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Prozess um tote Joggerin : Mit einem Messerstich ein Leben ausgelöscht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Prozess um tote Joggerin: Rechtsmediziner und Mutter von Anna-Lena sagen aus

„Es ist wichtig, bewusst zu leben“, hat Anna-Lena ihrer Mutter geschrieben. Und dass sie sich freue, so ein schönes Leben zu haben. Es war ganz still im Schweriner Gerichtssaal, als Anna-Lenas Mutter gestern diese Zeilen vorlas. 2009 geschrieben, klingen sie doch wie aus einer anderen Zeit. Denn am 7. Juli 2013 wurde Anna-Lenas Leben brutal beendet. Mit nur einem einzigen Messerstich, wie gestern der Rostocker Rechtsmediziner Fred Zack im Mordprozess um die tote Lübecker Joggerin vor dem Landgericht erklärte. Mit starker Kraft in den Hals gestoßen, durchtrennte die scharfe Klinge die Schlagader und verletzte die Luftröhre der jungen Frau. „Von dem Moment an war Anna-Lena verloren“, sagt der Gutachter. Nur Minuten nach dem Angriff starb sie, ein paar Schritte vom Tatort entfernt – dem ehemaligen Grenzstreifen in der Palinger Heide nahe Lübeck. Einem belebten Gebiet, beliebt bei Joggern, nah an Anna-Lenas Elternhaus.

Von dort hatte sich die 29-Jährige am 7. Juli aufgemacht zu ihrem Morgenlauf – und zuvor noch ihren kleinen Sohn mit Obst versorgt, wie die Mutter berichtet. Beide waren ein paar Wochen zu Besuch in Lübeck. Eigentlich lebte Anna-Lena mit Mann und Kind in Italien. Der Kleine sei es gewohnt, dass seine Mama einmal täglich Joggen geht, sagt Anna-Lenas Mutter. „Er wusste ja, sie kommt wieder“. An diesem Sonntagmorgen kam sie nicht wieder. Nie mehr seitdem.

Ob der Kleine das inzwischen begreift, kann die Zeugin nicht sagen. Wie denn auch. Der italienische Schwiegersohn, der Bruder, die ganze Familie, die Freunde – niemand aus Anna-Lenas Umfeld könne begreifen, was da geschah. „Mein Mann hat seitdem gesundheitliche Probleme“, sagt die Zeugin. Er habe eine Zeitlang seine Sprache verloren. Und sie versuche zu funktionieren, Pflichten zu erfüllen, „wie ein preußischer General“, sagt die Mutter. Sie spricht mit starker Stimme, doch nun weint sie. Und mit ihr mehrere Besucher im Saal. Dann fasst sie sich wieder und antwortet sachlich auf die Fragen des Gerichts. Offen sei ihre Tochter gewesen, hilfsbereit und von großer Ausstrahlung auf andere.

Den Angeklagten ignoriert sie, so weit es geht. Der schaut sie nicht an. Und schweigt weiter. Wie schon seit seiner Festnahme vier Tage nach der Tat. Als die Ermittler ihn über die DNA-Datenbank ausfindig machten, nachdem sie Spuren von ihm und von Anna-Lena auf einem Messer fanden, das in Tatortnähe vergraben war. Mit hoher Wahrscheinlichkeit das Tatwerkzeug. Die Verletzungen jedenfalls könnten von diesem Messer, das Norman L. gehört, stammen, wie der Rechtsmediziner Dr. Zack sagt. Er traf auf L. kurze Zeit nach dessen Festnahme im Juli zum ersten Mal. „Er saß da wie ein gebrochener Mann“, gibt der Arzt seinen damaligen Eindruck wieder.

Anna-Lena ist nach Aussagen des Gutachters mit hoher Wahrscheinlichkeit von hinten angegriffen worden und hat noch versucht, den Täter abzuwehren. Das zeigen Spuren an ihrer linken Hand. Norman L. kannte Anna-Lena allem Anschein nach nicht. Er kannte auch die junge Frau nicht, die er 1987 überfallen hatte. Vor Gericht kam gestern diese Vorstrafe wegen Körperverletzung zur Sprache. Auf einem belebten Kanalwanderweg in Lübeck hatte der damalige Bundeswehrsoldat die fremde Frau verfolgt, von hinten angegriffen und gewürgt. Er ließ von seinem Opfer ab, als sich Passanten näherten. Zwei Jahre später wurde Norman L. wegen versuchter Vergewaltigung verurteilt. Auch in diesem Fall hatte er eine Unbekannte verfolgt und von hinten angegriffen. Was in seinem Kopf vorgeht, soll eine psychiatrische Sachverständige klären. Sie soll morgen ihr Gutachten vor Gericht vorlegen.

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erstellt am 08.Jan.2014 | 20:30 Uhr

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