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Umstrittene Neuauflage : Sein Buch ist wieder da

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Umstrittener Nachdruck von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ erscheint am 8. Januar. Bildungspolitiker fordern „Entmystifizierung durch nüchterne Aufklärung“

svz.de von
erstellt am 30.Dez.2015 | 12:00 Uhr

Ein Tabu wird gebrochen. 70 Jahre war der deutschsprachige Nachdruck von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ verboten. Am Freitag kommender Woche wird die erste Neuauflage der Nazi-Kampfschrift nach 1945 für 59 Euro herausgebracht. Vorbestellungen beispielsweise bei Amazon sind wegen der hohen Nachfrage aktuell nicht möglich.

Diese Neuveröffentlichung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte wurde zwar mit mehr als 3500 Anmerkungen und wissenschaftlichen Kommentaren versehen und ist deshalb doppelt so dick wie das Original, sie bleibt aber trotzdem umstritten. Die Kette Thalia will das Buch nicht in Filialen auslegen, Bestellungen sollen jedoch möglich sein.

Auch der Ex-Präsident der UdSSR, Michail Gorbatschow, warnt: „An Stelle der Deutschen würde ich noch einmal darüber nachdenken.“ Es gebe keine Notwendigkeit für eine deutsche Neuausgabe, meint der Friedensnobelpreisträger.

Das sieht Mathias Brodkorb (SPD), Bildungsminister in Mecklenburg-Vorpommern, anders. Er fordert seit Jahren eine kommentierte Veröffentlichung des Buches und warf der bayrischen Landesregierung, die die Urheberrechte für Hitlers Buch hat, immer wieder eine „ängstliche Verhinderungspolitik“ vor. „Für mich ist eine Entmystifizierung durch nüchterne Aufklärung besser als ein Verbot“, sagte Brodkorb gegenüber unserer Redaktion. Der Bildungsminister könne sich eine wissenschaftlich kommentierte Taschenbuchausgabe auch für den Schulunterricht vorstellen, von der ein Teil des Erlöses der Auschwitz-Stiftung zugute kommt.

Ohnehin sind alte Ausgaben des Buches seit Längerem im Internet als Download im PDF-Format zu haben. Der Besitz von „Mein Kampf“ selbst ist nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes von 1979 nicht verboten. Denn das Buch könne sich nicht gegen die Rechtsordnung der Bundesrepublik richten, weil es 1924 und damit lange vor der Staatsgründung verfasst wurde, so die Richter. Allerdings hatte die bayrische Landesregierung den Nachdruck jahrzehntelang mit dem ihr von den Alliierten übertragene Urheberrecht verhindert. Zum 1. Januar 2016 – gut 70 Jahre nach Hitlers Tod – ist die Frist aber abgelaufen. Jeder könnte theoretisch die Hetzschrift herausgeben.

Bereits 2003 sorgte Brodkorb für Schlagzeilen als er auf einem Festival in Prora auf Rügen in Workshops vor Jugendlichen aus „Mein Kampf“ vorlas. Der Miterfinder der Satirefigur „Storch Heinar“, einer erfolgreichen Karikatur auf eine bei Rechtsextremen beliebte Modemarke, glaubt nicht, dass mit Hitlers Hetzschrift heute noch Menschen für Rassismus und Antisemitismus geködert werden können. „Das Buch ist eine erbärmliche und furchtbar dämliche Selbstdarstellung des Autors“, sagt Brodkorb über Hitlers Schrift. Das aus 800 Seiten und zwei Teilen bestehende Buch hatte der damals 35-jährige gebürtige Österreicher 1924 in seiner Landsberger Festungshaft geschrieben, zu der er nach dem gescheiterten Münchner Putschversuch am 9. November 1923 verurteilt worden war.

Lange Schachtelsätze, stilistische Übertreibungen, fehlende Systematik und triefender Antisemitismus machen das Machwerk schwer lesbar. Hitler schreibt in „Mein Kampf“ beispielsweise über zeitgenössische Mode: „Würde nicht die körperliche Schönheit heute vollkommen in den Hintergrund gedrängt durch unser laffiges Modewesen, wäre die Verführung von Hunderttausenden von Mädchen durch krummbeinige, widerwärtige Judenbankarte gar nicht möglich.“

Hinzu kommen Lebensweisheiten in schiefen Bildern. Kostprobe: „Wer nicht selbst in den Klammern dieser würgenden Natter sich befindet, kennt ihre Giftzähne nicht.“ Sätze wie dieser waren nicht als Satire gedacht.

Später hat sich Hitler gelegentlich selbst vom Stil seines Buches distanziert. Der Historiker Joachim Fest zitiert in seiner Biografie Adolf Hitler mit den Worten: „Wenn ich 1924 geahnt hätte, Reichskanzler zu werden, dann hätte ich das Buch nicht geschrieben.“ Die Selbstkritik habe sich nicht auf den Inhalt, sondern nur auf die Form bezogen.

Die Kritische Edition:
Am 8. Januar 2016 stellt das Münchner Institut für Zeitgeschichte die Neuauflage von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ vor. Ein Forschungsteam hat in drei Jahren eine kommentierte Ausgabe aufbereitet. Darin erklären Historiker den Entstehungskontext, ordnen historische Fakten ein und stellen dem Inhalt moderne Forschungsergebnisse gegenüber. Das Buch soll etwa 2000 Seiten haben und 59 Euro kosten.

„Schwülstig, langatmig, formlos, aber schwanger mit seiner Botschaft“, bezeichnete der britische Staatsmann und Historiker Winston Churchill später die Kampfschrift. Hitler hatte bereits 1924 in seiner Schrift den Massenmord an den Juden als Lehre aus dem 1. Weltkrieg angekündigt: „Hätte man zu Kriegsbeginn und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten, ...., dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen.“

Bis zum 8. Mai 1945 hatten die Nazis etwa sechs Millionen europäische Juden umgebracht. Die Prophezeiung war grausige Wirklichkeit geworden. Auch die brutale Unterjochung der osteuropäischen Völker hatte Hitler 1924 ausführlich erklärt. Als Vorbild nannte er die Vertreibung und Ausrottung der indianischen Urbevölkerung in Nordamerika.

In Russland ist „Mein Kampf“ aktuell durch mehrere Gerichtsurteile verboten, weil in ihr die „Diskriminierung und Vernichtung von Personen nichtarischer Rasse gerechtfertigt“ wird, heißt es beispielsweise in einem Urteil von 2010.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland spricht sich ebenfalls dafür aus, dass Hitlers Propagandaschrift verboten bleiben muss. „Nach dem Auslaufen des Urheberrechts ist die Gefahr sehr groß, dass dieses Machwerk verstärkt in den Markt gebracht wird“, wird der Präsident Josef Schuster auf der Internetseite des Zentralrats zitiert. Gegen eine wissenschaftlich-kommentierte Ausgabe für Forschung und Lehre sei allerdings nichts einzuwenden.

Die Kritiker führen weitere Bedenken ins Feld: Mit dem Wegfall des bayrischen Urheberrechts könnten rechtsextreme Verlage das Machwerk als eine Art Hausbibel in der rechten Szene vertreiben und mit dem Nachdruck Geld verdienen.

Schon Hitler wurde mit seinem Buch Millionär. Allein im Jahr seines Machtantritts 1933 wurden über eine Million Exemplare verkauft. Bis Mai 1945 waren es sogar insgesamt zehn Millionen Bücher die im Buchhandel verkauft, an frisch vermählte Ehepaare verteilt oder als Auszeichnung an Soldaten verliehen worden waren.

Mit großer Geste hatte Hitler 1933 auf das Jahreseinkommen als Reichskanzler in Höhe von 47  000 Reichsmark verzichtet. Nur wenige in Deutschland wussten damals allerdings, dass er sich erfolgreich weigerte, Steuern auf die Einkünfte aus „Mein Kampf“ zu zahlen.

Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) befürwortet die kommentierte Neuausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Sie fordert wie Brodkorb sogar, die kritische Neuauflage im Schulunterricht einzusetzen. „Schülerinnen und Schüler werden Fragen haben und es ist richtig, dass sie diese im Unterricht loswerden und über das Thema sprechen können“, sagte Wanka.

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