Flüchtlinge in MV : Wenn Bilder mehr sagen als Worte

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Flüchtlinge nehmen an dem Projekt „Kunst für die Seele“ teil: Was sie zeichnen, ist teilweise erschreckend

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03. November 2015, 12:00 Uhr

Ein Boot auf dem dunklen Wasser. Zerrissene Segel. Dutzende Menschen stehen an der Reling. Dicht gedrängt. Zwei von ihnen fallen ins Wasser. Zu den anderen Leichen. Zu dem Blut, den Körperfetzen und den großen Fischen. In roten Buchstaben steht „Death-Journey“ geschrieben – Todesreise. Manchmal sagen Bilder mehr als tausend Worte.

„Es muss nicht immer genau das sein, was die Menschen erlebt haben. Aber es symbolisiert die Angst. Die großen Fische wirken furchteinflößend. Sie und die Tiefen des Meeres bereiten einen großes Unbehagen“, sagt Maibritt Wendig. Einmal im Monat betreut sie das Projekt „Kunst für die Seele“ in der Bernogemeinde in der Wossidlostraße in Schwerin. Eigentlich werden hier meistens friedliche Bilder gemalt. Blumen, Obstkörbe oder auch etwas Abstraktes. Doch heute sind die Bilder düsterer.

Zum ersten Mal haben sich 21 Flüchtlinge der kleinen Malergemeinschaft angeschlossen. Die meisten kommen aus Syrien. „Sie malen bunte Blumen, Bäume mit saftigen Äpfeln, aber auch grausame Bilder aus ihrer Heimat“, schildert Wendig. Blut. Feuer. Zerstörte Gebäude. Maschinengewehre. Menschen liegen auf der Straße. Täglich sterben in Syrien 150 Menschen infolge von Gewalt. Eine viertel Million Opfer sollen es nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte inzwischen sein. Allein im vergangenem Jahr starben 76   000 Menschen in dem Krieg.

„Wenn man die Seele malen lässt, kann das schon etwas auslösen“, meint Wendig. „Die Bilder zeigen, was die Flüchtlinge so durchgemacht haben müssen.“ Mit so viel Emotionalität hat die Kunsttherapeutin jedoch auch nicht gerechnet. Brennende Häuser und am Boden liegende Menschen lassen nur erahnen, wie es den Flüchtlingen gehen muss.

Mit Händen und Füßen unterhalten sich Wendig und die anderen Kursteilnehmer mit den Flüchtlingen. Das Interesse ist auf beiden Seiten groß. Hier und da werden erste deutsche Begriffe geübt. „Das ist ein Stuhl“, erklärt einer der regelmäßigen Besucher. Die Verständigung fällt schwer, doch sie funktioniert. „Einige der Flüchtlinge haben uns erzählt, dass sie ihre Frauen und Kinder zurücklassen mussten, weil die Flucht noch zu gefährlich ist“, schildert Wendig. „Und eine andere Familie ist froh, dass sie es gemeinsam bis hierher geschafft hat. Ich glaube, es hilft den Menschen sehr, dass da jemand ist, der ihnen zuhört.“

Ob beim nächsten Malkurs am 16. November wieder Flüchtlinge dabei sein werden, weiß die Schwerinerin noch nicht. Die Gruppe selbst wäre inzwischen in andere Unterkünfte gebracht worden. Maibritt Wendig will jedoch bald schon regelmäßige Malveranstaltungen in Flüchtlingsunterkünften organisieren. „Für die Flüchtlinge ist es natürlich eine gewisse Ruhe, wenn sie dort malen können, wo sie untergebracht sind. Es ist entspannter, als wenn sie extra herkommen müssen.“ Und später dann – vielleicht – will sie die Zeichnungen ausstellen. Denn Bilder sagen oft mehr als Worte.

Informationen zum Kurs „Kunst für die Seele“ erhalten Sie von Maibritt Wendig unter der Tel.: 0385 / 75 88 747.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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