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Klinik Heilbronn wirft niederländischen Arzt raus : Skandalarzt praktiziert in Deutschland

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Unnötige Hirnoperationen, falsche Diagnosen: Ein niederländischer Neurologe soll das Leben von Dutzenden Patienten zerstört haben. Doch in Deutschland konnte der Skandalarzt jahrelang noch praktizieren.

svz.de von
erstellt am 06.Jan.2013 | 09:52 Uhr

Heilbronn | Im April 2003 war das Leben für Freddy de Haan zu Ende. "Sie haben Alzheimer", hatte ihm der Neurologe im Krankenhaus in Enschede gesagt. "Ich glaubte ihm", erinnert sich der ehemalige Kripo-Beamte. Ein Jahr lang schluckte er schwere Medikamente, verkaufte sein Haus, verlor seine Arbeit. Erst das Universitätskrankenhaus von Amsterdam, das er um eine zweite Meinung gebeten hatte, machte dem Alptraum Anfang 2004 ein Ende. "Die sagten: Sie haben nichts", sagt De Haan.Doch es handelte sich nicht um einen tragischen Kunstfehler.

Dutzende von Patienten sollen seit Ende der 90er-Jahre bis 2003 Opfer des renommierten Neurologen am Krankenhaus "Medisch Spectrum Twente" in Enschede gewesen sein. Jetzt wurde bekannt: Er praktizierte auch an drei Krankenhäusern in Deutschland, darunter in Heilbronn. Eine Klinik dort hat den Skandalarzt nun entlassen.

Seit November läuft gegen ihn der "größte medizinische Strafprozess der Geschichte der Niederlande", sagt die Staatsanwaltschaft. 21 Straftaten legt sie dem heute 67-Jährigen in den Niederlanden zur Last. Darunter Körperverletzung mit Todesfolge. Der Arzt diagnostizierte vermutlich bei 200 Patienten fälschlicherweise unheilbare Krankheiten wie Multiple Sklerose, Alzheimer oder Parkinson. Ein Patient beging daraufhin Selbstmord. In mindestens 13 Fällen sollen unnötige Gehirnoperationen ausgeführt worden sein. "Bei einer Frau wurden 12,5 Kubikzentimeter Gewebe entnommen", sagte der Rechtsanwalt der Ex-Patienten, Yme Drost.

Die Motive des Arztes bleiben ein Rätsel. Bekannt ist, dass er nach einem Verkehrsunfall Anfang der 90er-Jahre abhängig von Medikamenten wurde. Er fälschte Rezepte, veruntreute über 80 000 Euro. Aber der Arzt fälschte den Angaben zufolge auch Patientenakten, so auch Hirn-Aufnahmen von Freddy de Haan. Der Patient musste auch nie den Test absolvieren, der vor dem Verschreiben der schweren Alzheimer-Medikamente vorgeschrieben ist. "Er hatte die Antworten selbst ausgefüllt", sagt De Haan.

Wie konnte er dennoch ungehindert in Deutschland praktizieren?, fragen sich jetzt Politiker und Patienten. "Die Klinik in Heilbronn hätte seinen Namen nur googlen müssen", rügte die niederländische Gesundheitsministerin Edith Schippers. Anwalt Drost aber weist auch auf die Versäumnisse der niederländischen Behörden. "Gegen ihn wurde nie ein Disziplinarverfahren eröffnet." Jahrelang weigerte sich auch die Justiz, ein Strafverfahren zu eröffnen.

Erst unter Druck der Aufsichtsbehörde ließ sich der Neurologe 2006 aus dem niederländischen Ärzteregister streichen. Da hatte er schon in Deutschland seine Zulassung beantragt. In Heilbronn genoss der Kollege aus Holland seit 2011 großen Respekt. "Wir hatten keinen Grund an seinen Papieren zu zweifeln", erklärte der Geschäftsführer des Klinikums Am Gesundbrunnen, Thomas Jendges.

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