitrahmen für die Videosprechstunde abstecken. Auch dann sei das Wartezimmer zwar oft voll, die Wartenden könnten sich aber zu Hause anderweitig beschäftigen, bis ein akustisches Signal sie an den Computer zurück und in die Videosprechstunde ruft.

Der Hamburger Allgemeinmediziner Niels Schulz-Ruhtenberg, der zu den ersten gehörte, die arztkonsultation.de getestet haben, hält die Videosprechstunde „für eine sinnvolle Ergänzung zur normalen Sprechstunde“. Denn im Vergleich zum Telefonat bekäme er immer auch einen optischen Eindruck von dem Patienten. „Praktisch finde ich die Wartezimmerfunktion – und dass ich räumlich unabhängig bin.“ Vor allem für chronisch Kranke mit „viel Gesprächsbedarf“, aber auch für Menschen, denen die Zeit zum Aufsuchen der Praxis fehlt – beispielsweise berufstätige Alleinerziehende – sei das Angebot eine echte Alternative.

Auch Dr. Sabine Krämer , Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie aus Frankfurt, hält Sprechstunden am Computer ab. Ihr Spezialgebiet ist ADHS im Erwachsenenalter – nur sehr wenige Behandler kennen sich damit aus, ihre Patienten nehmen deshalb nicht selten mehrere hundert Kilometer weiter Anfahrtswege in Kauf. „Für sie lohnt es, nach einem Erstgespräch in der Praxis in die Onlinesprechstunde zu wechseln“, betont die Ärztin.

Auch Marc Dangers sieht Einsatzfelder vor allem in der „sprechenden Medizin“. „Und erstaunlich groß ist das Interesse bei Dermatologen“, hat er beobachtet. Was in seinen Augen ein gewichtiges Argument für das neue Portal ist: Leistungen, die dort erbracht werden, erstatten private und gesetzliche Krankenkassen gleichermaßen. Allerdings nur mit einem sehr gringen Pauschalsatz, schränkt Sabine Krämer ein: Gerade einmal 9,04 Euro könne sie für die Online-Konsultation in Rechnung stellen – „egal, ob sie eine Minute oder eine halbe Stunde dauert“.

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