25 Jahre MV : Plattmacher in Nadelstreifen

<p>Die ehemalige Treuhand-Zentrale in Berlin, Leipziger/Ecke Grothewohl-Straße</p>

Die ehemalige Treuhand-Zentrale in Berlin, Leipziger/Ecke Grothewohl-Straße

Vor 25 Jahren begann die Treuhand die Ost-Wirtschaft auf den Kurs der Marktwirtschaft zu bringen – für viele Ostdeutsche eine der schmerzlichsten Erfahrungen der Einheit.

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07. November 2015, 07:30 Uhr

Die Folgen sind auch mehr als zwei Jahrzehnte später zu spüren: Kaum Industrie, wenige Zentralen im Osten, vergleichsweise weniger Firmen – mit minderen Löhnen. „Mit der Treuhand kam die Deindustrialisierung“, erinnert sich Helmut Holter (Linke): Aus den Betrieben seien oft  verlängerte Werkbänke geworden. 25 Jahre, nachdem der  Treuhand Tausende Betriebe zum Opfer fielen, fällt die Bilanz des ehemaligen Chefs des Treuhand-Untersuchungsausschusses im Schweriner Landtag ernüchternd aus. Jahrelang hat der 62-Jährige versucht, Licht ins  Dunkel der Privatisierungen zu bringen. Immer wieder kam er zu dem Schluss: „Die Treuhand war der verlängerte Arm, die wirtschaftlichen Interessen des Großkapitals der alten Bundesrepublik durchzusetzen“ – zur Marktbereinigung. Das habe den Menschen im Osten das Gefühl gegeben, Menschen zweiter Klasse zu sein. Da seien Betriebe übernommen und doch geschlossen worden.

Wie die Elbewerft in Boizenburg: Das lässt den heutigen Linken-Fraktionschef im Schweriner Landtag nicht los: Das ausgerechnet er als linker Arbeitsminister der ersten Rot-Roten Landesregierung den Arbeitern erklären musste, „dass die Werft schließen muss, diese Situation gehört zu den schwersten Momenten in meinem Politikerleben.“

Eine Werft säuft ab – ein Fall, mit dem der Autor Klaus Behling in seinem gerade erschienenen Buch „Die Treuhand – Wie eine Behörde ein ganzes Land abschaffte“ auf Spurensuche geht. Und Erfolge fand, aber ebenso die Enttäuschungen. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung gehören die Treuhand-Erfahrungen zu den schmerzlichsten Erinnerungen, zum „größten Betrugskapitel in der Geschichte Deutschland“, wie Behling den ehemaligen DDR-Oppositionellen Werner Schulz zitiert. Wut über die Plattmacher im Nadelstreifen – bei denen, die   eine Lebensperspektive verloren, ist sie geblieben. Es gebe auch Erfolge, meint Holter – die Mecklenburger Backstuben aus Waren u. a., eines der erfolgreichsten Management-buy-outs, von Ost-Managern übernommen. Solche Erfolge zu suchen sei  schwierig, und doch gebe es sie, meint Behling. Es hätten mehr sein können: Mehr Hilfe, mehr Zeit für die Sanierung vor der Privatisierung – und die Situation in MV wäre heute eine bessere gewesen, sagt Holter heute.

Faserplattenwerk Bestwood  Ribnitz-Damgarten,  Nordbräu Neubrandenburg, Holzbau Sternberg: Die Liste der gescheiterten Privatisierungen in MV ist lang. Die Folgen der  Treuhand werden kommende Generationen noch spüren, meint Behling – auch die Westdeutschen. Die Treuhand sei auch „ein soziales Versuchslabor West“ gewesen. „Mit ihr kamen die längeren Arbeitszeiten, der Bruch der Tarifverträge und das Arbeiten ohne Entgelt oder zu Mini-Löhnen für Arbeitssuchende und junge Leute.“ Dennoch: Eine verlässliche Bilanz  macht das alles auch nach 25 Jahren schwer, schreibt Behling  in seiner „Geschichte der mächtigsten und undurchsichtigsten Behörde, die es jemals in Deutschland gab“, in seiner Analyse u. a. über  folgende Fälle aus MV: 

Der Vulkan-Ausbruch
Der Ausgangspunkt dafür waren Verträge, die die Treuhand 1992 und 1993 mit dem Bremer Vulkan abschloss. Das Unternehmen übernahm damit vier bislang unverkäufliche Schiffsbaubetriebe in Wismar, Rostock und Stralsund. Um sie los zu werden, legte die Treuhand mehr als 2 Milliarden Mark drauf. Dafür sollte der Bremer Konzern die Werften ... auf Weltmarktniveau bringen und 5200 Arbeitsplätze garantieren. Ausgezahlt wurde das Geld in dreistelligen Millionen-Tranchen, bevor es bei den Werften wirklich gebraucht wurde. ... Das Bremer Unternehmen verfügte nun plötzlich über Geld im Überfluss und Konzernchef Friedrich Hennemann machte seine eigenen Pläne damit. Er wollte Vulkan zum maritimen Global Player entwickeln und ließ die öffentlichen Gelder im gesamten Konzern zirkulieren. In dessen westdeutschen Tochterunternehmen versickerten sie. ... Im Mai 1996 folgte der Konkurs.  Ab Mitte Januar 1996 versuchte Treuhand-Nachfolgerin BvS die Ostwerften ... zu retten.  ...   Brüssel genehmigte 1997 für mehr als eine Milliarde Mark neue Subventionen, mit denen die Werften an skandinavische Unternehmen vergeben wurden.  ... Trotz des dramatischen Schrumpfens des Schiffsbaus ... blieb Jürgen Seidel (CDU), bis 2011 Wirtschaftsminister des Landes optimistisch: »Wir hatten mal fast 50 000 Beschäftigte im Schiffsbau und den angrenzenden Bereichen. ... Die Vulkan-Pleite war eine Katastrophe... . Aber wir haben es geschafft, den völligen Abbruch der Investitionen zu verhindern.«  ... Glücklich endete ... alles für den ehemaligen Konzernchef ... . Am 14. Mai 2010 stellte das Landgericht Bremen nach fast vierzehn Jahren das Verfahren gegen ihn ein.

Der Elbo-Skandal
Dazu genügte als erster Schritt manchmal nur eine Idee, wie beispielsweise die, aus den Wohnungsbau- und Meliorationskombinaten im Norden der DDR, einen ostdeutschen Baukonzern zu formen. Er sollte »Elbo« heißen. Bereits im August 1990 sicherte sich der Bremer Kaufmann ... Heinz Krahmer ...  ein Vorkaufsrecht auf die gerade aus 6 verschiedenen Unternehmen in Rostock, Neubrandenburg und Potsdam entstehende Gruppe ... mit mehr als 15 000 Beschäftigten. Wichtiger als die Leute bei einem der größten Arbeitgeber der jeweiligen Region schienen jedoch die zur Elbo gehörenden Grundstücke. Experten schätzten deren Wert vorsichtig auf 1,7 Milliarden Mark. Kaufmann Krahmer bot alles in allem 170 Millionen Mark, »garantierte« den Erhalt von 11 000 Arbeitsplätzen und begann, ein möglichst undurchsichtiges Firmennetz zu spinnen.   ...  Heinz Krahmer hatte ein Problem: Er verfügte über keine 170 Millionen Mark für den Kauf der Elbo. Doch Geld floss nun erst einmal reichlich von der Treuhand. Sie zahlte bis 1992 rund 120 Millionen Mark... . Dort kamen 110 Millionen Mark davon angeblich nie an. Das brachten Ermittlungen des Stuttgarter Staatsanwaltes Hans Richter ... ans Licht. Sie erfolgten, nachdem Heinz Krahmer im Januar 1992 nach einer Massage in Singapur plötzlich verstarb. ... mehr als 73 Millionen DM ließ er sich dann auf ein eigenes Konto transferieren. ...  Die Firmen Krahmers gingen nach seinem Tod in die Insolvenz. ... Die Treuhand ...  verkaufte schließlich einen Teil der früheren Wohnungsbau- und Meliorationskombinate für 10 Millionen Mark an die Hegemann-Gruppe. Nach  erfolglosen Restrukturierungsversuchen, ... wurden die Unternehmen abgewickelt. ...

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Vulkan- oder Elbo-Deal: Klarheit wird es auch die kommenden 35 Jahre nicht geben. Bis 2050 seien die Akten unter Verschluss, meint Behling - 200 Kilometer Akten, geheim verhandelt von der Treuhand. Kein Wunder: „Damit sollen die wahren Machenschaften nicht ans Licht kommen“, meint Holter.

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