Heiligabend zwischen Ostsee und Alpen : Weihnachten in Deutschland

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Welches Bild haben wir von Weihnachten? Knirschender Schnee und Tannengeruch? Glockenläuten, Christkind und Weihnachtslieder? Unser romantisches Fest steckt voller Geschichten und Emotionen, voll Spirituellem und Kuriositäten. Eine Spurensuche.

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24. Dezember 2013, 19:00 Uhr

Heiligabend, einsam wacht. Zwei Männer schieben Dienst, mutterseelenallein. Einer ganz im Süden des Fest-Landes, der andere hoch im Norden. 783,6 Kilometer Luftlinie liegt zwischen ihnen. Aber eines haben der Wetterwart Dirk Petzner und der Leuchtturm-Elektroniker Mark Almgardt gemeinsam: Ihre Arbeitsplätze sind windig und dem Himmel nah.

Der Berg ruft. Dirk Petzner wacht Weihnachten auf der Wetterwarte der Zugspitze. Die höchste Arbeitsstelle der Republik ist ein zweistöckiger, mit Blech beschlagener Holzturm in fast 3000 Metern Höhe im ewigen Schnee. Von seinem beheizten Turmstübchen aus beobachtet der Techniker des Deutschen Wetterdienstes Schnee, Wolken und Wind. „Der Weihnachtsdienst ist freiwillig“, versichert Petzners Chef Robert Schardt. „Wer Kinder hat, bleibt möglichst zu Hause.“

Zum Mann im Norden verirrt sich an Weihnachten kaum eine Schneeflocke. Mark Almgardts Arbeitsplatz ist ein eckiger, sturmerprobter Klotz aus rotem Klinker, kurz vor einer steil abfallenden roten Klippe aus Buntsandstein: Der Leuchtturm von Helgoland. Das lichtstärkste Seefeuer Deutschlands blinkt 40 Kilometer weit in die Heilige Nacht. Almgardts Groß-Radar überwacht den Schiffsverkehr in der Deutschen Bucht. „Den klassischen Leuchtturmwärter gibt es eigentlich gar nicht mehr.“

Von Rummel und Stress bleiben der Insulaner und der Alpen-Wächter verschont: 155 Millionen PKW quälen sich über deutsche Straßen. 80 000 Taxen kurven durch die Weihnachtswelt. In den öffentlichen Verkehrsmitteln sind bis zu 30 Millionen Menschen unterwegs. Eine Millionen Feuerwehrfrauen und –männer sind einsatzbereit. 600 000 Wunschbriefe von Kindern haben die Weihnachtspostämter von Nikolausdorf bis Himmelpforten bearbeitet. Selbst die Hühner gönnen sich keine Pause: Sie legen am Fest 81 Millionen Eier.

30 000 Chöre erheben ihre Stimmen

Die Beschallung ist allumfassend: 90 000 Kirchenglocken rufen die Menschen an Altar und Weihnachtskrippe. 30 000 Orgeln ziehen in 39 000 Christvespern und Metten wieder alle Register. In den Kirchen erheben 30 000 Chöre ihre Stimmen. Viel Arbeit für den Annaberger Küster Matthias Melzer, 44, und die etwa 10 000 anderen deutschen Mesner und Kirchenvögte. Um sechs Uhr abends steigt Melzer elf Meter hinab in den Glockenstuhl der spätgotischen St. Annen-Kirche. Ein Knopfdruck, und die drei Glocken läuten über den verschneiten Dächern des einstigen Silberbergbaustädtchens im Erzgebirge Weihnachten ein. Bei der einzigen Türmer-Familie Europas gibt es Heiligabend nur Snacks: „Kleine Häppchen, keine Gans!“

Keine Zeit für den Festschmaus bei der Küster-Familie Melzer. Das Fest der Feste ist die stressigste Zeit des Jahres: Etwa die Hälfte der Deutschen, nicht nur Kirchenmitglieder, besucht Weihnachten Vespern und Metten. Mehr als ein Drittel der Ost- und die Hälfte der Westdeutschen. Tausend Kleinigkeiten sind zu bedenken: Sind die Liedtafeln gesteckt und die Paramente geordnet? Wo liegt das Messbuch? Sind die Weihrauchfässer gereinigt, die Weihnachtskerzen angezündet? Für die Küster-Kinder kommen Christkind und Weihnachtsmann mit Verspätung. Rudolf Schäfer, Erster Vorsitzender des Deutschen Evangelischen Küsterbundes in Braunschweig, sieht darin nichts Besonderes: „Das sind die gewohnt!“

Neun von zehn Bundesbürgern feiern im Kreise der Familie

In Krippen im Elbsandsteingebirge, wo 1816 Friedrich Gottlob Keller, der Erfinder des Weihnachts-Papptellers, zur Welt kam, spannt Pfarrerin Luise Schramm ihre nachgeordneten Schäfchen nicht so lange auf die Folter: Die Kinder führen schon nachmittags ein Krippenspiel auf.

Weihnachten ist ein Fest der Familie geblieben: Neun von zehn Bundesbürgern feiern im Kreise ihrer Verwandten oder mit Freunden. Fast jeder Achte verbringt die Tage allein. Für 84 Prozent aller Haushalte gehört die Tanne zum elementaren Bestandteil des Festes. 26 Millionen Christbäume erstrahlen im trauten Heim. Jeder siebte Deutsche schmückt einen künstlichen Baum.

Stromnetze zu Weihnachtenchronisch überlastet

Stromzähler und Wasseruhren sind vermutlich das Letzte, was wir mit Weihnachten in Verbindung bringen: Wenn der Gänsebraten am Ersten Weihnachtstag in die Ofenröhre geschoben wird, bricht in den Netzwarten der Republik Hektik aus. Echte Christbaumkerzen leistet sich nur noch jeder sechste Deutsche. Alles läuft auf Hochtouren: Fernseher, Radios, Mikrowellen, Kaffeemaschinen, die ganze Festtagsbeleuchtung. „Der Stromverbrauch der deutschen Haushalte steigt um etwa ein Drittel an“, sagt Sandra Rahmlow vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft in Berlin. 480 Millionen Kilowattstunden frisst das Fest. Damit könnte eine Stadt von 140 000 Einwohnern ein Jahr lang beleuchtet werden.

Umgekehrt verhält es sich beim Wasserverbrauch. Seit Jahrzehnten registrieren deutsche Stadtwerke sogenannte „Wasser-Täler“. Als „Puller-Peaks“ bezeichnet Bianca Bartels von den Stadtwerken Hannover das Phänomen am Ersten Weihnachtstag: „Der Verbrauch ist um 20 Prozent geringer als an normalen Sonntagen. Morgens wird kaum noch geduscht. Viele schlafen länger oder sind verreist.“

Für viele ist Weihnachten die Zeit der endlosen Festmahle und kneifenden Hosen. Der Klassiker am Heiligabend ist denkbar schlicht: Kartoffelsalat mit Würstchen. In fast jedem vierten Haushalt steht dieses Traditionsessen immer noch auf dem Tisch. Erst danach folgen Gans, Fondue, Rinderbraten und Karpfen.

Weihnachten ist auch ein Fest der Liebe: Neun Monate später, im September, kommen die meisten Kinder zur Welt: 61 000 Babys. 1800 Christkinder werden Heiligabend geboren. Für Stephanie Helsper, eine von mehr als 18 000 Hebammen, ist es in den Kreißsälen immer ein besonderer Tag. „Alle sind durch die Feiertagsstimmung ein wenig entspannter.“

Neues Leben hält auch die Hirten auf dem Felde in Atem: 2000 Berufsschäfer hüten 1,7 Millionen Schafe. Nicht selten ist für Schäferin Ruth Häckh auf der Schwäbischen Alb auch zur Heiligen Nacht „Lammzeit“. Routine für die Sprecherin der deutschen Berufsschäfer: „Die Tiere sind ja gut isoliert!“

Die erste Bescherung geschah bekanntlich im Stall von Bethlehem. Danach war bis zum Biedermeier Pause. Im Jahre 2013 nach Christi Geburt haben Geschenke einen höheren Stellenwert als die religiöse Bedeutung des Festes, von der nur jeder Vierte spricht. Das Wort „schenken“ hat seine Wurzeln im germanischen „skanka“, was so viel heißt wie „schief“ oder „schief halten“. Wer etwas schenkt, liegt damit also womöglich schief: Vielleicht hat deshalb die Hälfte der Deutschen gern Bares unter dem Baum...

Gibt es den Weihnachtsmann, oder gibt es ihn nicht?

45 Prozent unserer lieben Kleinen glauben an den Weihnachtsmann, im Osten sogar 84 Prozent. Im protestantisch geprägten Nordosten liegt der Dicke mit dem Rauschebart vorn, im katholischen Süden und im Westen das Christkind. Weihnachtsmann- und Nikolaus-Darsteller Stefan Dößereck erlebt immer wieder, dass die Sehnsucht der Kinder viel größer ist, als die Zahl der Fälscher des Weihnachtsmanns oder des Christkinds: „Wir sind viel zu wenige, um alle Anfragen befriedigen zu können.“ Vor allem Kinderheime und Krankenhäuser liegen dem Kölner am Herzen. „Man muss den Zauber leben!“

Nicht allen ist zum Feiern zumute: Voraussichtlich 20 000 Hilfesuchende schellen Weihnachten an den Notdienstglocken von 1400 Apotheken. Christian Splett von der Bundesvereinigung der Apotheker-Verbände schätzt, dass jeder dritte Besucher Arzneien für Kinder benötigt. „Vor allem fiebersenkende Mittel, Antibiotika und Schmerztabletten.“

Für Hunderttausende ist Weihnachten eine schwierige Zeit. Kälte und Einsamkeit, Streit in der Familie, Depressionen und Suizidgedanken machen ihnen zu schaffen. Das spüren die Hilfsorganisationen. 8500 ehrenamtliche Helfer der ökumenischen Telefonseelsorge stehen Heiligabend Ratsuchenden zur Seite. „Der Beratungsbedarf steigt“, sagt Jutta Pataky-Pinti von der katholischen Zentrale in Bonn. Matthias Wittkämper, Leiter in Soltau (Niedersachsen), rechnet wieder mit mehreren hundert Anrufen. „Ab 16 Uhr fängt es geballt an zu klingeln!“ Auch in den Bahnhofsmissionen stranden immer mehr Menschen. Nur die Hälfte von ihnen sind Reisende. „Viele kommen wegen der Kälte oder suchen seelische Unterstützung“, sagt Presse-Referentin Anne Kunzmann.

Die ehrenamtlichen Helfer der „Tafel“ sind bundesweit mit mehr als 5000 Fahrzeugen im Einsatz. „Vielfach gibt´s extra Weihnachtsessen“, sagt Anke Assig vom Bundesverband in Berlin. Mehr als eine Viertelmillion Menschen, so der Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft der sozialen Einrichtungen in Berlin, Thomas Specht, leben auf der Straße. „Die Zahl der Obdachlosen hat seit 2010 um 15 Prozent zugenommen.“

Die 650 Kinder in den 16 deutschen SOS-Kinderdörfern verleben ein glücklicheres Fest. „Jede Kindermutter betreut etwa sechs Kinder“, sagt Monika Ziehaus von der Zentrale in München. Ein wenig heile Welt, wenigstens zu Weihnachten. „Mit Liedern, Geschenken und Christbaum.“

In den Vollzugsanstalten kullert manche Träne

Auch an die etwa 58 000 Häftlinge in den Gefängnissen wird gedacht. Die Tölzer Sängerknaben singen seit mehr als 30 Jahren regelmäßig im Knast von München-Stadelheim. Posaunen- und Kirchenchöre erklingen in den Weihnachtsgottesdiensten der sächsischen Vollzugsanstalten. Manch harten Burschen sollen dabei die Tränen runterkullern. Vielfach gibt es Kartoffelsalat mit Würstchen oder auch Roulade. In Bautzen, so eine Mitarbeiterin, kommt „Ente mit Klößen“ auf den Tisch. Die Geschenke sind mickrig: In Nordrhein-Westfalen darf ein Knast-Paket fünf Kilo nicht überschreiten. Süßigkeiten, eine Pfeife, 300 Gramm Tabak, 500 Gramm Kaffee – viel mehr ist nicht drin.

Zum 60. Mal können in diesem Jahr deutsche Seeleute in aller Welt die NDR-Kultsendung „Gruß an Bord“ empfangen. Für die Männer auf hoher See und ihre Familien gehören die Grüße aus dem Äther und per Livestream im Internet zum Heiligabend wie Bescherung und Gottesdienst. Auch jene 5000 Matrosen und Offiziere aus fernen Ländern, die in deutschen See- und Binnen-Häfen festsitzen, sollen einen Hauch von Weihnachten spüren: Die Seemannsmission verteilt tausende Päckchen mit Süßigkeiten. Am beliebtesten sind Telefonkarten, erzählt Matthias Ristau. Der Seemannspastor hält seine Predigt im Hamburger Seemannsclub „Duckdalben“ auf Englisch. „Wir haben hier viele ausländische Seeleute anderer Religionen. Moslems, Buddhisten, Hindus.“

Spuren im Allgäuer Schnee führen nach Bethlehem. Der kleine Weiler mit dem biblischen Namen - 35 Einwohner, zehn Häuser – kam 2009 in die Schlagzeilen: Zum wiederholten Mal hatten Souvenir-Jäger das Ortsschild geklaut. Das Gästehaus vor Ort mit dem gleichen Namen ist Heiligabend dicht: Kein Platz mehr in der Herberge.









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