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„Sailing Conductors“ : Nur noch ein paar Tage im Paradies

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

„Sailing Conductors“ kehren nach dreieinhalb Jahren auf den Weltmeeren zur Hanse Sail zurück nach Hause. CD mit 36 Künstlern aufgenommen

svz.de von
erstellt am 17.Jan.2014 | 11:44 Uhr

Mit einem sperrigen Basskoffer in der rechten Hand steht Hannes Koch an der Kaikante des Rostocker Stadthafens und blickt mit einem Grinsen im Gesicht auf die stille Warnow. Er sieht sich schon auf „Marianne“ in den Heimathafen einlaufen. Doch bis es wirklich so weit ist, werden noch einige Monate vergehen. Erst im August zur Hanse Sail kehren der 25-jährige Rostocker und sein Freund Benjamin Schaschek von ihrem großen Abenteuer zurück nach Hause. Damit kurz darauf ein neues beginnen kann, macht Hannes noch bis Ende Januar seinen Lkw-Führerschein.

Rückblick: Es ist Dezember 2010. Der gebürtige Berliner Benni hat gerade ein Auslandssemester in Australien hinter sich gebracht und seinen Flug zurück nach Hause verpasst, weil sich die Prüfungen verschoben haben. Beim Blick aufs Meer kommt ihm eine verrückte Idee: Er schreibt seinem Studienfreund Hannes, dass er vorhat, ein Schiff zu kaufen und innerhalb eines Jahres von Sydney nach Berlin zu segeln. Auf der Reise will er Musik mit Einheimischen aufnehmen und dabei das Unerhörte in der Welt entdecken. Er fragt Hannes, ob er ihn begleitet. Ohne lange zu zögern, sagt der Rostocker zu und bricht im März 2011 zu dem Abenteuer auf.

Mittlerweile sind die Tontechniker als die „Sailing Conductors“ seit fast drei Jahren mit ihrer „Marianne“ unterwegs. Von der eingangs geplanten Route sind die beiden von Beginn an abgewichen. So sind sie bereits nicht, wie geplant, aus Sydney gestartet, sondern von den Salomon-Inseln. Dort haben sie „Marianne“ gefunden und für 11 000 Euro mit kompletter Ausstattung gekauft – ein richtiges Schnäppchen. „Eigentlich war der Plan, immer dicht an der Küste entlang zu segeln, doch dann war da plötzlich kein Land mehr“, sagt Hannes, der zu Beginn des Abenteuers nicht einmal über Grundkenntnisse im Segeln verfügte. Mittlerweile kann ihn nichts mehr erschüttern. Bei Flaute und Sturm lenkt er „Marianne“ sicher.


Sekunden in Todesangst


Richtig gefährliche Situationen haben die beiden Abenteurer bislang ohnehin nur an Land erlebt. „Wir haben in Indien Halt gemacht und sind aus Versehen im Himalaya gelandet“, erzählt Hannes lachend. Ein Musiker, den sie aufnehmen wollten, hat sie dorthin mitgenommen. Auf dem schmalen, kurvigen Weg entlang des Abgrunds wären die beiden Deutschen dann fast verunglückt. In einer Kurve gerieten zwei Räder vom Weg ab. „Ich dachte, jetzt ist es vorbei und war richtig wütend auf den Fahrer“, so Hannes. Sekunden in Todesangst vergingen – und sie schafften es zurück auf die Straße. In Brasilien wurde es für die beiden Deutschen ebenfalls gefährlich. Einmal wurden sie von einem Mann mit einem Messer überfallen. Benni zögerte nicht lange und schlug zu.

Auf dem Meer geht es weitaus ruhiger zu – auch wenn die Angst vor Piraten ein ständiger Begleiter sei. „Einmal steuerte ein kleines, völlig überfülltes Fischerboot direkt auf uns zu. Ich hatte schon eine Art Napalmbombe in der Hand und war bereit zu werfen“, sagt der Rostocker. Doch als das Boot näher kam und ein Einheimischer fragte, ob sie etwas zu essen, Schnaps oder Zigaretten haben wollten, war Hannes erleichtert.

Nach langen Wochen auf hoher See, wenn kein anderes Schiff in Sicht ist, Flaute herrscht und das Essen knapp wird, überkommt Hannes manchmal ein Gefühl von Einsamkeit. In solchen Momenten vergisst der Rostocker schon mal, dass er den Traum vieler Menschen lebt. Um sich von diesen düsteren Gedanken loszureißen, hat er eine Strategie entwickelt: Er singt „This is just another day in paradise“ – das ist nur ein weiterer Tag im Paradies.

Langweilig wird es Hannes auf dem Wasser eigentlich nie. Dann basteln er und sein Freund Benni aus den aufgenommenen Ton-Spuren Lieder. „In den 44 Tagen auf der Überfahrt nach Rio haben wir unsere CD ,AAA’ fertig bekommen“, sagt Hannes. Die drei Buchstaben stehen für die Kontinente, auf denen die beiden Tontechniker die Musik aufgenommen haben – Australien, Asien und Amerika. 36 Musiker haben an dem Album mitgewirkt, ohne sich jemals gesehen zu haben. Das Prinzip ist einfach: Zum Beispiel spielt ein Gitarrist seine Melodie auf Sri Lanka ein. In Madagaskar hört eine Sängerin die Melodie über Kopfhörer und singt dazu ihren eigenen Text. „Wir haben wirklich extrem viele gute Musiker getroffen“, sagt Hannes. Sein Lieblingslied auf der CD heißt „Travelling Man“, das von den beiden Deutschen handelt. Die Brasilianerin Vicky Lucato hat den Text geschrieben und diesen auf der „Marianne“ eingesungen.


Einen Traum vor Augen


Mit jedem einzelnen Künstler schließen die „Sailing Conductors“ einen Vertrag, denn mittlerweile haben sie ihr eigenes Label. Hinter den Tontechnikern liegen mittlerweile Papua Neuguinea, Indonesien, Bali, Thailand, Vietnam, Singapur, Malaysia, Sri Lanka, Indien, Madagaskar, Südafrika, Brasilien, Französisch Guinea, Trinidad und Tobago und Kolumbien. Gerade scheint die jamaikanische Sonne auf „Marianne“. Vor der Küste des Inselstaates wird Hannes Ende des Monats auch wieder aufsteigen. Bevor die beiden Männer im Sommer Kurs auf Deutschland nehmen, geht es noch nach Kuba und in die USA.

Wenn Hannes und Benni im August in Rostock einlaufen, soll „Marianne“ aus dem Wasser gehoben und vor dem Mau-Club aufgebaut werden. Hannes träumt davon, die Musiker, die an der CD mitgewirkt haben, nach Rostock zu holen. Doch das kostet – und Geld haben die „Sailing Conductors“ quasi nie. Hannes und Benni leben von dem, was sie selbst gespart haben, was ihnen gespendet wird und was sie mit ihren CDs verdienen. Nach der Hanse Sail soll „Marianne“ auf Deutschlandtour gehen – auf einem Lkw. Darum macht Hannes auch den Führerschein. Für die Zukunft hat er noch viele Ideen: Er möchte die skandinavischen Völker wieder vereinigen – natürlich musikalisch. „Wenn man einmal angefangen hat rumzuspinnen, kann man nicht mehr aufhören“, so Hannes. Dabei packt er seinen Bass aus und beginnt an der Rostocker Kaikante zu singen.

 

 

 

 

 

 

 

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