Prozess um tote Joggerin : Schläge im Kinderzimmer

Prozess um tote Joggerin: Großmutter berichtet von Schlägen

svz.de von
12. Dezember 2013, 00:35 Uhr

In diesem Prozess erfahren die Zuschauer viel über den Mann, der die Joggerin Anna-Lena ermordet haben soll. Mehr vielleicht als ihnen lieb ist. Die Lebensgefährtin, die Schwester, die Beraterin aus dem Jobcenter, Kollegen, Nachbarn – sie alle sollen Mosaiksteinchen liefern. Aus denen will die Schwurgerichtskammer des Schweriner Landgerichts am Ende ein Bild zusammensetzen, das Aufschluss über die Persönlichkeit des 46-Jährigen gibt. Und damit vielleicht auch darüber, was sich abspielte in den letzten Lebensminuten der jungen Mutter. Jenen verhängnisvollen Minuten, in denen Norman L. offenbar ihren Weg am ehemaligen Grenzstreifen nahe Lübeck kreuzte. Denn der Angeklagte schweigt.

Gestern nun hatten die Richter Barbara B. als Zeugin geladen. Die 62-Jährige ist die Mutter der Frau, die 13 Jahre mit Norman L. zusammenlebte, die ihm vier Kinder gebar, die ihn schließlich vor die Tür setzte und dann auch ihren Verlobungsring ablegte, nur rund drei Wochen vor der grausamen Tat. Die ihn wieder aufsetzte, als Norman L. bereits hinter Gitter saß. Und die vor Gericht die Zuschauer fassungslos machte mit ihrem uneingeschränkten Bekenntnis zu dem Mann, den alle Welt schon jetzt für Anna-Lenas Mörder hält. Streng, aber liebevoll habe er die Kinder erzogen, hatte sie gesagt.

Ihre Mutter nun gab in der rund vierstündigen Befragung gestern ein anderes Bild von ihrem Beinahe-Schwiegersohn wieder. „Die Kinder haben viele Schläge gekriegt“, berichtet die Großmutter. Nicht nur mal so einen Klaps. Mit einem Pfiff habe er sie antreten lassen, wenn er meinte, eines von ihnen müsse bestraft werden. Den Hintern habe er ihnen versohlt und Backpfeifen ausgeteilt. Meist seien die Anlässe für die Strafaktionen nichtig gewesen.


Nach Ohrfeige quer durch’s Zimmer geflogen


Einmal habe ein Kind ein Glas fallen lassen, einmal ein anderes nicht aufgeräumt. Eines ihrer Enkel sei durch die Ohrfeige quer durch’s Zimmer geflogen. Manchmal habe sie noch Spuren der Hand im Gesicht oder auf den kleinen Körpern gesehen, sagte die Zeugin. Dann sei er aber auch wieder mit ihnen spazieren gegangen oder habe ihnen Geschenke mitgebracht.

Auf die Frage der psychiatrischen Sachverständigen, ob er seine Kinder liebe, zögert die Zeugin. „Ich weiß es nicht“, antwortet sie. „Vielleicht auf seine komische Art.“ Ihre Tochter habe sich jegliche Einmischung verbeten, sagt die 62-Jährige. Sie sei dennoch fast jeden Tag in deren Wohnung gewesen, habe versucht, in einem großen Chaos Ordnung zu schaffen und den Enkeln Essen gekocht. „Sonst hätte das Jugendamt die Kinder schon viel früher weggeholt“, ist sie überzeugt.

Norman L. aber sei sie so gut es ging aus dem Weg gegangen. Der sei eigentlich eher ein stiller Mensch. Auf der anderen Seite dann aber diese Aggressivität. Im Streit habe er auch mal eine Tür zertrümmert, sagt die Großmutter. Die Kinder jedenfalls würden sehr unter dem Erlebten leiden, aber auch unter der Trennung von der Familie. Die beiden Jüngeren leben inzwischen in einer Pflegefamilie, die beiden Älteren im Heim.

Norman L. hört scheinbar ungerührt, was die Zeugin in sachlichem Ton schildert. Auch, als sie von merkwürdigen Beobachtungen der Nachbarn spricht. Die haben ihn gesehen, als er im Morgengrauen um das Haus seiner Familie schlich. Wenige Tage vor der Tat.

Das Gericht hört in der kommenden Woche noch den Bruder von L.’s Verlobter. Für Januar sind bislang fünf Verhandlungstage geplant.

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