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Nachts im Ozeaneum : Sturmfreie Bude für 8000 Tiere

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Viele Fische schlafen, für einige aber beginnt in diesen Stunden das Leben

„Bitte begeben Sie sich langsam zum Ausgang.“ Zum letzten Mal an diesem Abend tönt die Lautsprecheransage durch die Ausstellungshalle des Stralsunder Ozeaneums. Es ist kurz nach 19.00 Uhr. Reinhard Berndt vom Aufsichtspersonal beginnt mit seinem täglichen Schlussrundgang. Mit einer Taschenlampe in der Hand fährt er die lange Rolltreppe hoch, schaltet Monitore und Beleuchtung in den Ausstellungsräumen aus. Die skurrilsten Sachen habe er schon erlebt, erzählt er. Ein versonnen träumendes Pärchen unter den Wal-Modellen, das nicht gehen wollte. Auch nach einem vermissten Kind habe er auf dem Schlussrundgang bereits gesucht.

Der Lichtkegel von Berndts Taschenlampe streift über und hinter die Vitrinen. Das Modell eines Anglerfisches leuchtet gespenstisch im Gegenlicht der Notbeleuchtung. „Geister“, schmunzelt er, „gibt es hier nicht. Und wenn, dann sind es nur gute.“ Unterdessen ist Aquarienleiter Alexander von den Driesch zu seinem Kontrollgang entlang der Schaubecken aufgebrochen, um die Beleuchtungstechnik zu überprüfen. „Auch in der künstlichen Welt eines Aquariums leben die Fische in ihrem Biorhythmus“, sagt der 34-Jährige. Mit der Mondbeleuchtung wird die Nacht simuliert. Die Rottöne sind herausgefiltert, das Licht wirkt kalt wie eine Straßenlaterne in der Dunkelheit. „Wir wollen den Fischen nicht den Sehsinn rauben“, begründet von den Driesch das Lichtkonzept. Wenn sich Fische erschrecken, die in der offenen See schwimmen, dann schießen sie in freier Natur 30 Meter katapultartig weg. „Das Mondlicht verhindert, dass sie an Scheibe schwimmen.“ Die Lippfische im Nordseebecken gehen in den Schlafmodus, verkriechen sich in die künstlichen Algen oder verklemmen sich in Felsspalten. Der Steinbutt buddelt sich in den Kies. Der Hornhecht gibt dagegen Gas: Die Luft in der Schwimmblase lässt ihn knapp unter der Wasserlinie treiben. „Bei einigen Tieren simulieren wir durch längere Tages- und kürzere Nachtzeiten die Jahreszeiten und stimulieren das Paarungsverhalten“, sagt der Aquarienleiter. Nordische Seepferdchen bringen ihren Nachwuchs im Frühjahr zur Welt - meist in der Nacht. Doch beim Rundgang bleibt es in dieser Nacht still.

Dagegen herrscht im Krakenbecken Trubel. Aufgeschreckt vom Lichtkegel der Taschenlampe turnt der Krake kopfüber am Felsen. „Kraken sind nachtaktiv“, sagt der Aquarienleiter. Nach dem Kontrollblick knipst von den Driesch das Licht aus und lässt den achtarmigen Tintenfisch mit seinen Leibesübungen in der Finsternis allein. Im benachbarten Kattegat-Becken ist es ebenfalls dunkel, obwohl dort der Mond leuchten soll. „Die Beleuchtung ist ausgefallen.“ Sie muss ersetzt werden.

Jede Nacht – wenn die Aquarienmitarbeiter in den Feierabend gehen – haben rund 8000 Wassertiere im Ozeaneum Ruhe vor den Menschen. „Trotzdem sind die Tiere nicht unbeobachtet“, sagt von den Driesch. Rund 20 000 Messwerte werden aus den rund 70 Aquarienanlagen auf Computer geleitet. Am Tag haben die Aquarianer die Bildschirme im Blick. In der Nacht werden wichtige Werte wie plötzliche Veränderungen der Wassertemperatur, des Ozongehalts oder des Wasserstandes auf ein Handy geleitet. Drei- bis viermal pro Monat geht ein Alarm beim diensthabenden Ozeaneumsmitarbeiter ein. „Wir arbeiten daran, dass es weniger wird“, sagt von den Driesch.

Und dann plötzlich Alarm im Quarantäne-Bereich! „Ozongas wandelt im Nordseebecken Nitrit in Nitrat um und sorgt für eine Keimminderung“, erklärt von den Driesch. Das Alarmlicht blinkt rot in der Dunkelheit. Der in Milli-Volt gemessene Redox-Wert ist zu hoch. Steigt er weiter, wird es für die Katzenhaie und Rochen in dem Quarantänetank ungemütlich. Aquarienleiter von den Driesch fahndet nach der Ursache und gibt nach wenigen Minuten erleichtert Entwarnung. Der Wert ist bereits wieder im Sinken. Das Warnlicht erlischt. „Aquaristik ist eine Halbwissenschaft“, schmunzelt von den Driesch. „Ein bisschen Chemie, ein bisschen Biologie, ein bisschen Physik - und viel Erfahrung.“ Nach anderthalb Stunden beendet von den Driesch seinen Rundgang und verlässt das Ozeaneum, bevor der Sicherheitsdienst das Gebäude schließt. Sturmfreie Bude für Lippfisch, Sandtigerhai und Co!

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erstellt am 30.Apr.2014 | 12:38 Uhr

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