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Trinwillershagen : Weltpolitik am Wildschweingrill

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Zehn Jahre nach dem Bush-Besuch in Mecklenburg-Vorpommerns Provinz: Merkels Gäste von damals locken noch heute Touristen.

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erstellt am 12.Jul.2016 | 12:00 Uhr

Die Ereignisse in Mecklenburg-Vorpommern schaffen es selten in die internationalen Schlagzeilen. Anders jedoch ein Wildschweingrillen am 13. Juli 2006 in Trinwillershagen – da rauschte der Blätterwald. Die Bilder der lächelnden Kanzlerin Angela Merkel  und ihres nicht minder lockeren Besuchers aus Washington, US-Präsident George W. Bush, die beide selbst am Wildschwein rumsäbelten, gingen um die Welt. Das Dorf mit seinen gut 1000 Einwohnern auf dem platten Land zwischen Rostock und Stralsund war Thema jeder Nachrichtensendung – und versank danach wieder in der geopolitischen Bedeutungslosigkeit.

Dabei hat es Merkel in den vergangenen Jahren immer wieder geschafft, illustren Gästen ihren Wahlkreis zu zeigen. In ihm liegen unter anderem die Unesco-Weltkulturerbe-Stadt Stralsund und die Kreidefelsen von Rügen,  die jährlich Zehntausende Touristen anlocken.

So hielt Jean-Claude Juncker 2012 in Stralsund, noch als Euro-Gruppenchef, ein leidenschaftliches und viel beachtetes Plädoyer für Europa und den Euro. Rügen und Stralsund waren die Orte, die die Kanzlerin 2014 dem französischen Präsidenten François Hollande vorstellte. In die gleiche Kategorie passen auch der Besuch 2010 des norwegischen Kronprinzenpaares Haakon und Mette-Marit oder der Gipfel der Ostseeanrainerstaaten 2012. Jeder Schritt der Kanzlerin und ihrer Gäste wird stets von Dutzenden Journalisten und Kameras begleitet. Die Bilder illustrieren oft die Topnews der Nachrichtensendungen.

Der Landestourismusverband ist sich der medialen Bedeutung solcher Ereignisse bewusst. „Die positiven Bilder tragen dazu bei, dass sich Menschen einen Aufenthalt bei uns überlegen“, sagt Verbandssprecher Tobias Woitendorf.

Auch wenn  es sich meist nur um kurzfristige Effekte handele, sei Merkel mit ihrer Bedeutung für die Wahrnehmung des Landes und den touristischen Bezug von großer Bedeutung, sagt Woitendorf. Das gelte auch für den aus Rostock stammenden Bundespräsidenten Joachim Gauck, der 2014 die Staatsoberhäupter aus Österreich, Liechtenstein, der Schweiz, Luxemburg und Belgien in seine Heimat führte.  „Uns ist aber auch nicht bange, wenn sich die politischen Gegebenheiten ändern“, versichert der Tourismusexperte.

An das Wildschweinessen in Trinwillershagen denken die handverlesenen Teilnehmer bis heute zurück. Sie berichten noch zehn Jahre später von einem außergewöhnlich gelösten US-Präsidenten. „Der Bush war so was von normal, völlig unkompliziert“, erzählt der Ex-Landrat des früheren Kreises Nordvorpommern, Wolfhard Molkentin (CDU). Er glaubt, dass die Amerikaner sehr beeindruckt waren, „von der Art, wie wir hier leben und wie wir halt sind“.

Bush habe zwar viele Kritiker gehabt. Aber eines bleibt: „Er war damals der mächtigste Mann der Welt, und er war bei uns.“ Das Barbecue geriet wegen der Kosten für den immensen Sicherheitsaufwand als „teuerste Grillparty der Welt“ in die Kritik.  Zur Sicherung des Bush-Besuchs in Mecklenburg-Vorpommern wurden mehr als 12 000 Beamte eingesetzt, die Kosten beliefen sich früheren Angaben zufolge auf 8,7 Millionen Euro. Der Polizeieinsatz, der den Tausenden Menschen in der Region eher in der Erinnerung blieb als das Wildschwein, war eine gute Übung für den G8-Gipfel im 70  Kilometer westlich liegenden Heiligendamm elf Monate später. Ihn behielten – im Gegensatz zum Grillabend von Trinwillershagen – Menschen auch außerhalb der Region im Gedächtnis.„Wir profitieren noch heute vom G8-Gipfel“, sagt der Chef des damals gastgebenden Grand Hotels, Thomas Peruzzo. „Wo hat der Bush geschlafen?“, sei immer noch eine der am häufigsten gestellten Fragen. Joachim Mangler

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