Rentner-WG auf Gut Kloddram : Oma nicht allein zu Haus

Die 77-jährige Besitzerin von Gut Kloddram, Brigitte Schopmeier  im Garten vor ihrer Senioren-Wohngemeinschaft. Das weitläufige Anwesen aus dem 19. Jahrhundert verfügt über acht Apartments  und  vielen Gemeinschaftsräumen. Fotos: Jens Büttner
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Die 77-jährige Besitzerin von Gut Kloddram, Brigitte Schopmeier im Garten vor ihrer Senioren-Wohngemeinschaft. Das weitläufige Anwesen aus dem 19. Jahrhundert verfügt über acht Apartments und vielen Gemeinschaftsräumen. Fotos: Jens Büttner

Rentner-WG auf altem Gut in Westmecklenburg gegründet / Trotz Gemeinschaft und gegenseitiger Hilfe hat jeder seine eigene Wohnung

Keck rückt sie ihr Hütchen zurecht, dann macht Brigitte Schopmeier ihren Pferden Beine. Die 77-jährige Besitzerin von Gut Kloddram bei Vellahn in Westmecklenburg schickt die zwei Vierbeiner jeden Vormittag auf die Koppel hinterm Herrenhaus. Dann wird das Mittagessen gekocht. Die rüstige Rentnerin war dreieinhalb Jahrzehnte lang Chefin eines Altenpflegedienstes im niedersächsischen Lüneburg. Zu Hause kümmerte sie sich um zwei eigene und über die Jahre um 24 Pflegekinder, wie sie erzählt. Allein sein wollte sie nie, auch jetzt im Alter nicht. Deshalb kaufte und sanierte sie das alte Gutshaus Kloddram und gründete eine Senioren-Wohngemeinschaft.

Deutschland altert: Laut dem jüngsten Sozialreport ist heute jeder Fünfte 65 Jahre oder älter. In Mecklenburg-Vorpommern wächst der Anteil der Senioren besonders schnell, er wird sich der Statistik zufolge bis 2050 auf 42 Prozent verdoppeln. Bundesweit lebt die große Mehrzahl der Alten ohne Kinder im eigenen Haushalt und jeder dritte Rentner allein ohne Partner. Oft macht das eigene Zuhause den Senioren das Leben zusätzlich schwer mit Treppen oder schmalen Türen.

Allein im Nordosten fehlen laut einer Studie mehr als 35 000 altengerechte, barrierefreie Wohnungen.

Gut Kloddram war eine Ruine, als Schopmeier 2003 den denkmalgeschützten Klinkerbau aus dem 19. Jahrhundert erwarb. Neun Jahre lang dauerte das Restaurieren der Rentner-Herberge in dem 180-Seelen-Dorf. In jeder freien Minute habe sie selbst mit Hand angelegt, Fenster und Parkett abgeschliffen, den Garten entrümpelt, erzählt die Investorin. „Die Dorfgemeinschaft hat uns gut aufgenommen, auf jedem Hof hier wohnen ja auch Rentner“, sagt sie.

Doch wichtiger als der sonntägliche Kaffeeklatsch mit den Nachbarn sei es, dass in das alte Gut wieder Leben einzieht, wünscht sich die Hausherrin.

Erst Anfang dieses Jahres sei sie mit ihrem zweiten Ehemann Kayes Hassan nach Kloddram umgesiedelt.

Von Anfang an dabei in der Rentner-WG ist Gitta Will. Die 58-Jährige war früher Fliesenwerkerin in Boizenburg. Seit Jahren ist sie arbeitslos, auf dem Gut macht sie sich gern in der Küche nützlich. Backen und Kochen, das sei ihre Leidenschaft. Gern tue sie dies auch für viele Esser, sagt sie. Doch leider habe die dritte Frau im Bunde, eine Hobbymalerin, gerade das Handtuch geworfen und sei aus der WG ausgezogen, sagt Schopmeier. „Die Chemie stimmte einfach nicht, da war Streit programmiert.“

„In einer WG geht es in erster Linie um die Gemeinschaft, da kann ich nicht dauernd mein eigenes Ich pflegen“, meint die lebenslustige Gutsherrin. „Wir wollen hier miteinander leben, und wenn mal einer krank ist, helfen wir ihm.“ Es gebe aber deutliche Unterschiede zu einer Studenten-WG, betont Schopmeier. Das weitläufige Anwesen verfüge über acht Apartments mit ein oder zwei Zimmern, Bad, Wohn- und Schlafbereich, Essecke und Kochzeile. „Hier hat jeder sein Reich.“ Wer will, kann sich zurückziehen. Wer mag, kann mit den anderen lesen, musizieren, spielen, im der großen Gutsküche kochen, in Garten arbeiten, im Café sitzen oder in der Sauna schwitzen.

In den vergangenen Monaten hielt Schopmeier ihr noch recht leeres Gutshaus mit dem Vermieten von Gästezimmern an Radler und Wanderer finanziell über Wasser. Im neuen Jahr solle das Haus nun endlich seine eigentliche Bestimmung bekommen, hofft sie. Drei Verträge sind bisher abgeschlossen, ab März werden die Senioren einziehen, sagt die Bauherrin.

Gegenseitige Unterstützung etwa beim Einkaufen oder Arztbesuchen sei ihr wichtig, betont Schopmeier. Alle für einen und einer für alle. Sie selbst und ihr Mann, ein Physiotherapeut, hätten Erfahrung in der Altenpflege. Weitere Hilfen bieten ambulante Dienste in der Umgebung an. Vor allem aber gehe es ihr darum, dass die Bewohner des Gutes einen ausgefüllten Lebensabend verbringen können, und zwar gemeinsam statt einsam.

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