zur Navigation springen

Spannender Beruf : Nicht nur Leichen im Keller

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Rechtsmedizin zwischen Fernsehmythos und Realität – zwei junge Frauen aus Rostock erzählen von ihrem Traumjob. Aus vielen Puzzleteilen versuchen sie, das Geschehen zu rekonstruieren.

Vom Beruf des Rechtsmediziners hat so gut wie jeder eine klare Vorstellung. Denn in beinahe jedem Kriminalfilm begegnet man einem von ihnen: Es sind raue Kerle, die am Sektionstisch Witze reißen, nebenbei ihr Brot essen, und am Tatort können sie schon an der Lage und der Hautfarbe der Leiche ablesen, wer sie wann und auf welchem Wege in diese missliche Lage gebracht hat.

Aber hat das alles auch mit der Realität zu tun? „Über unser Berufsbild bestehen fürwahr realitätsferne Vorstellungen“, meint Professor Dr. med. Andreas Büttner, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Rostocker Universitätsmedizin. Ganz bewusst hat er zwei junge Ärztinnen ausgewählt, die von ihrem Arbeitsalltag erzählen sollen – denn Rechtsmedizin ist keine Männerdomäne. Und: „Es ist ein relativ familienfreundlicher Beruf“, betont Anne Bittorf.

Wie bitte, familienfreundlich? „Ja, denn unsere Arbeitszeiten sind geregelt“, erklärt die 29-jährige Rostockerin. „Zwar gibt es 24-Stunden-Bereitschaftsdienste, für die einer der sieben Ärzte am Institut je eine Woche lang eingeteilt ist. Aber ansonsten fangen wir morgens um 7 Uhr an zu arbeiten und haben fast immer pünktlich Feierabend.“

Anne Bittorf, die einen sechsjährigen Sohn hat, weiß das zu schätzen. Der Junge wisse im Übrigen, als was seine Mutter arbeitet, erzählt sie. „,Mama, was machst du heute‘, fragt er mich oft. Und ich sage dann zum Beispiel: ,Ich muss eine Frau untersuchen, die gestorben ist.‘ Darauf er: ,Weißt du schon, was sie hatte?‘ Ich: ,Nein, noch nicht.‘ Darauf er: ,Dann musst du sie aufschneiden.‘“ Dass er das allerdings auch im Kindergarten erzählen würde – „Meine Mama schneidet tote Menschen auf“ – , hätte ihr schon vorsichtige Nachfragen der Erzieherinnen eingebracht, erzählt die junge Mutter und verkneift sich ein Grinsen. „Es ist ein spezieller Beruf, den auch nur spezielle Menschen ausüben können“, sagt sie dann, und fügt augenzwinkernd hinzu: „Wenn man sagen kann, ich arbeite in der Rechtsmedizin, dann sorgt man auf jeder Party für Gesprächsstoff…“

Erst ganz am Ende ihres Medizinstudiums habe sie sich für diese Fachrichtung entschieden. Damals, 2009 , sei es noch ganz neu gewesen, dass Studenten im praktischen Jahr vier Monate Wahlfach in der Rechtsmedizin absolvierten. „Seitdem weiß ich, dass für mich nichts anderes in Frage kommt“, erzählt die Rostockerin.

Auch Verena Blaas (27) ist davon überzeugt, dass die Rechtsmedizin für sie genau das richtige Fach ist. Die junge Frau aus Flensburg hat in Düsseldorf Medizin studiert und sich dort bereits im Wahlfach für Rechtsmedizin entschieden. „Dort waren die Studenten in erster Linie zuständig für die Gewaltopferversorgung“, erzählt sie. „Seitdem war ich angefixt, wollte nichts anderes mehr machen.“

Beide Frauen absolvieren zurzeit in Rostock ihre Weiterbildung zur Fachärztin für Rechtsmedizin – Anne Bittorf seit 2010, Verena Blaas seit dem vergangenen Jahr. Dass sie dabei mehr mit Lebenden als mit Toten zu tun haben, gehört zu den Seiten ihres Berufs, die in Fernsehkrimis nicht zu sehen sind. Körperverletzungen, Kindesmisshandlungen, Verkehrsunfälle, Sexualstraftaten, Selbstverstümmelungen – um rechtssichere Aussagen zu Art und Umfang der Schädigungen zu erhalten, werden die Opfer rechtsmedizinisch untersucht. „Wir schätzen anhand der Verletzungen den Tatverlauf ein, beurteilen die Intensität der Verletzungen, dokumentieren sie und tragen sie in ein Körperschema ein“, erklärt Verena Blaas. Vor Gericht würden ihre Aussagen als die Sachverständiger anerkannt – auch in Bezug auf mutmaßliche Täter, denn sie können ebenfalls im Auftrag der Staatsanwaltschaft untersucht werden. Die dabei gesicherten Spuren erlauben Rückschlüsse auf den Tathergang.

Der Beruf, vor allem aber die Bereitschaftsdienste sorgen immer wieder für Überraschungen. „Weihnachten war es meist sehr ruhig, wenn ich Dienst hatte, Ostern dagegen passierte immer eine Menge“, so Anne Bittorf. „Vorhersehbar ist dagegen, dass es auf dem Weihnachtsmarkt immer wieder Fälle von Körperverletzung gibt, meist unter Alkoholeinfluss“, ergänzt Verena Blaas.

Immer öfter wird mittlerweile am Bereitschaftstelefon nach der Opferambulanz gefragt. Sie ist am Rechtsmedizinischen Institut angesiedelt und, wie das Institut selbst, für die Landgerichtsbezirke Rostock und Schwerin zuständig. Gewaltopfer können sich dort – oder in der Schweriner Außenstelle des Instituts bzw. in einer mit ihm kooperierenden Klinik oder Praxis – untersuchen und Verletzungen dokumentieren lassen, auch dann, wenn sie keine Anzeige erstatten wollen. „Letztlich entscheidet der Patient, ob er weitergehende Hilfe in Anspruch nimmt“, erläutert Anne Bittorf. Seien allerdings Kinder betroffen, würde sie nicht lange zögern: Erst im Dezember hätte sie – nach Rücksprache mit Kollegen – Anzeige erstattet, nachdem sie im Auftrag eines Jugendamtes ein offenbar misshandeltes Kind begutachtet hatte.

Vieles, was sie im Beruf erlebten, ginge ihnen menschlich nahe, betonen die beiden jungen Ärztinnen. Aber es sei ganz wichtig, professionelle Distanz zu wahren und sich Kompensationsmechanismen zu schaffen. „Das lernt man“, betont Anne Bittorf. Besonders wichtig ist der jungen Ärztin der Austausch mit den Kollegen am Institut. „Ich hatte noch nie das Gefühl, bei einem belastenden Fall keine Ansprechpartner zu haben – eher waren da gleich vier oder fünf…“

Hilfreich sei, dass sie nie unvorbereitet an einen Tatort kämen, erzählen die Rechtsmedizinerinnen. Schließlich hätten sie im Vorfeld bereits Polizei oder Staatsanwaltschaft mit dem Fall vertraut gemacht. „Je mehr wir von der Vorgeschichte kennen, desto zielgerichteter können wir arbeiten“, erklärt Anne Bittorf. „Kennen wir gar keine Geschichte, zum Beispiel, weil das Opfer bewusstlos ist und es keine Zeugen gibt, ist die Arbeit nicht nur für die Polizei, sondern auch für uns schwieriger.“

Über viele ihrer Fernseh-Kollegen, wie den arroganten Einzelgänger Professor Börne aus dem Münsteraner „Tatort“ können die Rostockerinnen nur lächeln: Rechtsmedizin ist Teamarbeit, betonen beide. Dass eine Obduktion immer von zwei Medizinern vorgenommen werde, sei sogar gesetzlich vorgeschrieben. Ein Sektionsassistent würde ihnen immer zur Seite stehen. „Das ist für uns Frauen besonders hilfreich, denn Leichen zu transportieren und auf den Tisch zu hieven ist nicht leicht.“

Undenkbar sei, dass im Sektionssaal – wie im Film gern und möglichst in Nahaufnahme gezeigt wird – gegessen werde, erklärt Verena Blaas. „Das ist schlicht verboten.“ Und wer einmal einen Sektionssaal betreten habe, wisse auch, dass es unrealistisch sei, denn der Geruch darin sei alles andere als appetitanregend. „Aber man gewöhnt sich daran, drei tiefe Atemzüge und es geht“, beteuert sie.

Der Ablauf einer Sektion sei standardisiert, erklären die Ärztinnen. Egal, welche Todesursache vermutet wird, müsse immer das gleiche Schema abgearbeitet werden – von der äußeren Leichenschau über die Eröffnung aller Körperhöhlen bis zum Präparieren der Organe, der Entnahme von Gewebeproben und natürlich der ausführlichen Dokumentation. „Auch wenn das Messer noch in der Brust steckt, müssen wir den Schädel eröffnen“, nennt Anne Bittorf ein Beispiel. Das alles kann dauern – im Durchschnitt anderthalb Stunden, bei komplizierten Fällen aber auch fünf.

Die Feststellung der Todeszeit gehört – wie im Krimi – zu den Aufgaben der Rechtsmediziner. „Das Todeszeit-Intervall können wir allerdings nur in Zeiträumen zwischen zwei und vier Stunden bestimmen“, räumt Verena Blaas mit einem weiteren Filmfehler auf. „Alles andere wäre unwissenschaftlich.“

Und noch mehr Fehler kommen in Filmen immer wieder vor: Tatsächlich kämen Rechtsmediziner zwar schon am Auffindeort eines Toten zum Einsatz – „aber wir sind nicht so mittendrin, wie das im Fernsehen gezeigt wird, sondern oft erst die Letzten vor dem Bestatter“, erklärt Anne Bittorf. „Schließlich gibt es eine klare Aufgabenteilung mit der Polizei: Ihr gehören die Spuren, uns die Leiche.“

Ein geradezu klassischer Fehler im Fernsehkrimi sei, Rechtsmediziner als Pathologen zu bezeichnen. Dabei sind es ganz unterschiedliche Fachgebiete: Pathologen untersuchen hauptsächlich Gewebeproben. Sie obduzieren nur Menschen, die in Kliniken verstorben sind – wobei es in erster Linie um die Qualitätssicherung und wissenschaftliche Aufarbeitung geht. Rechtsmediziner obduzieren im Auftrag der Staatsanwaltschaft Menschen, die unter unklaren Verhältnissen verstorben sind.

Und sie haben noch eine Aufgabe, die im Fernsehen nicht gezeigt wird: die gesetzlich vorgeschriebene Leichenschau im Krematorium, zu der sich an jedem Morgen ein Rechtsmediziner des Rostocker Instituts auf den Weg macht. Derart sehen sie mehr als 95 Prozent aller Menschen, die in Rostock und Umgebung versterben – auf ganz natürliche Weise.

 

 

 

 

 

zur Startseite

von
erstellt am 18.Jan.2014 | 08:45 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen