Badesaison MV : Kinder nie aus den Augen lassen

Viele Kinder können nicht richtig schwimmen. Daher geben die Rettungsschwimmer vormittags Unterricht.
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Viele Kinder können nicht richtig schwimmen. Daher geben die Rettungsschwimmer vormittags Unterricht.

Zwei Rettungsschwimmer vom Arbeiter-Samariter-Bund berichten von ihrer täglichen Arbeit und warum Vorsicht besser ist als Nachsicht

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18. August 2015, 12:00 Uhr

Die Sonne brennt vom Himmel. Es sind fast 30 Grad. Im Schatten. Immer mehr Badegäste zieht es an den Strand. Kinder jauchzen, spritzen sich nass. Jugendliche wetteifern, wer beim Sprung ins Wasser die beste Figur macht. Am Rand sonnen sich die Eltern. Dann passiert es. Ein Mann springt vom Steg. Nichts Ungewöhnliches. Doch als er wieder auftaucht, läuft Blut aus seinem Ohr. Beim Aufprall ist sein Trommelfell geplatzt. Er rettet sich noch ins flache Wasser, dann wird er ohnmächtig. Sofort sind die Rettungsschwimmer bei ihm. Sie leisten erste Hilfe und holen den Notarzt.

Das war einer seiner größeren Einsätze als Rettungsschwimmer, erzählt Lennart Bonßdorf. „Am meisten haben wir Bienenstiche, Schnittverletzungen oder Schürfwunden.“ Der Siebzehnjährige ist heute zusammen mit Petra Wendlandt am Roten See bei Brüel in der Nähe von Sternberg im Einsatz. Beide sind vom Wasserrettungsdienst Schwerin-Parchim des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB).

Es ist erst 10 Uhr morgens. Die Luft ist noch kühl. Lennart sitzt auf dem Steg. Vor ihm schwimmt Lotti. Sie holt ganz tief Luft, kneift die Augen zu, dann taucht sie unter. Ihre Beine strampeln. Wasser spritzt. Dann, nur einen kurzen Augenblick später taucht sie wieder auf. Sie japst nach Luft. Der Ärger ist ihr anzusehen. „Ich schaffe es einfach nicht.“ Lennart lächelt ihr aufmunternd zu. „Du musst einfach mit deinem Kopf noch weiter nach unten.“ – „Stell dir vor, da liegt ein Schatz“, ergänzt die Mutter der Sechsjährigen. Lotti atmet tief ein, bis sie ganz dicke Backen hat, dann versucht sie noch einmal vom Grund Sand hoch zu holen. Als Beweis, dass sie bis nach ganz unten tauchen kann.

Während die meisten Urlauber beim Frühstück sitzen, bringen Petra Wendlandt und Lennart Bonßdorf Kindern das Schwimmen bei. Ab 13 Uhr bewachen sie den Strand, am Vormittag gibt’s Schwimmunterricht. 19 Kinder wollen diese Woche ihr Seepferdchen schaffen. In diesem Jahr hatte der ASB landesweit bisher 1300 Teilnehmer in seinen Schwimmkursen. „Prävention ist das A und O. Um Unfälle zu vermeiden, müssen wir Kindern und Jugendlichen frühzeitig das Schwimmen beibringen“, sagt Mike Stiehler, Kreisleiter des ASB-Wasserrettungsdienstes.

Lotti hat gestern bereits ihr Seepferdchen gemacht. Heute will sie auch noch Bronze schaffen. Nur das Tauchen klappt noch nicht. „Ich kann leider keine Ausnahme machen. Hier gibt es nichts geschenkt“, meint auch Petra Wendlandt. „Ich muss ja auch verantworten können, wenn ich eine Schwimmstufe vergebe.“ Die Grundschullehrerin bringt bereits seit 20 Jahren Kindern das Schwimmen bei. „Früher haben wir beim Schulschwimmunterricht alle Kinder durchbekommen. Heute sind immer ein bis zwei Kinder dabei, die keine Schwimmstufe schaffen“, erzählt die 58-Jährige. Die Kinder würden sich zu wenig bewegen. „Sie sitzen zu viel vor dem Rechner. Feinmotorisch sind sie besser als früher, aber beim Grobmotorischen hapert es.“ Auch Lotti schafft es heute nicht.

Es ist 13 Uhr. Der Schwimmkurs ist beendet. Inzwischen hat sich der Strand gefüllt. Lennart zieht die Fahne des ASB-Wasserrettungsdienstes hoch. Das Zeichen, dass von nun an der Strand bewacht ist. Petra Wendlandt nimmt vor dem Rettungshäuschen Platz. „Nachmittags bin ich immer aufgeregter als vormittags. Man ist die ganze Zeit nur am Gucken, nur aufmerksam.“

Im flachen Wasser stucken sich Jugendliche gegenseitig unter. Ein paar Jungs nehmen immer wieder Anlauf und springen waghalsig vom Steg. Auf der schwimmenden Insel sonnen sich die Mädchen. Weiter in der Mitte des Sees kann man gerade noch so einen Mann sehen.

Vor allem Kinder und ältere Menschen seien gefährdet, zählt Mike Stiehler auf. „Kleine Kinder wissen noch nicht, welche Gefahren auf sie im Wasser warten. Und ältere Menschen überschätzen sich häufig. Sie ziehen schon seit Jahren ihre Bahnen und bedenken nicht, dass die Kraft nachlässt. Oft bekommen sie dann Herz-Kreislaufprobleme.“ Erst am Wochenende kam es zu vier Badeunfällen. In Heringsdorf auf Usedom wurde am Sonntag ein 70-jähriger Einheimischer tot im Wasser gefunden. Am Samstag war ein 86-jähriger Berliner beim Baden vor Heringsdorf gestorben. Bereits Anfang Juli kam bei einem Badeunfall ein 79-Jähriger ums Leben. Nur etwas später ertrank am Zippendorfer Strand in Schwerin ein vierjähriges Mädchen im flachen Wasser. Im letzten Jahr gab es landesweit 28 Badetote. 2013 waren es 37. Jeder einer zu viel.

Der ASB musste an den elf Wasserrettungsstationen im Landkreis Ludwigslust-Parchim in diesem Jahr erst drei Mal den örtlichen Rettungsdienst rufen, so Stiehler. „Einmal ist ein Kind im Passower See ins flache Wasser gesprungen und hat sich dabei eine Beinfraktur zugezogen. Und in Neustadt-Glewe saß eine Frau im flachen Wasser, so dass nur noch der Kopf ’rausguckte. Jugendliche haben ihn nicht gesehen und sie überrannt. Dabei kam es auch zu Knochenbrüchen, Schwellungen und in Folge zur Atemnot.“

Baderegeln sollen Unfälle wie diese vermeiden. „Unter dem Steg plantschen ist nicht erlaubt, weil wir da nichts sehen“, zählt Wendlandt auf. Das Laufen auf dem Steg sei untersagt, um Ausrutschen zu vermeiden. Doch oft seien es gar nicht übermütige Jugendliche, die die Regeln nicht einhalten, sondern Eltern mit kleinen Kindern. „Viele Eltern sind sehr unvernünftig und setzen ihre Kleinkinder zum Beispiel auf eine Luftmatratze und schwimmen mit ihnen raus ins tiefe Wasser. Wenn die dann ins Wasser fallen, kann es gefährlich werden“, so Wendlandt. „Viele Eltern diskutieren dann mit uns und sagen: ,Wir passen doch auf‘. Doch letztendlich haben wir die Verantwortung.“

Wie gefährlich eine solche Situation werden kann, zeigt ein Unfall von 2012 im Holtsee (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Ein ehrenamtlicher Betreuer hatte ein achtjähriges Mädchen huckepack zu ihren Freundinnen auf eine Schwimminsel bringen wollen. Dabei geriet das Kind in Panik und umklammerte den Hals des Mannes. Als beide zu versinken drohten, schwamm ein zwölfjähriges Mädchen herbei, um Hilfe zu leisten. Sie ertrank, weil das jüngere Mädchen ihren Hals umklammerte. Der Mann konnte nur die Achtjährige und sich selbst retten. „Grundsätzlich muss man als Rettungsschwimmer gefährliche Situationen frühzeitig erkennen. Dazu zählt auch das Überschreiten von Baderegeln.“, sagt Stiehler. Alle zwei Jahre müssen die Rettungsschwimmer ihr Zertifikat erneuern.

Inzwischen ist es 15 Uhr. Erst zweimal musste Petra Wendlandt jemanden ermahnen. Einmal, eine Mutter, die mit ihrem Kleinkind auf den Steg gegangen ist und einmal einen Jungen, der vom Geländer des Stegs springen wollte. Da bleibt Zeit für ein kleines Eis. Auch das muss sein. Die Rettungsschwimmer des ASB leisten alle ehrenamtlich ihren Dienst. Oft geht dabei der gesamte Jahresurlaub drauf. 308 Wachstunden allein am Roten See kamen in dieser Saison bisher zusammen. „Ich kann eh nicht mehr normal in ein Schwimmbad gehen. Man schaut doch nur aufs Wasser“, meint Lennart. Dass seine Kumpels vielleicht gerade am Strand liegen, stört ihn nicht. „Es ist ein tolles Gefühl zu wissen: Das Kind kann schwimmen, weil ich dafür gesorgt habe. Das Kind hat was davon, die Eltern können beruhigter sein und wir freuen uns.“

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