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STREITBAR : Kulturkampf: Asterix gegen Donald Duck

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Multikulturelles Entenhausen oder gallisches Dorf – die Comics von gestern verraten viel über die politische Diskussion von heute, analysiert Jan-Philipp Hein.

svz.de von
erstellt am 28.Feb.2015 | 15:45 Uhr

Wer auf Partys und in Kneipen, Clubs und Bars regelmäßig mit Meinungsbildnern und Profidenkern zu tun hat, weiß irgendwann wie der Hase bei denen so läuft. Gentechnik ist diesem Milieu aus Lehrern, Textern, Werbern, Journalisten und Sozialarbeitern zuwider, Atomkraft gilt natürlich als brandgefährlich, Bio-Essen gesünder als konventionelle Nahrung, Mindestlohn und Mietpreisbremse sind ein Segen, Hollywood-Filme entweder schrott oder kitsch und Comics mal glatt das Allerletzte. Alle Comics? Nein. Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Humorimperialismus aus den Vereinigten Staaten Widerstand zu leisten.

So haben es die Asterix-Hefte in die Bibliotheken der Bildungseinrichtungen geschafft. Denn wenn die Schüler schon Comics lesen müssen, dann soll es doch wenigstens anständiger Stoff sein und nicht dieser Schund aus den USA. Entenhausen geht gar nicht. Was für ein Quak! Das eingangs beschriebene GEW-Milieu wähnt sich in seinem Kampf gegen die moderne Welt in einer Traditionslinie mit den gallischen Helden. In den Heften, die kurz vor Christi Geburt spielen, treten die imperialistischen Römer Asterix, Obelix, Majestix & Co. mit ihrem Hoheitszeichen entgegen: S.P.Q.R. (Senatus Populusque Romanus) steht für „Senat und Volk von Rom“. Auf der Standarte des heutigen Rom glaubt unser Justemilieu wieder vier Buchstaben zu erkennen: T.T.I.P. was „Transatlantic Trade and Investment Partnership“ bedeutet. Dagegen stehen sie nun auf, die Sozis, die ganz Linken, die Grünen, die Gewerkschafter, die Kirchen und, und, und...

Diese Ablehnung ist nicht nur die Folklore eines bestimmten Millieus, es ist Folklore im üblen, im isolationistischen Sinne, die sich selbst dummerweise attestiert besonders weltoffen, tolerant und aufgeklärt zu sein. Dabei geht es doch nur darum: Die eigene Scholle soll rein bleiben von äußeren Einflüssen und vermeintlichen Bedrohungen. Drohten einst die römischen Weinamphoren das ehrliche gallische Bier zu verdrängen, so bedrohen heute Chlorhühner das EU-Huhn. „American Way of Life“ ist auf dem europäischen Kontinent noch immer ein Schimpfwort. Was haben die blöden Amis außer Junkfood, Chewing Gum, Coca-Cola, fehlenden Waffengesetzen und Britney Spears denn auch anzubieten?

Im gallischen Dorf ging die Reinheit sogar noch etwas weiter. Jeder gestandene Rassist hätte seine Freude am Idyll, das Goscinny und Uderzo schufen. Das Entenhausen von Carl Barks und der kongenialen deutschen Übersetzerin Erika Fuchs ist hingegen eine multiethnische Metropole, natürlich mit einer Entenmajorität, in der jedoch Schweine, Hunde und Eulen höchste Ämter bekleiden. Herkunft und Traditionen gelten nichts.

Zugegeben: So weit wird wahrscheinlich kaum ein Französischlehrer denken, der seinen Schülern die Asterix-Lektüre ans Herz legt und bei Donald Duck die Nase rümpft. Dennoch: Die Romantisierung eines Dorfkollektivs, das dann ganz bei sich ist, wenn es Römer verprügeln kann, ist irritierend.

Von jeder Gedichtinterpretation wird erwartet, dass solche klar durchschimmernde Bedeutungsebenen und Ressentiments erkannt werden. Bei den eindeutig fremdenfeindlichen Gewaltorgien der Gallier ist dem aufgeklärten West-Europäer jedoch alles egal. Sie sind die Guten, die römische Zivilisation bringt hingegen Verderben, Oberflächlichkeit und Konsum – TTIP lässt grüßen. Aber es gab doch noch gar kein TTIP als Goscinny und Uderzo ihre Heldengeschichten zeichneten und schrieben...

Stimmt. Das antiamerikanische Ressentiment funktioniert eben immer, egal was die USA tun und lassen, egal welche Partei die Mehrheit im Kongress hat und wer das Weiße Haus bewohnt. „USA-SA-SS“ brüllten schon die 68er in der irrigen Annahme, sie zeigten sich mit armen Vietnamesen solidarisch. Eigentlich ging es ihnen mit ihrer Gleichsetzung von US-Militär mit der SS darum, die eigene deutsche Geschichte erträglicher zu machen.

Ein durchaus vergleichbarer historischer Vorläufer der USA — da irren die sich aufgeklärt dünkenden Bewohner der besseren Gegenden in deutschen Großstädten nicht – war das Römische Reich tatsächlich, das sich nicht nur mit den zeitüblichen kriegerischen Mitteln erweiterte, sondern im Gefolge freien Handel, Rechtssicherheit und Bürgerrechte für seine Bewohner brachte, deren Rasse, deren Glaube und deren Traditionen hingegen keine Rolle spielten.

Diese zivilisatorischen Gewinne führen in den Asterix-Geschichten natürlich direkt ins Verderben. Entweder korrumpieren die römischen Sesterzen die Gallier und entfremden sie von ihrer eigenen Kultur oder der Wettbewerb führt zu schwersten Zerwürfnissen innerhalb der Dorfgemeinschaft, die sich nicht wie sonst üblich mit einer Schlacht gegen den äußeren Feind regeln lassen.

Ob von links oder rechts: Genau so denkt es in Leuten, die heute von der Regionalität schwärmen, lokalen Konsum predigen oder die Verbundenheit mit der Heimat und ihren Traditionen beschwören. Irgendwo findet sich noch in jedem Wahlprogramm das Bekenntnis zur regionalen Wirtschaft, im schlimmsten Fall wird gar eine regionale Kreislaufwirtschaft samt regionaler Komplementärwährung als Idyll gezeichnet.

Die Saat der Abschottung geht jedenfalls auf. Nach einer brandneuen Umfrage lehnen 40 Prozent der Deutschen das geplante Freihandelsabkommen mit den USA ab, rund 20 Prozent meinen, sie wüssten nicht genug, um sich eine Meinung bilden zu können.

Klar: Es geht hier nur um Comics, um Unterhaltungsliteratur also. Doch der völkische, ressentimentgeladene Gehalt in Asterix & Obelix ist kaum zu übersehen. Angedickt wird das Gebräu noch durch die Verehrung der gallischen Götter und die allen innewohnende Angst, der Himmel könne ihnen auf den Kopf fallen — beim Teutates!

Dass eine derart tumbe Dorfgemeinschaft Kult- und Heldenstatus im Justemilieu genießt, sagt über dieses Milieu und seine Aversionen alles. Sag' mir, worüber Du lachst und ich sage Dir, wer Du bist. Und andersrum: Sag' mir, wen Du verachtest und ich sage Dir, wer Du bist.

Entenhausen ist für die konsumkritische Masse – ob bewusst oder unbewusst – die comichafte Inkarnation Babylons. Götter und Religionsgemeinschaften spielen hier keine Rolle, Weihnachten wird aus Tradition gefeiert, im Mittelpunkt steht dann der Truthahn und nicht das Christuskind. Das höchste und gewaltigste Gebäude der Stadt ist natürlich auch kein Kirchturm, sondern ein Geldspeicher, dessen Bewohner Dagobert Duck von der heimischen Scholle entwurzelt ein weltweit aktives Konzerngeflecht lenkt, mit dem überall und permanent neue Märkte erschlossen werden. Angst haben die Bewohner davor, dass der FC Entenhausen (FCE) gegen das benachbarte Gansbach oder Quakenbrück verliert, die Angebetene die Liebe verschmäht oder eine Geschäftsidee nicht funktioniert.

Wir wollen den Gedanken hier nicht überspreizen. Aber es lohnt sich durchaus, Globalisierungskritik, Kapitalismuskritik und die kultische Verehrung des Regionalen auf Ressentiments zu durchleuchten. Im gallischen Dorf, dem so viel Sympathie entgegengebracht wird, ist das alles bis zur Kenntlichkeit entstellt. Man müsste nur genau hinsehen.


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