Stralsund : Rätsel um Postkartenwrack gelöst

Unterwasserarchäologe Thomas Förster zeigt einen vergrößerten Ausdruck einer Postkarte des Schiffswrack „Svionia“.
Unterwasserarchäologe Thomas Förster zeigt einen vergrößerten Ausdruck einer Postkarte des Schiffswrack „Svionia“.

100 Jahre nach dem ersten U-Boot-Angriff auf ein Zivilschiff in der Ostsee haben Experten die „Svionia“ betaucht und Geheimakten ausgewertet

svz.de von
03. November 2015, 21:00 Uhr

Ein Trümmerfeld aus eisernen Wrackteilen breitet sich vor den Tauchern aus, nur wenige Meter vor dem Rügener Königsstuhl in der Ostsee . Die mit Algen und Muscheln dicht bewachsenen Trümmer verteilen sich in einem künstlich angelegten Unterwassergraben, der vor vielen Jahrzehnten durch Menschenhand in die Kreide getrieben wurde. Die Taucher um Unterwasserarchäologe Thomas Förster sind sich sicher, dass vor ihnen die Überreste der „Svionia“ liegen, eines Frachtdampfers, der ein bislang wenig bekanntes Kapitel des U-Boot-Krieges in der Ostsee im Ersten Weltkrieg dokumentiert. „Seit Herbst 1914 hatte die U-Boot-Flotte der Royal Navy versucht, in die Ostsee einzudringen“, erzählt der Archäologe. Anfangs stellten die Salzwasserschichtungen und die flachen Seegewässer eine Hürde dar. Deutsche Kriegsschiffe kontrollierten zudem die Eingänge in das Binnenmeer. Eines der britischen U-Boote sei bei einem Durchbruchversuch versenkt worden, berichtet Förster. Doch von 1915 an habe sich das Blatt gewendet.

Während die deutschen U-Boote die Versorgungswege um Großbritannien empfindlich störten, habe in der Ostsee die britische U-Boot-Flotte mit gezielten Angriffen auf deutsche Handelsschiffe die Einfuhr kriegswichtiger Güter zum Erliegen gebracht. Die „Svionia“, deren Überreste die Taucher des Vereins Archaeomare und des Deutschen Meeresmuseums kartiert haben, war laut Förster das erste zivile Schiff, das dieses Schicksal vor fast 100 Jahren erlitt. Als Dampfschiff pendelte es wie viele andere zwischen Schweden und dem Deutschen Reich – um etwa Eisenerze, Getreide oder Militärpferde zu transportieren.

Förster hat die Umstände des Angriffs erstmals aufgearbeitet und dazu geheime Akten der Kaiserlichen Marine im Bundesarchiv in Freiburg studiert. Die Akten, auf die der Experte stieß, lassen die Dramatik erahnen, als am frühen Morgen des 3. Oktober 1915 um 5.15 Uhr der Steuermann Franz Beyer ein im Auftauchen begriffenes U-Boot entdeckte. „Nachdem mir klar war, dass ich es mit dem Feinde zu tun hatte, drehte ich ab auf Land, dadurch erhielt ich das U-Boot achter raus. Gegen 5.20 Uhr feuerte dasselbe den ersten Schuss, welcher am Bug vorbei ging“, berichtete den Aufzeichnungen zufolge später Kapitän Karl Fischer dem Admiralsstab der Marine. Die Mannschaft flüchtete mit zwei Booten vom Handelsschiff, dann traf ein erster Schuss den Maschinenraum. Weitere Treffer gegen Heck und Vorschiff folgten. Die „Svionia“ trieb orientierungslos auf die Stubbenkammer zu, wo sie am Ufer strandete. Der Kapitän musste sich später den Vorwurf gefallen lassen, zu früh das Schiff verlassen zu haben.

Der erste U-Boot-Angriff auf ein Zivilschiff wirkte wie ein Schock: Der Fährverkehr zwischen Sassnitz und dem schwedischen Trelleborg sei wegen der Gefahr weiterer Angriffe zeitweise komplett zum Erliegen gekommen, erklärt der Archäologe. Er bezieht sich dabei auf Berichte der Zeitung „Svenska Dagbladet“ an den folgenden Tagen. „Der Angriff wird vom britischen U-Boot E19 geführt, das im weiteren Kriegsverlauf mit großem Erfolg gegen weitere deutsche Handels- und Kriegsschiffe operierte.“

Schon am 10. Oktober sichtete E19 das mit Eisenerz beladene Dampfschiff „Lulea“, das nach einem Beschuss vor Gedser strandete. Einen Tag später versenkte es den mit Eisenerz beladenen Dampfer „Walter Leonhardt“ bei Öland, wenig später den Dampfer „Germania“, der nach einem Fluchtversuch mit der Bordkanone des U-Bootes beschossen wurde.

Erste Bergungsversuche der „Svionia“, die bei dem U-Boot-Beschuss nur wenig zerstört wurde, starteten bereits wenige Tage nach der Strandung. Dazu hatte die Hamburger Firma Philip Holzmann einen 100 Meter langen und 20 Meter breiten Graben anlegen lassen, um das 91 Meter lange Schiff wieder ins Wasser zu ziehen. Der Bergungsversuch misslang. Als „Postkartenwrack“ lag die „Svionia“ in den Folgejahren unterhalb des Königsstuhls und gewann nach Abschluss des Versailler Vertrages an Bedeutung: Als Wrack wurde es nicht mehr in der Liste der deutschen Handelsschiffe geführt und musste deshalb auch nicht als Reparation an die Siegermächte abgeführt werden.

Seit Herbst 1918 wurde erneut an der Bergung gearbeitet. Doch was die Bergungsmannschaften nicht schafften, erledigte ein starker Nordoststurm am 31. Oktober 1919. Das Wrack rutschte allein in die künstlich angelegte Rinne. Die Dampfmaschine durchschlug dabei die Außenhaut des Schiffes, das auf den Meeresboden sank. „Die ,Svionia’ wird damit endgültig zum Wrack“, sagt Förster.

Mit der Betauchung der Wrackteile und den Archivrecherchen haben die Forscher Licht in einen bislang wenig beleuchteten Abschnitt der U-Boot-Geschichte in der Ostsee gebracht – und auch mit Legenden aufgeräumt, denen zufolge der Kapitän voreilig das Schiff aufgegeben habe. Das Königlich Preußische Seeamt Stralsund hatte am 13. Januar 1916 geurteilt, dass gegen die Anordnung des Kapitäns, das Schiff zu verlassen, nichts einzuwenden gewesen sei.

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