zur Navigation springen

25 Jahre MV : Westgeld im Osten: Kohls Schocktherapie

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Heute vor 25 Jahren kam die D-Mark in die DDR, es war eine Währungsumstellung in Rekordtempo – die marode Wirtschaft wurde allerdings mit voller Härte getroffen.

Als Tag der Einheit feiern die Deutschen den 3. Oktober 1990 – aber faktisch war die Wiedervereinigung schon Monate vorher perfekt: Heute vor 25 Jahren vereinbarten Bundesrepublik und DDR eine Wirtschafts- und Währungsunion. Damit wurde zum 1. Juli in Ostdeutschland die DDR-Mark durch die „harte“ D-Mark abgelöst, das planwirtschaftliche Wirtschaftssystem durch die westliche Wirtschaftsordnung ersetzt. Für die DDR mit ihren 17 Millionen Bürgern bedeutete das eine „beispiellose Schocktherapie“, wie der Ökonom Manfred Streit später schrieb.

Deren Folgen sind bis heute noch nicht ganz verdaut. Mitte 1990 überwog indes unbändige Freude, dass man endlich angekommen war in der Freiheit. Doch binnen weniger Wochen wandelte sich das Bild. Nach „Wir sind das Volk“ und „Wir wollen raus!“ folgte auf den Demos zunächst in Sachsen „Gommt die D-Mark, blei'm mir hier, gommt se nich, geh'n mir zu ihr.“ Auch die umstrittenen Konditionen der Währungsunion gerieten unter den Druck der Straße: „Eins zu Eins, oder wir werden niemals Eins“, forderten Demonstranten zur Zeit der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 in Ostberlin.

Das Tempo der Währungsunion war atemberaubend. Während die Vorbereitung der Europäischen Währungsunion viele Jahre dauerte, wurde die Einführung der D-Mark in der DDR binnen weniger Wochen geplant. Schon im Februar kündigte Bundeskanzler Helmut Kohl das Ziel Währungsunion an, drei Monate später war sie per Staatsvertrag beschlossene Sache – ein dramatischer Schwenk, nachdem bis dahin von einem behutsamen und schrittweisen Übergang zu einem gemeinsamen Bundesstaat die Rede war.

Dafür blieb indes keine Zeit: „Allein in den vier Monaten von Oktober 1989 bis Januar 1990 hatten über 300  000 Menschen die DDR verlassen und waren in die Bundesrepublik übergesiedelt“, bilanzierte die Bundesbank im Sommer 1990. „Hätte sich die Wanderungsbewegung fortgesetzt, wären die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen für beide deutsche Staaten unabsehbar gewesen.“

Die Politik zog die Reißleine

Die Politik zog also die Reißleine – und ignorierte praktisch alle Experten-Warnungen. „Wir halten die rasche Verwirklichung der Währungsunion für das falsche Mittel, um dem Strom von Übersiedlern Einhalt zu gebieten“, warnten die „Fünf Weisen“ des Sachverständigenrates in einem Brief an Kohl. Und weiter schrieben sie: „Es ist wohl unvermeidlich, dass die Einführung der D-Mark bei den Bürgern der DDR die Illusion erwecken muss, mit der Währungsunion sei auch der Anschluss an den Lebensstandard der Bundesrepublik hergestellt.“

„Eins zu Eins“ folgte keiner ökonomischen Vernunft: „Mangels überzeugender ökonomischer Anhaltspunkte“ habe sich „kein sachlich zwingender Umstellungskurs ermitteln“ lassen, bilanzierte der Ökonom Manfred Streit. „Die Wahl der Umstellungssätze für die DDR-Mark basierte auf einer politischen Entscheidung.“ Deren psychologische Bedeutung war enorm – als „Ausdruck der Solidarität unter den Deutschen“, wie Kohl in seiner Ansprache zum Start der Währungsunion sagte. „Der Wechselkurs entsprach mit Sicherheit nicht den damaligen ökonomischen Realitäten“, sagte der frühere Bundesbankpräsident Karl-Otto Pöhl später. Ein realistischer Wechselkurs wäre aber nicht von der DDR-Bevölkerung akzeptiert worden. „Es war wie eine Lawine, die niemand stoppen konnte und wollte.“

In wenigen Tagen karrten hunderte Lkw die D-Mark in den Osten, die bis auf DDR-Münzen bis zum Wert von 50 Pfennigen ab Juli 1990 alleiniges Zahlungsmittel wurde. DDR-Pfennig-Münzen waren noch ein Jahr lang gültig.

Mit der am selben Tag eingeführten Währungsunion trat aber auch die freie Preisbildung in Kraft, die ab sofort Ost-Produkte und damit die Hersteller ins Abseits drängte. Mit dem Westgeld auf dem Konto und im Portemonnaie erfüllten sich für Millionen DDR-Bürger plötzlich Konsumwünsche. In den ersten sechs Monaten nach Einführung der D-Mark wurden im Osten z. B. so viele Autos zugelassen wie zuvor im Zeitraum von sechs Jahren.

Die ökonomische Einheit unter Gleichen blieb indes eine Illusion. Die „Fünf Weisen“ sollten mit der Warnung Recht behalten: „Die DDR-Unternehmen werden schlagartig einer internationalen Konkurrenz ausgeliefert, der sie gegenwärtig nicht gewachsen sind.“ Tausende Firmen brachen zusammen, die Arbeitslosigkeit schoss in die Höhe. Falsche Preise, geringe Produktivität, Verschwendung und marode Anlagen – die Fülle der Probleme wurde mit der Währungsunion schlagartig sichtbar. Ein gutes Jahr später zogen die „Fünf Weisen“ denn auch eine ernüchternde Bilanz: Die mit der Währungsunion entstandene Euphorie sei verflogen. „Ihre Stelle haben Unsicherheit und Furcht und Bitternis besetzt“, schrieben sie im Sondergutachten.

Und auch 25 Jahre später wird die Währungsunion immer noch kontrovers beurteilt. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, behauptet, jeder andere Weg hätte zu einer quälenden Hängepartie geführt. „Ich bin der festen Überzeugung, dass wenn Sie sich Krisen oder große Anpassungsprozesse anschauen über die letzten hundert Jahre, dann waren die Länder erfolgreich, die diesen Prozess der Anpassung schnell gemacht haben“, so Fratzscher. „Und wir sehen das im Augenblick in Europa in der Krise, Griechenland macht diesen Prozess extrem langsam.“

Zusammenwachsen kam faktisch zum Stillstand

Deutlich kritischer ist der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn: „Es hätte besser laufen können.“ Nach 1996 sei das Zusammenwachsen faktisch zum Stillstand gekommen. Nach seiner Einschätzung leidet die Ostwirtschaft unter einem „Hochlohndiktat“, das westdeutsche Tarifpartner über den Osten verhängten. „Wären die Löhne – ausgehend vom Niveau nach der Eins-zu-Eins-Umstellung – der Produktivität nachgeeilt, statt ihr vorauseilen zu wollen, wäre die Produktivität schneller gestiegen und die Löhne wären letztlich schneller gewachsen.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen