Landwirtschaft : Mähdrescher gegen Ferienplätze

Helfer bei der Kartoffelernte in der LPG Klein Bünzow im Kreis Anklam
1 von 3
Helfer bei der Kartoffelernte in der LPG Klein Bünzow im Kreis Anklam

Warum das Gerede von den gewachsenen Strukturen in der ostdeutschen Landwirtschaft falsch ist

von
10. November 2015, 12:00 Uhr

Bernd Zimmermanns Vater hat bis 1960 durchgehalten. Dann gab er dem ständigen Druck nach und trat mit seinem 56-Hektar-Hof bei Grevesmühlen in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) ein. Nach der Wiedervereinigung musste Zimmermann 60 000 D-Mark berappen, um von der LPG die heruntergewirtschafteten Gebäude zurückzubekommen. Angeblich hatte die LPG hohe Schulden. „Vorher waren aber 600 Kühe und 500 Säue über Nacht verschwunden“, berichtet Zimmermann. Folker Hachtmann musste als junger Pfarrer in Lüssow 1960 miterleben, „wie der letzte Großbauer brutal um sein Eigentum gebracht wurde“. Die Frau des Bauern, so Hachtmann, wurde deportiert.

Wenn Politiker heute von den „gewachsenen Strukturen“, also den großen Flächen und den großen Betrieben, sprechen, um die Erfolge der Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern zu erklären, empfinden Leute wie Zimmermann oder Hachtmann die Wortwahl angesichts des verübten Unrechts in der DDR-Agrarpolitik als verharmlosend. Die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Anne Drescher, lud in der vergangenen Woche zur Konferenz nach Güstrow ein, um „die andere Seite des ,Arbeiter- und Bauernstaates‘“ beleuchten zu lassen.

„Gewachsen“ seien die ostdeutschen Agrarstrukturen ganz und gar nicht, sagte Drescher und zitierte den Bürgerrechtler Michael Beleites. Laut dem verdanken sich diese Strukturen „der blanken Gewalt und der flächendeckenden Zwangsmaßnahmen einer menschenverachtenden Diktatur“ – erst die keineswegs demokratische Bodenreform, dann die Kollektivierung, dann die überzogene Industrialisierung.

Zudem war ein beachtlicher Teil der DDR-Landwirtschaft 1989 wirtschaftlich am Ende, was die Stasi brav nach Berlin meldete. 1988 beklagte sich das Volkseigene Gut (VEG) Blankenheim beim Zentralkomitee der SED über fehlende Investitionen. Sein wichtigstes Industrialisierungsmittel sei immer noch „die Schubkarre“. Der Historiker Jens Schöne fand den Bericht in den Stasi-Akten. Bereits Anfang der 1980er-Jahre sei die Landwirtschaft „auf einem Tiefpunkt“ gewesen, so Schöne. Die Ernten waren vielerorts mäßig, die Maschinen mangels Ersatzteilen zerschlissen, die Gebäude verfielen und Arbeitskräfte fehlten wegen zunehmender Landflucht.

1981 legte zum Beispiel die Stasi Rathenow einen erschütternden Bericht vor. Es fehlte an Kraftfutter, es fehlte an Fachwissen und Engagement. Der Hang zum Alkohol grassierte. Der Schwarzmarkt etablierte sich, einerseits weil die Genossenschaften zum Wohle des Betriebes etwa Ferienplätze gegen Mähdrescher eintauschten, andererseits weil LPG-Leiter in die eigene Tasche wirtschafteten. Eine 1984 verordnete Kursänderung in der Agrarpolitik verteuerte Investitionen. Zudem bekamen die Genossenschaften für ihre Erträge mehr Geld vom Staat. Das brachte vor allem manchen schwächelnden Tierzuchtbetrieben nichts. Sie konnten sich Investitionen nicht leisten. Schöne berichtete aus Stasi-Unterlagen, wonach hier das Vieh von einstürzenden Ställen erschlagen wurde, dort das Geflügel wegen einer geplatzten Wasserleitung ertrank oder anderenorts die Agrarflieger giftige Pflanzenschutzmittel über Kleingärten versprühten.

Die Stasi stellte längst „verdächtige Aktivitäten“ selbst unter den Leitungskadern in der Landwirtschaft fest, die vom „Lamentieren“ bis zur „Panikmache“ reichten. Schöne: „Man hat den Eindruck, die Dörfer flehten die Partei an: ,Tut endlich etwas!‘“. Aber die SED war mit ihrem Latein am Ende.

Die Historiker Mario Niemann und Michael Heinz erinnerten an den Zwang, mit dem viele Bauern in die Genossenschaften getrieben wurden. Nachdem die erste Welle der Kollektivierung 1952 nur mäßigen Erfolg hatte, rief sie 1959/1960 den „sozialistischen Frühling“ auf dem Land aus. „Ganze Brigaden rückten den Bauern aufs Fell, belagerten sie tagelang mit Lautsprecherwagen“, berichtete Heinz.

Das hat Karl Mewis, erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Rostock, in einem aufgezeichneten, aber nie gesendeten Interview 1973 unumwunden zugegeben: „Es hat Dörfer gegeben, die wurden von Arbeitern der Industrie und anderen Bauern, die schon in den Genossenschaften waren, regelrecht umstellt. Man ging von Haus zu Haus und hat agitiert und ist nicht weggegangen, tagelang, bis sich alle entschieden haben. Das war mehr als moralischer Druck.“ Es war dieser Druck, dem auch der Vater von Bernd Zimmermann nachgeben musste.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen