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Chordirektor : „Jeder kann singen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Chordirektor Ulrich Barthel sieht Chormusik nicht in ihrer Existenz bedroht, bedauert aber, dass es heutzutage viel zu wenige Gelegenheiten zum gemeinsamen Singen gibt

svz.de von
erstellt am 24.Okt.2014 | 11:28 Uhr

Der Chordirektor des Mecklenburgischen Staatstheaters, Ulrich Barthel, ist Mitinitiator und Leiter des Großprojekts „Schwerin singt“. Karin Koslik sprach am Rande der Proben mit ihm.

Star-Dirigent Kent Nagano äußerte sich unlängst besorgt darüber, dass klassische Musik im Alltag junger Menschen kaum noch eine Rolle spielt. Steht es um die Chormusik genauso? Haben Chöre Nachwuchssorgen?

Barthel: Für die Schweriner Singakademie und ihren Kinderchor kann ich das zumindest nicht bestätigen. Zwar verlieren wir immer wieder Sängerinnen und Sänger – aus Altersgründen oder weil sie wegziehen. Aber es kommen auch kontinuierlich neue dazu. Zum Beispiel, weil sie hier eine Arbeit aufnehmen und schon immer gern gesungen haben. Im Opernchor gehen in den nächsten Jahren vier Kollegen in den Ruhestand, ohne dass neue Sänger eingestellt werden dürfen, ein Ergebnis der aktuellen Sparmaßnahmen.

Mancher singt vielleicht gern – aber kann wirklich jeder singen?

Physiologisch gesehen kann, bis auf ganz wenige Ausnahmen – zum Beispiel, wenn das Gehör nicht funktioniert – jeder singen. Bei den meisten, die von sich behaupten, nicht singen zu können, steckt etwas ganz anderes dahinter. Bei vielen sind es ganz einfach Hemmungen, vor anderen zu singen.

Fakt ist aber: Es wird viel zu wenig gesungen. Denn es gibt zu wenige Gelegenheiten dazu. Als wir hier in Schwerin im Sommer zum öffentlichen Chorsingen eingeladen hatten, sprachen mich viele, vor allem Ältere, an und sagten, dass es ganz toll sei, was wir machen würden. Sie hätten sonst ja zum gemeinsamen Singen gar keine Gelegenheiten mehr. Ich hoffe, dass sich das auch wieder ändern wird. Bei vielen Trends ist es ja so, dass sie mal abebben, um dann womöglich noch stärker wieder zurückzukommen.

Lässt die Stimme, lässt das Vermögen zu singen im Laufe des Lebens nach?

Das kommt darauf an, wie man seine Stimme pflegt. Es gibt Sänger, die auch mit über 80 noch über ein fast jugendliches Timbre in ihrer Stimme verfügen.

Ein Chor lebt auch von der Vielfalt der Stimmen. Hört man aus einzelnen Stimmen die Lebenserfahrung der Sänger heraus, geht mir das besonders zu Herzen.

Wie lange dauert es, aus unterschiedlich begabten Sängern einen Chor zu formen?

Das kommt ganz auf den Anspruch an: Soll dieser Chor eine eigene CD aufnehmen, oder soll er auf einer Familienfeier die übrigen Gäste mit ein paar Liedern erfreuen. Letzteres gelingt noch am selben Abend.

Ihr Chorprojekt „Schwerin singt“ hat einen größeren Anspruch. Wie gelingt es Ihnen, mehr als 400 Sänger und rund 100 Musiker zusammenzuführen, zumal Profis und Laien gemeinsam musizieren werden?

Ich mache keine Unterschiede im Umgang mit Profis oder Laien. Entscheidend ist, die Sänger mitzunehmen, sie abzuholen – entweder bei Emotionen, die verbinden, oder bei technischen Details.

Bei den Chören aus Schwerin und Umgebung habe ich in Vorbereitung auf unseren gemeinsamen Auftritt mindestens eine Probe besucht. Die Hauptarbeit leisten aber so oder so die Chorleiter vor Ort, die die Einstudierungen übernehmen. Gemeinsam – auch mit den Musikern der Staatskapelle und des Jugendsinfonieorchesters – probieren wir insgesamt dreimal. Das muss und das wird ausreichen.

 

 

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