Serie zum Mauerfall : Soldaten schossen auf ihre Kinder

Durch das Schreiben arbeitet Evelin Prosenc ihre Lebensgeschichte auf. Schon viele Ordner hat sie mit eigenen Texten gefüllt.
Foto:
Durch das Schreiben arbeitet Evelin Prosenc ihre Lebensgeschichte auf. Schon viele Ordner hat sie mit eigenen Texten gefüllt.

Evelin Prosenc hat mit ihrer Familie 18 Jahre lang im 500-Meter-Grenzstreifen in Schwanheide gewohnt / Serie zum Mauerfall am 9. November 1989

von
04. März 2014, 11:55 Uhr

Die Erinnerung an den Tag, an dem auf ihre Kinder geschossen wurde, ist für Evelin Prosenc noch heute so präsent als wäre es gestern gewesen. Es war das Schlüsselerlebnis der Jahre, in denen die heutige Rentnerin mit ihrer Familie in der kleinen Gemeinde Schwanheide lebte. Der Ort im Landkreis Ludwigslust war zu DDR-Zeiten der Grenzübergang zur Bundesrepublik. Das bedeutete für die Dorfbewohner ständige Kontrolle durch die stationierten Grenzposten.

Evelin Prosenc lebte mit ihrem Mann und ihren vier Kindern im Ausbau des Dorfes. Das sogenannte Bauernende lag im 500-Meter-Schutzstreifen des Grenzgebietes. So war die Familie den Augen der Grenzposten in besonderem Maße ausgesetzt.


Ein Leben voller Entbehrungen


Während dieser Zeit musste die Familie mit vielen Einschränkungen leben. „Die Maßnahmen an der Grenze verschärften sich ständig“, erinnert sich Evelin Prosenc. Selbst die Leute aus dem Dorf hätten einen Passierschein beantragen müssen, wenn sie die Familie Prosenc im Ausbau besuchen wollten.

Eines von vielen Ereignissen, die der Rentnerin besonders im Gedächtnis geblieben sind, war die Geburtstagsfeier eines ihrer Söhne. „Da die Kinder aus dem Dorf keinen Passierschein hatten, durften sie nicht zu uns kommen. Da half kein Weinen und Betteln“, erzählt die 77-Jährige. Es sei ihr schließlich nichts anderes übrig geblieben, als die Feier zur Oma zu verlegen. „Diese Repressalien machten uns das Leben schwer. Selbst das Pilzesuchen im Wald war verboten“, erzählt Evelin Prosenc.

Vor allem die vier Kinder mussten sich in dieser Zeit stark einschränken. So manches Mal hätten ihre Streiche und Spiele für Unmut bei den Grenzsoldaten gesorgt, erinnert sich Frau Prosenc. Als die Söhne beispielsweise einmal eine aus einer weißen Unterhose gebastelte Fahne in einen Baum gehängt haben, hätten die Grenzsoldaten sofort bei ihr vor der Tür gestanden. „Sie vermuteten dahinter geheime Aktivitäten von Agenten.“ Als solche wurden sogar die Kritzeleien ihrer Töchter auf einer Hauswand gehandelt.

So waren die Grenzsoldaten eine feste Größe im Leben der Familie. „Einem von ihnen habe ich mal gesagt, er solle mir aufschreiben, was eigentlich erlaubt ist. Diese Liste müsse doch viel kürzer sein als die mit den verbotenen Dingen.“

Für sie und ihren Mann sei das Leben in dieser Zeit sehr hart gewesen, sagt Evelin Prosenc. „Unsere Kinder nahmen es eher locker. Sie sahen das alles als Abenteuer“. Diese kindliche Furchtlosigkeit wurde ihren Söhnen eines Tages allerdings fast zum Verhängnis. „Sie sind beim Spielen zu nah an die Grenze gekommen“, erzählt Evelin Prosenc.


„Die Grenzposten eröffneten das Feuer“


Die beiden seien auf der Suche nach Getränkedosen gewesen. Westdeutsche Reisende hätten solche nämlich oft aus dem Interzonenzug geworfen, der über die Straße führte, in der die Familie wohnte. „Unsere Jungs fanden oft Bierdosen und stellten sie sich ins Regal, weil sie sie so toll fanden“, erzählt Evelin Prosenc. Irgendwann hätten ihre Söhne schließlich damit begonnen, auf der Strecke gezielt nach solchen Dosen zu suchen. „Dabei kamen sie eines Tages bis in den Zehn-Meter-Streifen vor der Grenze.“

Die Grenzposten hätten die Kinder entdeckt und ihnen befohlen, stehen zu bleiben. Daraufhin seien die Jungs robbend durch das Unterholz und das angrenzende Kartoffelfeld geflohen. „Die Grenzposten waren weit entfernt und hatten sie daher offenbar nur schemenhaft gesehen und nicht als Kinder erkannt. So eröffneten sie das Feuer“, erinnert sich Evelin Prosenc. Nachdem die beiden Jungs knapp entkommen waren, hätten sie sich an den naheliegenden Teich gesetzt und vorgegeben, zu angeln. Dabei hätten sie die vorbeifahrenden Suchtrupps beobachtet. „Plötzlich hielt der Wagen des Kompaniechefs bei ihnen und sie wurden gefragt, ob sie etwas gesehen hätten und wie lange sie hier schon säßen. Sie sagten, dass sie erst vor Kurzem herausgekommen wären“, so Evelin Prosenc.

Dennoch hätten die beiden mit dem Trupp zum Zehn-Meter-Streifen fahren und in die Fußspuren treten müssen, die sie dort hinterlassen hatten – allerdings nicht mit ihren eigenen Schuhen. „Vorsorglich hatten sie die Gummistiefel ausgezogen, mit denen sie im Grenzstreifen auf Suche waren. Eigentlich gehörten die dem Vater und waren viel zu groß. Beim Laufen und Robben hatten sie die beiden ganz schön behindert.“ Da sie zum Zeitpunkt der Kontrolle schon wieder ihre eigenen Schuhe trugen, seien die Abdrücke viel zu groß gewesen und die Jungs konnten nicht als Täter überführt werden.

Evelin Prosenc und ihr Mann hätten erst am Abend von dem Ereignis erfahren. „Wir waren total geschockt“, sagt sie. „Die beiden bekamen von uns 14 Tage Hausarrest und versprachen, nie wieder der Grenze zu nahe zu kommen.“ Dieser Schock habe ihr sehr lange in den Gliedern gesteckt.

Nach 18 Jahren im Grenzgebiet zog die Familie schließlich nach Schwerin. „Jeden Tag ein neuer Skandal, wir waren es leid“, sagt Evelin Prosenc. In der Stadt habe sie nach der Wende einmal einen der Grenzsoldaten von früher wiedergetroffen. „Er hat sich noch daran erinnert, dass ich immer wie eine Löwin um meine Kinder gekämpft habe.“

Ihre Erinnerungen hat Evelin Prosenc durch das Schreiben aufgearbeitet. In dicken Ordnern bewahrt sie die Geschichten auf, die von den Jahren im Grenzstreifen erzählen. Ihr Resümee: „Wir haben es gepackt und gemeistert.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen