Handwerk : Mit Stenz, Charlie und Melone

Konstantin (23) aus Salem ist Zimmerer und seit mehr als 17 Monaten auf der Walz.
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Konstantin (23) aus Salem ist Zimmerer und seit mehr als 17 Monaten auf der Walz.

Drei Jahre und ein Tag – Wanderschaft zwischen Tradition und Abenteuer

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03. Juli 2015, 12:00 Uhr

Zu Fuß oder mit der Seilbahn – wer hoch nach Braunwald im schweizerischen Kanton Glarus will, der hat nur diese zwei Möglichkeiten. Hoch nach Braunwald wollen viele. Im Sommer zum Wandern, im Winter zum Skifahren. Für Christoph geht es runter. Er hat eine Kluft an. Schwarze Hose mit Schlag, schwarze Weste. Alles maßgeschneidert. Seinen Gesellenbrief hat der Zimmermann in der Tasche. Fünf Euro auch. Keinen Cent mehr, keinen Cent weniger. So will es die Tradition. Socken, Unterwäsche, Wanderbuch, Schlafsack. Alles verstaut zu einem Bündel. Sein Stenz ist zur Hand. Der Wanderstock wird ihn begleiten. Einige Gesellen in den ersten Wochen auch. Christoph hat eine Flasche Schnaps am Ortsausgang vergraben. Seinen Nachnamen bis auf weiteres irgendwie auch. Der spielt in der nächsten Zeit keine große Rolle mehr. Wandergesellen nennen sich beim Vornamen. Christoph ist jetzt ein Wandergeselle. Unter 30, ledig, kinderlos und schuldenfrei. So soll es sein, so muss es sein. Er hat sich für die Walz entschieden und kehrt dem kleinen Alpendorf Braunwald den Rücken. Für drei Jahre und einen Tag. So lange wird er nicht in die Nähe seiner Heimatregion, geschweige denn in seine 300-Seelen-Gemeinde zurückkehren. Bannkreis 50 Kilometer. Auch das will die Tradition so. Und Christoph, der sich für eine Zugehörigkeit im Schacht der Freien Vogtländer Deutschlands empfohlen hat, will es auch. Es ist der 9. März 2014. Adieu Heimat, willkommen Abenteuer.

Mecklenburg-Vorpommern, Dümmer, 20 Kilometer westlich von Schwerin. Christoph ist auf einer Baustelle. Einer ganz besonderen Baustelle. Und anders als sonst arbeitet er hier nur für Kost und Logis. Lohn gibt es keinen. „Das hier ist ja auch für uns Wandergesellen gedacht“, sagt Christoph. Das hier, das ist das Europahaus. Die eine Hälfte ist für die Wandergesellen reserviert. Als Begegnungsstätte für internationale Handwerksgesellen auf der Walz. Die erste ihrer Art. Die andere Hälfte des wuchtigen, zweigeschossigen Fachwerkgebäudes wird die Gemeinde Dümmer nutzen.

Christoph verspachtelt Rigipsplatten. Noch ist nicht alles fertig im Gesellentrakt des Europahauses. Konstantin ist auch am Werk. Der Zimmermann aus Salem am Bodensee hat bisher mehr als eineinhalb seiner 23 Lebensjahre auf der Walz verbracht. Konstantin und Christoph (24) sind ein eingespieltes Team. Sie kennen sich gut. „Als Christoph auf die Walz ging, habe ich ihn mit losgebracht“, sagt Konstantin. Losbringen, einen Neuen über das Ortsschild heben. So fängt die Walz an. Im Bergdorf Braunwald gibt es kein Ortsschild. Aber einen Ortsstein. Der tut es auch. Die Wege der beiden trennten sich und liefen wieder zusammen. Seit zehn Monaten sind sie jetzt wieder Weggefährten.

Trennen und treffen, kommen und gehen. Manchmal auch bleiben. Einen Tag, eine Woche, einen Monat. So wie es eben anständig bezahlte Jobs verlangen. Mal hier, mal dort. Mal in Deutschland, mal im Ausland. Das alles ist die Walz. Erfahrungen sammeln, ungebunden sein. „Den Horizont erweitern.“ So nennen es Christoph und Konstantin.

In Dümmer waren sie schon mal, im vergangenen September, als mit schweren Eichenbalken das hölzerne Gerippe des Europahauses entstand. Dann ging es wieder weiter. Den Charlie, das Bündel mit dem Hab und Gut geschultert. Zu Fuß. Daumen hoch, warten, dass ein Autofahrer stoppt, sie mitnimmt. Von Flensburg nach Zürich in zwei Tagen. Manchmal läuft es gut. Begegnungen und Momentaufnahmen mit den Menschen am Steuer. Pastor, Schädlingsbekämpfer, Politiker. Oder die Frau Mitte 60, die Konstantin eingeladen hat, mal vorbeizuschauen. Eine hübsche Tochter habe sie. „Und einen Pferdehof. Da gibt’s viel zu tun“. Vielleicht, hat Konstantin gesagt, schaut er mal vorbei.

Schornsteinfeger. Zauberer. „Cowboy“, weiß Christoph, „war auch schon dabei.“ Nicht jeder weiß auf Anhieb, wer diese Leute in Kluft sind. Wandergesellen, um die 600 seien derzeit unterwegs. So schätzt es Ludwig Hense, Präsident der „Confederation Compagnonnages Européens – Europäische Gesellenzünfte“ ein. „Davon sind etwa 500 aus den fünf Schächten des deutschsprachigen Raumes“, so der Chef des Dachverbandes der Wandergesellen. „Ein Schacht“, erklärt er, „ist eine Vereinigung von Handwerkern, die auf Wanderschaft sind oder waren.“

Die Wandergesellen sind bestens vernetzt. Auch ohne Handy. Ein Zettel in der Herberge, eine Verabredung unterwegs. Am 18. um 12 Uhr am Rathaus in Hamburg. Klappt so was  ? „Das klappt“ sagen sie.

Die Rückkehr. Für Christoph und Konstantin rückt sie langsam näher. Weggehen sei leichter als wieder anzukommen, haben sie gehört. Was kommt nach der Walz, wenn die Seilbahn Christoph hoch nach Braunwald bringt? In ein Loch fallen? Meister werden? „Ich weiß es noch nicht.“ Christoph weiß aber, dass er den Gesellen, die ihn heimbringen, einen guten Schluck einschenken wird. Aus der vergraben Flasche Schnaps, die er am Ortseingang wieder ausbuddeln wird.

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