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Schuften für die Meisterschaft

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Kiew / Lemberg | Die Sonne brennt auf Saschas Kandibas Haut. Gebückt sitzt er auf einer Treppe und kleistert eine Rille mit grauer Farbe zu. 28 Grad. An seiner Schläfe bilden sich Schweißtropfen, es sind nicht die ersten an diesem Tag. Der 27-Jährige ist Bauarbeiter im "Olympischen Stadion" von Kiew. Hier soll das Endspiel der Fußball-Europameisterschaft 2012 stattfinden.

Noch ist das Stadion eine Baustelle. "Bis Oktober wird es fertig sein", versichert hingegen Vizepremier Borys Kolesnikov, der gleichzeitig die Nationale Agentur leitet, die sich um die Ausrichtung der EURO 2012 in der Ukraine kümmert.

Die Fußball-EM wird in vier ukrainischen Städten ausgetragen. In den beiden Städten Donezk und Charkow sind die Stadien bereits vollendet - in Kiew und Lemberg noch nicht. Selbst die Kiewer Bürger sind skeptisch, ob ihr Stadion dieses Jahr eröffnet werden kann. Alexandra Grytsenok, die Pressesprecherin des Stadions sagt: "Ich weiß, dass viele kritisch sind, aber im Inneren sind sie froh über die EURO 2012, weil auch noch ihre Kinder etwas von diesem Stadion haben werden."

Die künftige Generation wird allerdings vor allem mit den Schulden, zu kämpfen haben. Ursprünglich wurden die Kosten für das Kiewer Stadion auf 200 Millionen Euro veranschlagt, inzwischen haben sich die Kosten verdoppelt. "Fakt ist, das Stadion ist zu 87 Prozent fertig", erklärt Grytsenok.

"Es interessiert doch niemanden, ob jetzt 70, 80 oder 90 Prozent fertig sind", ärgert sich Souvenirverkäufer Anatoli, "wichtig ist, dass die Leute genug haben, um zu überleben." Die Ukraine gehört mit einem Durchschnittseinkommen von 220 Euro zu den ärmsten Ländern Europas. "Durch die Fußball-Europameisterschaft kommen mehr Touristen, das ist natürlich gut fürs Geschäft", sagt Anatoli, "aber sie kommen nur für einen Monat." Der Kiewer Souvenirverkäufer ist skeptisch, dass sich etwas dauerhaft ändern wird.

Oleg Zasady koordiniert das EM-Büro in Lemberg (Lwiw) im Westen der Ukraine, nur wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Der 46-Jährige glaubt weniger an das ukrainische Fußballteam als an seine Stadt Lemberg. "In erster Linie wollen wir dafür sorgen, dass sich die Bedingungen für die Menschen vor Ort verbessern." Das heißt Investitionen ins Straßennetz, in ein neues Flughafenterminal und ein neues Stadion.

Jedes Jahr kommt rund eine Million Touristen nach Lemberg, die meisten von ihnen aus Polen, der Ukraine und Deutschland. Allein im EM-Monat Juni rechnet man mit 400.000 Touristen zusätzlich. Dafür werden jedes Jahr bis zu acht neue Hotels errichtet, und zwar für jeden Geldbeutel.

Die ukrainische Regierung rechnet für die Fußball-Europameisterschaft mit Kosten von rund zehn Milliarden Euro. Das Nachbarland Polen, das ebenfalls die EM ausrichtet, stellt mit 21 Milliarden Euro das Doppelte zur Verfügung. 40 Prozent davon, also 8,4 Milliarden Euro, kommen aus dem Topf des EU-Strukturfonds. "Diese Unterstützung fehlt uns, weil wir nicht Mitglied in der Europäischen Union sind", sagt Direktor Oleg Zasady nüchtern, "aber wir machen das Beste daraus, denn diese EM bringt unser Land einen wichtigen Schritt nach vorn - in Hinblick auf Infrastruktur, Tourismus und vor allem Investoren." Auf die Frage, ob alles rechtzeitig fertig sein wird, antwortet er: "Es wird knapp, vor allem bei den Straßen, aber wir werden es schaffen. Ganz sicher."


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erstellt am 07.Jun.2011 | 05:35 Uhr

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