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Mecklenburg-Vorpommern : Wie die Stasi Studenten ausspähte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Auch Christliche Studentengemeinden an Unis blieben nicht verschont / Rostocker Peter Uebachs hat darüber ein Buch geschrieben

svz.de von
erstellt am 28.Mai.2014 | 07:25 Uhr

Die Studentengemeinden der DDR galten stets als besonders regimekritisch. Es war also kein Wunder, dass sie vom Ministerium für Staatssicherheit genauestens überwacht wurden. Unter dem Titel „Stasi und Studentengemeinde“ ist nun ein Buch des Rostocker Mediziners Peter Uebachs erschienen. Darin dokumentiert er, wie der Geheimdienst angehende Akademiker ausspionierte, die sich offen zum Christentum bekannten. Einige seiner Kommilitonen wurden verhaftet und verfolgt.

„Gerade die Kirche bot die Möglichkeit, sich in einer anderen Form zusammenzufinden und Debattierkultur zu lernen. Dort konnten sich die Studenten über Themen auszutauschen, die sonst nicht zur Sprache kamen“, erlärt Mecklenburg-Vorpommerns Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Anne Drescher. Es sei nicht erstaunlich, dass die Stasi ein besonderes Interesse daran hatte, in diesem Umfeld mitzuhören und informelle Mitarbeiter zu installieren. Oft wurden völlig banale Informationen gesammelt und gegen die Studenten verwandt. Uebachs erinnert an einen Kommilitonen, der sich in Rostock besonders für die Erneuerung der katholischen Kirche und gegen eine Bevormundung durch den Staat engagierte. Dann machte er aber „den Fehler“, zum Wintersport zu reisen anstatt an einem Praktikum teilzunehmen. Obwohl er alle Prüfungen bereits bestanden hatte, bekam er kein Diplom und musste sich als Hilfsarbeiter verdingen. Dies war nur eine der Methoden, bekennende Christen an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Als Sprecher der Katholischen Studentengemeinde in Rostock wurde auch Uebachs von einem seiner Kommilitonen beschattet und zur Arbeit der Studentengemeinde ausgehorcht. Er saß wegen versuchter Republikflucht in verschiedenen Gefängnissen der DDR, bevor er in den Westen abgeschoben wurde.

Vier Jahre lang recherchierte er in Stasi-Unterlagen der Jahre 1960 bis 1970 und stellte dabei fest: „Diejenigen, von denen wir immer vermutet haben, dass sie Spitzel sein könnten, sind es nie gewesen.“ Verdächtige Handlungen, wie zum Beispiel das Anfertigen von Notizen bei Treffen, hätten sich die echten „IM“ nie erlaubt. Sie bekamen neben den detaillierten Aufträgen auch genaue Instruktionen, wie sie ihre Tarnung aufrechterhalten können.Unter den rund 30 Studenten der Katholischen Studentengemeinde Rostock waren nach Uebachs' Einschätzung stets zwei oder drei, die die Stasi umschichtig mit Fotos und Informationen versorgten. Gleiches galt auch für evangelische Studentengemeinde. Einer von ihnen war der „geheime Informator Kosch“, ein auf Uebachs angesetzter Mitstudent. Er schrieb jüngst einen langen Brief an Uebachs, um sich für seinen Verrat zu entschuldigen.

Das Buch des 1941 geborenen Autors ist im Verlag des Schweriner Heinrich-Theissing-Instituts erschienen, das sich seit mehr als 20 Jahren mit der Lage der katholischen Kirche im Nationalsozialismus und in der DDR beschäftigt. Etliche Berichte von Spitzeln aus den 60er-Jahren, Verpflichtungserklärungen und Tonbandabschriften sind in Uebachs Dokumentation chronologisch geordnet und kommentiert abgedruckt.


 

Service:

Peter Uebachs, „Stasi und

Studentengemeinde“,

ISBN: 978-3-9814985-2-3

284 Seiten, Schutzpreis: 10 Euro

 

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