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„Bürokratopoly“ : Spielend zum SED-Generalsekretär

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

„Bürokratopoly“ wurde an den Wohnzimmertischen der DDR-Oppositionellen gespielt – nun soll es jungen Leuten Geschichte vermitteln

svz.de von
erstellt am 30.Sep.2014 | 11:49 Uhr

Generationen riefen beim Monopoly „Schlossallee kaufen“ und zählten die Scheine. Bei der DDR-Variante „Bürokratopoly“ freuen sich die Spieler über Wahlsiege und einen Aufstieg auf der Karierreleiter. Es geht um Macht, Geld spielt keine Rolle. Erfunden hat das Brettspiel der DDR-Oppositionelle Martin Böttger in den 1980ern. Das DDR Museum in Berlin gibt nun eine Neuauflage für den Geschichtsunterricht heraus, um Schülern die Machtstrukturen der DDR näherzubringen. „Geschichte durch Spiel vermitteln“ sei das Ziel der Neuauflage, sagt der Direktor des DDR Museums, Robert Rückel.

Etwa 60 Schüler aus Berlin und dem Umland probierten „Bürokratopoly“ gestern aus. Auch wenn sie über Begriffe wie „MfS“ und „Politbüro“ auf den Ereigniskarten stolpern, lassen sich die Zehntklässler schnell von dem Brettspiel fesseln. Jeder will gewinnen und als Erster vom Bauern, Soldaten oder Polizisten zum SED-Generalsekretär aufsteigen.

Ausgedacht habe er sich das Spiel, „damit wir nicht immer nur in Ernst und Traurigkeit versinken“, erzählt Böttger gestern. Nach einer Runde Monopoly habe es mal Tränen gegeben, weil sich eine Freundin ausgebeutet gefühlt habe. Mit „Bürokratopoly“ konnte er Wahlbetrug, Kungelei und Denunziation im DDR-Alltag ironisch aufgreifen. Wiederentdeckt haben das Spiel Michael Geithner und sein Kollege vom Blog „Nachgemacht“. Die beiden sammeln Spielkopien aus der DDR. „An Bürokratopoly hat uns fasziniert, dass sich ein Spiel so etwas trauen konnte.“ Die Stasi wusste von Böttgers Spiel. Ihre Bewertung: „ein Gesellschaftsspiel mit feindlich-negativem Charakter“, das „auf ironische Weise angebliche Wege zur Erlangung und Verlust politischer Macht in der DDR aufzeigt und auf diese Art die gesellschaftlichen Verhältnisse verächtlich macht“. Für die 14- bis 16-Jährigen von heute sind nicht nur die Machtstrukturen der DDR neu. Auch Brettspiele kennen die Schüler nur noch von der Oma.


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