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Flüchtlingsgeschichte : Wiedersehen mit alter Heimat Pommern

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vor 80 Jahren kam Günter Voß in Bartlin in Pommern zur Welt. Jetzt kehrte er für einen Tag zurück.

svz.de von
erstellt am 29.Dez.2015 | 12:00 Uhr

Bilder, Zeitungsausschnitte, eine alte Karte liegen auf dem Stubentisch im Wohnzimmer von Günter Voß. Er wirkt ganz ruhig an diesem Sonntag. Erinnert sich, wie es vor knapp 70 Jahren gewesen ist, als er gemeinsam mit seiner Mutter und seinen Geschwistern aus der alten Heimat fliehen musste. Günter Heinz Wilhelm Voß wurde vor 80 Jahren als drittes Kind von Emma und Emil Voß in Bartlin in der Provinz Pommern geboren. „Dort im Mittelstubenweg soll ich zur Welt gekommen sein“, erzählt Voß. Heute hat er Geburtstag.

Reise zurück in die Vergangenheit

Günter Voß wollte schon längst eine Reise in die alte Heimat gemacht haben, doch irgendwas kam immer wieder dazwischen. So ist es eben im Leben. So war es auch beim ersten Termin im Sommer. Zwei Monate vor seinem 80. Geburtstag stand der Termin endlich fest: Gemeinsam mit seiner ältesten Tochter, seinem Schwiegersohn und seiner Ehefrau Rita ging es los – von Wasbek in Schleswig-Holstein, über die A 20 vorbei an Lübeck und Rostock in Richtung Stettin. Dort trennen Günter Voß nur noch 200 Kilometer von seinem alten Zuhause.

Dann war es soweit: Knapp 70 Jahre nach der Vertreibung stand er wieder vor seinem Elternhaus – im heutigen Bartolino, in Polen, zwischen Stettin und Danzig. Nur wenig hat sich verändert am Haus – die sechs Fenster nach vorne zur Straße raus sind noch immer vorhanden. „Er hatte Tränen in den Augen“, erzählt seine Tochter anschließend.

Sein Leben zog in jenen Minuten an ihm vorüber. Es ist das Leben eines Vertriebenen, eines Flüchtlings, der in einem fremden Land gezwungen war, sich wieder ein Zuhause aufzubauen. Vieles erinnert an die Situation heutiger Flüchtlinge. Und doch ist vieles auch ganz anders.

Der Zweite Weltkrieg prägt die Kindheit

Geboren am 29. Dezember 1935, erlebt Günter Voß gemeinsam mit seinen Eltern und Geschwistern eine unbeschwerte Kindheit. Bis der Zweite Weltkrieg auch die Provinz Pommern erreicht. In Nemitz ist er zur Schule gegangen. Die Lehrerin kam aus Schlawe. „Doch irgendwann kam sie nicht mehr. Es fuhren keine Züge mehr, der Krieg war zu weit vorangeschritten“, erinnert er sich. Am deutlichsten aber hat der 80-Jährige den Krieg bei einem Ausflug in die Stadt erleben müssen. „Wir waren nach Stolp zum Schuhkauf gefahren. Nicht weit von uns entfernt schlug eine Granate ein.“ Günter Voß hält inne, durchlebt das Geschehene – wie es scheint – ein weiteres Mal. „Danach sind wir nie wieder in die Stadt gefahren.“ Die Familie bleibt nicht mehr lange in Pommern. Vater Emil Voß wurde bereits eingezogen. Der älteste Bruder der Voß-Geschwister, Walter, kam als Flakhelfer auf die „Wilhelm Gustloff“ – er ist einer der wenigen, der den Untergang des Schiffes überlebt.

Nach der Kapitulation der Deutschen, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, werden die Grenzen neu geordnet. Die Oder-Neiße-Linie wird zur Friedensgrenze – Pommern wird polnisch. Das Potsdamer Protokoll vom 2. August 1945 hatte eine friedliche, humane Umsiedlung der Deutschen vorgesehen. Doch Günter Voß erlebte die Flucht ganz anders: „Wir sind hunderte von Kilometern zu Fuß gelaufen, immer an der Küste entlang. Bis nach Stettin.“ Begleitet wurden sie von der Roten Armee oder von Polen. „Ich war klein und flink, konnte mich immer wegducken. Doch die Älteren hatten es schwer. Sie wurden mit Wasser bespritzt und dann verprügelt. Immer mit dem Knüppel drauf.“ Unzählige Frauen wurden vergewaltigt. Seine Mutter nicht, wie er erzählt. „Wenn ich heute noch mal die Wahl hätte, ich glaube, ich wäre freiwillig an die Front gegangen. Als Zivilist möchte ich solche Gräueltaten nicht noch einmal erleben müssen“, resümiert der Wasbeker.

Die Flucht endet nicht in Stettin, sondern geht weiter. „In Viehwaggons wurden wir eingepfercht und mit dem Zug weiter gen Westen gebracht.“ Wer bei einem Halt ausstieg, blieb oftmals zurück, verlor seine Familie. Bis 1947 wurden fast alle deutschen Familien aus dem Ort vertrieben. Emma Voß hielt ihre Schützlinge – Günter, Inge, Uschi und Kurt – immer zusammen. Letztendlich kamen sie in Neumünster an. Im Lager am Ehndorfer Platz findet die Zusammenführung der Familie statt. Sechs, sieben Jahre bleiben sie im Lager, ein weiteres Kind kommt in einer der Nissenhütten zur Welt – der jüngste der Familienbande, Hartmut.

Einfach ist der Start in einem neuen Leben nicht. Mit mehreren tausend Menschen leben sie auf engstem Raum. „Nicht alle haben das Lager damals überlebt“, blickt Günter Voß zurück. Sie seien erfroren in den Nissenhütten von Neumünster. Doch viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht, wie er sagt. Denn als sein Vater aus der Gefangenschaft zurückkehrte, musste Geld verdient, ein neues Leben aufgebaut werden. Und die Kinder mussten mitanpacken. Sieben Jahre vergehen, erst dann ist das Haus fertiggebaut und die Familie kann umziehen.

In knapp 70 Jahren hat sich viel verändert im Leben von Günter Voß. Die Erinnerungen an die alte Heimat sind geblieben und heute noch so wach, als wäre all das erst gestern passiert – die Kindheit, der Krieg, die Flucht, der Neustart. „Ich hab’s überlebt“, sagt er mehr zu sich selbst.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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