Flüchtlings-Tagebuch : Kurze Röcke auch in Syrien

Moha
Moha

Unsere Redaktion begleitet den Syrer Moha. Flüchtlingstagebuch Teil 12

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12. Januar 2016, 08:00 Uhr

Moha ist seit über einem Jahr auf der Flucht. Vergangenen September erreichte er Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern will er ein neues Leben beginnen. Redakteurin Lisa Kleinpeter begleitet ihn.

„Ich trage gerne kurze Röcke, was denkst du darüber?, frage ich Moha unvermittelt. Er wollte mich treffen, um mit mir über die Übergriffe in Köln zu sprechen. Jetzt sitzt er mir in einem Café gegenüber und grinst: „Ich denke immer, dass du doch frieren musst“, sagt er und nippt an seinem Espresso. Als er meinen Blick sieht, wird er ernster: „Jede Frau kann anziehen, was sie will. Auch viele syrische Frauen tragen kurze Röcke oder einen Ausschnitt. Nur nicht bei diesen Temperaturen.“

Ich beobachte, wie sich die Milch in meinem Kaffee verteilt. „Also denkst du nicht, dass Frauen eventuell durch ihre Kleidung falsche Signale senden könnten?“, frage ich. „Das ist eine dumme Frage. Es ist nicht die Schuld der Frauen. Die Männer haben eindeutig eine falsche Einstellung“, antwortet Moha. Jetzt ist er ganz ernst. „Schau, dass, was da in Köln passiert ist, ist schlimm. Jede Frau, die angegriffen wurde, hätte auch meine Mutter, meine Schwester oder meine Frau sein können. Es gibt keine Entschuldigung dafür.“

„Was denkst du, wie es zu den Übergriffen kommen konnte?“ – „Ich weiß es nicht. Vieles ist noch so unklar. Ich habe gehört, dass viele Männer betrunken waren?“ – „Ja. Das wurde von der Polizei bestätigt.“ – „Das ist ein Problem. Deutsche können viel trinken, ohne betrunken zu sein. Viele Moslems sind das nicht gewohnt. Ich denke, es wäre sinnvoll, wenn es Flüchtlingen allgemein verboten wäre, zu trinken, solange das Aufnahmeverfahren läuft.“ – „Ich glaube nicht, dass das die Übergriffe verhindert hätte.“ – „Ich auch nicht. Aber es wäre ein Anfang.“ – „Dein kleiner Bruder lebt doch in Köln. Hat er etwas von den Übergriffen mitbekommen?“ – „Nein. Aber ich mache mir große Sorgen um ihn.“ – „Warum?“ – „Die Menschen behandeln ihn jetzt anders. Er sucht gerade nach einer Wohnung. In Köln ist das nach den Übergriffen für ihn sehr schwer geworden.“

„Erst die Anschläge, jetzt die Übergriffe, die Menschen haben Angst.“ – „Das kann ich verstehen. Aber die Finger einer Hand sind nie gleich lang.“ – „Was meinst du damit?“ – „Ein Mensch repräsentiert nie sein Land oder seinen Glauben, sondern nur sich selbst.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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