zur Navigation springen

Wismar : Laute sollen Schnabelwal aus Ostseebucht lotsen

vom

Der seit Tagen in der Wohlenberger Wiek schwimmende Sowerby-Zweizahnwal bekommt Hilfe: Unter Vortäuschung eines Artgenossen wollen Forscher das Tier in seinen natürlichen Lebensraum locken.

svz.de von
erstellt am 06.Okt.2015 | 11:53 Uhr

Der als Irrgast in einer Ostseebucht schwimmende Schnabelwal soll jetzt mit sanfter Hilfe des Menschen zurück in seinen natürlichen Lebensraum finden. Forscher des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund wollen mit akustischen Signalen den vier Meter langen Sowerby-Zweizahnwal aus der flachen Wohlenberger Wiek bei Wismar locken. „Wir wissen nicht, ob es funktioniert“, sagte Michael Dähne, Kurator für Meeressäuger am Deutschen Meeresmuseum.

Dazu wollen sie dem Wal seine eigenen Laute vorspielen. Erstmals war es den Stralsunder Forschern vor einer Woche gelungen, den Gesang und Echoortungsklicks eines Sowerby-Zweizahnwals aufzunehmen. „Es ist das weltweit erste Tondokument mit Lauten eines Sowerby-Zweizahnwals.“ Ein erster Rettungsversuch mit Hilfe von Greenpeace war am Wochenende gescheitert. Zusammen mit den Umweltschützern hatten die Meeresbiologen versucht, das weibliche Tier mit seiner Lieblingsspeise - Tintenfischen - aus der Wiek zu locken. Auf jegliche Versuche, den Meeressäuger zu treiben oder durch direkten Kontakt zu leiten, werde verzichtet. Eine solche „invasive“ Methode würde den Wal nur noch weiter stressen, sagte Dähne.

Sowerby-Zweizahnwale wurden bislang nur selten lebend gesichtet. Ihr Lebensraum ist der Atlantik und die Nordsee, wo sie auf Jagd nach Tintenfischen in bis zu 800 Meter abtauchen, wie der Direktor des Deutschen Meeresmuseums, Harald Benke, sagte.

Seit anderthalb Wochen schwimmt nun ein Exemplar in der Wohlenberger Wiek, einer Bucht in der Ostsee. Das Tier hatte sich in der Nähe eines Anlegers festgeschwommen und war von beherzten Anglern gedreht und in etwas tieferes Wasser zurückgeschoben worden.

In der Wohlenberger Wiek war laut Meeresmuseum bereits 2006 ein Finnwal verendet, weil er den Ausgang aus der Bucht nicht gefunden hatte. Einem Teil der Bucht ist eine flache Sandbank vorgelagert.

Auch in der Bucht selbst ist das Wasser vergleichsweise flach. Die Forscher sind inzwischen in Sorge um das Tier, das bislang keine Anstalten macht, die Bucht zu verlassen - auch weil es mit Fischen derzeit genügend „Ersatznahrung“ findet. Bootsführer wurden inzwischen gebeten, sich nur auf maximal 200 Meter zu nähern.

Das weibliche Tier erweckt einen munteren und auch bislang nicht unterernährten Eindruck, wie Dähne sagte. Schaulustige beobachten den Meeressäuger immer wieder beim Springen. Auch schwimmt er an Boote heran. Ob dies dem normalen Sozialverhalten entspreche, sei schwer einzuschätzen, da es bislang wenig Daten über das Verhalten Sowerby-Zweizahnwale gebe, sagte Dähne Die Laute des Sowerby-Zweizahnwals sind sehr variabel, wie die Tondokumente von Dähne belegen. Neben den Klicks, die der Echoortung dienen, sind hohe pfeifende Töne und auch Laute zu hören, die sich in der Tonlage ändern. Wenn das Tier gelockt werden soll, würden vor allem die hohen Frequenzen zum Einsatz kommen, wie Dähne erklärte.

Die Forscher gehen davon aus, dass dies Soziallaute sind, über die die Wale mit Artgenossen kommunizieren. Mit dem Vorspielen der Laute über Unterwasserlautsprechern soll das Tier - durch das Vortäuschen eines Artgenossen - aus der Bucht in die offene Ostsee gelockt werden.

Ein erster Versuch könnte Ende der Woche gestartet werden. „Die Wetterbedingungen müssen stimmen“, sagte Dähne. So müsse die See relativ ruhig sein, auch dürfe es nicht stark regnen. Regen wäre eine starke akustische Reizung für den Wal.

Wird es dem Schnabelwal nicht langsam einsam ohne Artgenossen? „Fortpflanzen kann er sich hier sicher nicht“, antwortet Walforscher Benke scherzhaft. Dass sich Meeressäuger - wie offensichtlich dieser - in der Nähe des Menschen wohlfühlen, sei auch von Delfinen bekannt, Als „friendly dolphins“ lebten sie teilweise Jahre in der Nähe von Menschen. Solange der Schnabelwal genügend Nahrung finde und sich offensichtlich wohlfühle, gebe es keinen Grund, den Wal mit härteren Methoden - wie dem Einfangen - aus der Ostseebucht zu bringen. „Das würde ihm nur noch mehr Stress bringen“, sagte Benke. Ernsthafte Probleme könne der Winter bringen, wenn sich Eis in der flachen Bucht bilde. Zudem sei die Luft im Winter deutlich kälter als im Atlantik.„Wir wissen nicht, ob sich der Wal dann eine Lungenentzündung holen könnte.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen